«Uns interessiert die Umkehrung des Systems»

Die Zürcher Künstler Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo, besser bekannt unter dem Namen !Mediengruppe Bitnik, mischen seit zehn Jahren die Kunstszene auf: lokal, global – und subversiv.

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Wie Nerds sehen sie nicht aus, die beiden Medienkünstler, die mit einem Paket für Wikileaks-Gründer Julian Assange momentan im Helmhaus Zürich für Aufsehen sorgen. Carmen Weisskopf fällt auf mit Ringelstrümpfen und einem schwarzen Winter-Mini; der 35-jährige Doma – so nennen ihn alle – hat schwarzes Haar, ebenso dunkle Augen, trägt Schal und Dreitagebart.

Die 38-jährige Carmen Weisskopf belegte in den 90ern das Fach Neue Medien an der ZHdK, wo sie ihrem späteren Arbeits- und Lebenspartner Domagoj Smoljo begegnete. Die beiden Gleichgesinnten trafen an der Kunsthochschule auf die Netzwerkgeneration der ersten Stunde. «Knowbotic Research» etwa, die bekannte Zürcher Künstlerpioniergruppe, gehörte zu ihren Dozenten.

Es herrschte Aufbruchsstimmung: Alles glaubte ans Internet und an den ungehinderten Zugriff auf grenzenloses Wissen, das die Welt demokratischer und letztlich auch gerechter machen würde. «Heute sehen wir das anders», sagt Smoljo. «Das Internet ist vor allem eine riesige Überwachungsmaschinerie.»

Trotzdem – oder gerade deshalb – greifen die beiden Künstler immer wieder mit den neuen Medien ins lokale und globale Geschehen ein. «Wir wollen Diskussionen auslösen über Überwachung, Privatsphäre und physische Räume», sagen sie.

Wanzen im Opernhaus

Dass sie den Diskurs – vom klassischen Medienrummel bis hin zum Zusammenbruch sämtlicher Kommunikationskanäle im Netz – in Gang halten, bewiesen sie bereits bei ihren künstlerischen Anfängen. Da war etwa 2007 die aufsehenerregende Geschichte, als die !Mediengruppe Bitnik im Zürcher Opernhaus Wanzen anbrachte und via Telefonanruf willkürlich ausgewählten Leuten zu Hause eine Liveübertragung bescherte. Die Aktion «Opera calling» servierte hoch subventioniertes Musiktheater frei Haus. Wo sich sonst nur eine privilegierte Schicht den teuren Spass leisten konnte, propagierte man die Oper für alle. Ein Hackerangriff der höchst vergnüglichen Art war das, der freilich beinahe vor Gericht endete. Ob im Nachhinein vielleicht nicht doch Bitnik ein bisschen Schuld daran trägt, dass man in Zürich Public Viewings aus der Oper oder Aufführungen mitten im Hauptbahnhof miterleben kann?

Die Hüter des öffentlichen Raums

Weitere Interventionen galten den unzähligen Überwachungskameras im urbanen Raum. So organisierte die Mediengruppe Städtetouren etwa durch London, São Paulo, Basel oder Zürich. Mit speziell präparierten Empfangsgeräten liessen sie Besucher Webcams im öffentlichen Raum aufspüren – und anzapfen. Bei einem anderen Projekt legten sie ganz einfach einen elektronisch hochgerüsteten Koffer unter eine öffentliche Überwachungsanlage – und forderten die Menschen hinter den Webcams zum Schachspiel auf. Die Hüter des öffentlichen Raums wurden plötzlich selbst Gegenstand der Observation. «Die Umkehrung des Systems interessiert uns. Wir versuchen, in einem hierarchisch angelegten Überwachungssystem ein Gleichgewicht herzustellen», sagt Doma. Dabei fehlt es nie an Humor, ernsthafte Angelegenheit hin oder her.

Als reichlich absurd empfanden die beiden Künstler die Situation, als sie letztes Jahr in London vor der ecuadorianischen Botschaft auf ein Heer von Polizisten stiessen. Seit Juni 2012 wird hier der Wikileaks-Gründer Julian Assange bewacht. Sofort reizte Bitnik die Frage: Wie würden sie es schaffen, mit dem gegenwärtig wohl bestbewachten Asylbewerber weltweit Kontakt aufzunehmen?

Assange und das Fondue

Dass in Zeiten von NSA und totaler digitaler Observation ausgerechnet die gute alte Post den Zürchern ermöglichte, dem Botschaftsinsassen ein Paket zu schicken, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Und dass ein im Postpaket eingebautes Handy auf seinem Weg in die Botschaft alle 10 Sekunden ein Bild durch ein Loch schoss und dieses auf Twitter sowie auf der Website des Künstlerpaares veröffentlichte, davon erzählt nun die Schau «Delivery for Mr. Assange» im Zürcher Helmhaus. Der Bilderreigen endet mit Aufnahmen von Assange selbst, der kleine Botschaften in die Kamera hält: «Free Nabel Rajab» lautet etwa die Forderung nach der Freilassung des seit Monaten eingesperrten Systemkritikers aus Bahrain.

Von der ecuadorianischen Botschaft aus betreibt Assange weiterhin seine Enthüllungsplattform, lädt Besucher zu sich ein – Bitnik waren viermal da; aber auch Vivienne Westwood oder Oliver Stone machten ihm ihre Aufwartung – und kommuniziert via Wikileaks, Skype oder umgeleitete Server mit der Welt. «Assange ist ein hochintelligenter Mensch», beschreiben Weisskopf und Smoljo den Australier. Dass er auch profane Seiten hat, zeigen im Helmhaus die Alltagsobjekte in dem nachgebauten Londoner Arbeitsraum: Ein Laufband, eine «Simpsons»-DVD oder eine Flasche Whiskey gehören zum Inventar.

«Transparency for the state. Privacy for the rest of us» fordert Assange auf einem seiner letzten Bilder. Dass der Cyberaktivist vor eineinhalb Jahren als verkleideter Pizzakurier in die ecuadorianische Botschaft vordringen konnte, erzählte er den beiden Zürchern erst bei Fondue und viel, sehr viel, Weisswein.

Und übrigens: Der Künstlername !Mediengruppe Bitnik nimmt Bezug auf das Bit, also die kleinste Datenmenge in der Informatik, und meint mit dem vorangestellten Ausrufezeichen gleichzeitig deren Verneinung. Da soll noch einer drauskommen. Aber eben: Computerkunst kommt leicht daher – und ist doch manchmal sehr komplex.

Erstellt: 24.02.2014, 16:32 Uhr

Ausstellung & Veranstaltungen

Bis 6. April. www.helmhaus.org; bitnik.org

Mittwoch, 26. Februar, 17 Uhr: «Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten.» Veranstaltung in der Reihe «5-Uhr-These» mit Felix Stalder, Professor für digitale Kunst an der ZHDK.

Samstag, 8. März: Buchvernissage «Ein Paket für Herrn Assange» von Daniel Ryser, Echtzeitverlag, ca. 29 Fr.

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