Kultur

Überall diese verletzlichen Wesen

Zu Ehren seines 80. Geburtstages ist dem Schweizer Bildhauer Schang Hutter eine grosse Jubiläumsausstellung gewidmet. Begegnung mit einem Künstler, der sein eigenes Lebenswerk besichtigt.

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Den Ort kannte er vorher nicht, aber die beiden ehemaligen Montagehallen haben Schang Hutter gleich gefallen. Hier hat es Platz für seine markanten Harlekine mit den spitzen Nasen, dem unergründlichen Grinsen und den extrem dünnen Beinchen; für seine kegelförmigen Figuren ebenso, die turmartig geschichtet sind und von Eisenketten gebündelt werden; aber es hat vor allem auch Platz für drei seiner grossen Arbeiten wie «Der Verletzlichkeit Raum geben» (1992), «Schlachtfeldbühne» (1991) und die acht Meter hohe Skulptur «Himmelsgras» (1994). Hauchdünn wirkende, lindengrüne ­Figuren drängen hinab auf die Erde, ihr ungelebtes Leben einfordernd.

Ein befreundeter Künstler hatte ­Hutter einst erzählt, dass zwischen Berlin und Frankfurt an der Oder in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs besonders viele junge Männer aus dem «Volkssturm», teils fast noch Kinder, im Kampf gegen die vorrückende Rote ­Armee den Tod fanden. In den zwei grossen Hallen des Tramdepots Burgernziel sind jetzt Werke aus über 60 Jahren Schaffenszeit versammelt, Skulpturen, Porträts (etwa der Schriftsteller Peter Bichsel und Gerhard Meier), Grafiken und Bilder, Arbeiten aus Marmor, Eisen, Stahl und Chrom. In späteren Schaffensphasen griff Hutter vermehrt auf Pappel- und Tannenholz zurück. Und auf dem grossen Vorplatz stehen weitere Arbeiten, etwa der liegende KZ-Häftling zwischen den rostigen Geleisen oder die berühmte «Shoa»-Skulptur, die 1998 landesweit für Furore sorgte, weil sie – als Ende eines Stationsweges zu 200 Jahren Helvetik – von Schang Hutter direkt vor dem Hauptportal des Bundeshauses platziert und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von Mitgliedern der Freiheitspartei abtransportiert wurde.

«Im Kopf bin ich noch klar»

Am 11. August wird der Solothurner Bildhauer 80 Jahre alt. Er, dessen grosses Thema lebenslang die Verletzlichkeit des Menschen gewesen ist, hat in den letzten Jahren diese Zerbrechlichkeit am eigenen Leib erfahren. Hutter erlitt mehrere Hirnschläge, lernte später dank immenser Willenskraft wieder sprechen und schreiben. «Im Kopf bin ich noch klar, nur die Beine wollen nicht mehr so richtig», sagt er lakonisch. Energisch bis hin zu gelegentlichen Wutausbrüchen sei er aber immer noch, versichern Ute Winselmann und Marianne Reich Arn. «Und beim Aufbau hat er gezeigt, wie viel Kraft noch in seinen Armen steckt», sagt Ute Winselmann. Die beiden Galeristinnen haben Hutter bereits früher ausgestellt, das Grossprojekt zum 80.Geburtstag Hutters ausgeheckt und seit Anfang März im Tramdepot realisiert. In der ganzen Deutschschweiz sondierten sie nach einem geeigneten Ausstellungsort, bis sie in Bern fündig wurden und das Tramdepot nun bis November nutzen, ehe dort mit einer Wohnüberbauung ein neues Kapitel aufgeschlagen wird. Die Infrastruktur im Tramdepot, vor allem Lampen und elektrische Leitungen, mussten angepasst werden, besonders kostspielig war der Einbau eines Holzbodens mit Unterboden.

Nach längeren Aufenthalten in Hamburg und Berlin pendelte Schang Hutter fast zwölf Jahre zwischen Genua und ­seinem Domizil in Derendingen. Seit gut ­einem Jahr lebt und arbeitet er nun in ­einer ehemaligen Lampenfabrik im solothurnischen Attiswil. Leben und Arbeiten sind dort «in meiner letzten Lebens­etappe» unter einem Dach versammelt; das ist dem Künstler wichtig, der von sich immer wieder sagte: «Ich will nicht leben, ich will arbeiten.» Schang Hutter sitzt in einem Rollstuhl, ganz in schwarz gekleidet und zeigt auf ­einen Frauentorso aus Stein. Es ist das ­älteste Exponat in der Ausstellung. «Den habe ich als 18-Jähriger gemacht, damals war ich Steinmetzlehrling bei meinem Vater.» Den Betrieb des Vaters hat er dann nicht übernommen, sondern ist aufgebrochen und als 20-Jähriger 1954 an die Akademie der Bildenden Künste nach München gegangen. In der bayrischen Metropole lernte er ältere Mitstudenten kennen, die teils an Leib und Seele beschädigt aus dem Krieg heimgekehrt waren und den jungen Hutter mit ihren Erzählungen beeindruckten. Auf dem Rundgang erzählt er, wie er einmal in einem Freibad in der Umkleidekabine mindestens 30 Bein- und Armprothesen erblickt habe. Später duschte der junge Mann aus der vom Krieg verschonten Schweiz mit Männern, denen Gliedmassen fehlten und die Löcher in den Körpern hatten.

Zweimal war Beate die Muse

Die überlangen Arme vieler seiner Figuren Arme führt Hutter auf Bilder zurück, die er 1965 vom Ungarn-Aufstand in ­Illustrierten entsetzt sah: «Es waren blutjunge Volkspolizisten, die an die Wand gestellt worden waren. Im Moment, als die Kugeln trafen, rissen sie ­reflexartig die Arme in die Höhe.» Diese Erfahrungen prägten sein pazifistisches Weltbild und mögen den Keim gelegt haben zum politischen Engagement, das ihn als SP-Mitglied 1991 gar – erfolglos – für den Ständerat kandidieren liess.

In München traf der junge Schweizer Student auch auf Beate, die seine Liebe zwar nicht erwiderte, aber als Muse Schang Hutter den Durchbruch zur eigenen Formensprache ermöglichte. Hutter zeigt auf das erste Porträt der Münchner Beate und erwähnt, dass einige Jahre später in Solothurn ebenfalls eine Beate mit ähnlichen Gesichtszügen auch ihren Anteil daran hatte, dass er zum «Urkopf aller meiner Figuren» vorstossen konnte. Kurz steht er aus seinem Rollstuhl auf, geht tastend einige Schritte, stützt sich an der Wand ab und drückt auf einen Knopf: Ein Rolltor öffnet sich. Wir blicken auf die kubische «Shoa»-Skulptur, die heute ­einer Solothurner Privatperson gehört und deren Vorderseite versprayt ist. Stört ihn das? «Nein», er schüttelt dezidiert den Kopf, mittlerweile wieder im Rollstuhl sitzend: «Das zeugt zumindest von einer Auseinandersetzung mit meiner Arbeit.»


Die Ausstellung im Tramdepot Burgernziel wurde am Sonntag, 10. August um 14 Uhr eröffnet und dauert bis zum 10. November. Öffnungs­zeiten: Do/Fr, 15–19 Uhr; Sa/So, 10–17 Uhr. Informationen: www.hutter2014.ch

(Der Bund)

Erstellt: 11.08.2014, 12:46 Uhr

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