Uralt und hip

Der Kunstbetrieb hat neue Lieblinge: Kunstschaffende über 80 sind die aktuellen Überflieger. Dieser Trend ist bis in die Schweiz spürbar.

Der wandelnde Beweis dafür, dass Kunst a) Spass machen und b) jung halten kann: Takako Saito.

Der wandelnde Beweis dafür, dass Kunst a) Spass machen und b) jung halten kann: Takako Saito. Bild: Bernd Thissen/Keystone

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Vincent van Gogh tut Ihnen leid? Weil er in 37 Lebensjahren gerade mal ein Bild verkaufte? Da kann Carmen Herrera nur müde lächeln. Die Kuba-Amerikanerin musste 89 werden, bis ein Käufer anbiss. Das war vor 13 Jahren. Seither aber ist Unglaubliches passiert: Zunächst gabs eine allererste Herrera-Retrospektive in Deutschland, dann zog das Whitney Museum in New York nach. Wenig später erwarb die Londoner Tate etwas für ihre Haussammlung, und als Christie’s diesen Mai Herreras schwarzweisses Streifenbild «Verticals» an seiner Frühlingsauktion anbot, ging das Stück für ziemlich sensationelle 750'000 Dollar weg.

Fast genau zur selben Zeit wurde an der Biennale von Venedig einem gewissen Franz Erhard Walther der Goldene Löwe überreicht. Der Mann stand da kurz vor seinem 78. Geburtstag, doch ausser ein paar Insidern hatte noch niemand von ihm gehört. Und das, obwohl Walther einst mit Polke und Richter studiert und später, an der Kunsthochschule in Hamburg, die «bösen Buben» Jonathan Meese und Martin Kippenberger unterrichtet hatte.

Für ihre in Venedig gezeigten Werke wurde Geta Bratescu (91) zwar nicht ausgezeichnet. Dafür war sie an der wenig später eröffneten Documenta 14 ebenfalls mit dabei. Ein Doppelcoup, der ihr seitenlange Artikel in Kunstzeitschriften bescherte. Es erzählt sich ja auch prima, wie da ein buckliges Weiblein zwar nicht mehr vor die Tür ihrer Atelierwohnung in Bukarest gehen mag, aber trotzdem jeden Tag Kunst produziert – im immer gleichen Schlabberpulli.

Der Markt will Exotik

Wann haben die Senioren das Ruder im Kunstbetrieb übernommen? Klar: Wenn 50 das neue 40 ist und 70 das neue 50, dann mag 90 durchaus das neue 60 sein. Und es macht Sinn, dass es für eine dauergehetzte Multitasking-Gesellschaft etwas Beruhigendes hat, zu sehen, dass auch weit jenseits des Pensionsalters noch was gehen kann. Vielleicht mischt zudem eine gewisse Sensationslust mit, à la «Ui, schau mal, den da haben sie gerade erst entdeckt ... mal sehen, wie lange ihm noch Zeit bleibt, seinen Ruhm zu geniessen!»

Klingt herzlos? Gewiss. Aber für sein grosses Herz war der Kunstmarkt noch nie bekannt. Und es ist nun mal der Markt, der heute die Trends setzt. Als Business, das je länger, je mehr funktioniert wie die Modebranche, muss er jede Saison etwas Neues aus dem Hut zaubern. Schliesslich will die Käuferschaft nicht immer nur die gleichen sicheren Werte vorgesetzt bekommen, sondern auch mal etwas Exotisches. Was der Mode ihr Plus-Size-Model, ist der Kunst ihr Ü-80-Künstler.

Ausserdem: Wie viel bequemer ist es für einen Galeristen, einen Senior zu «entdecken» mitsamt seinem über Jahrzehnte angewachsenen Werkbestand, als einen Jungspund frisch ab Kunstschule aufbauen, promoten, antreiben zu müssen? Die späten Durchstarter sind ein Glücksfall. Einerseits gewohnt, am Ball zu bleiben, selbst wenn nichts dabei rausschaut – andererseits trainiert darin, immer wieder neue Ideen zu entwickeln. Die Chancen, dass hinter einer solch toughen Arbeitsroutine ein Œu­v­re mit Substanz steckt, stehen gut.

Absolute Raritäten

Dasselbe gilt für die Chancen, dass es sich bei der Neuentdeckung um eine Frau handelt – weil hier nun mal eine Generation ins Rampenlicht rückt, in der es die Männer waren, die Karriere machten, Entscheidungen fällten, untereinander vernetzt waren. Frauen, die Kunst schufen, wurden im besten Fall als Kuriosum geduldet. Im schlechtesten wegignoriert, wie die Amerikanerin Judith Bernstein, die mitten im Minimal-Art-Hype der 1960er unbeirrt ihre Graffiti-Penisse malte. Wenn Bernstein heute etwa bei der Zürcher Trendgalerie Karma International gleichberechtigt neben Jungstars wie Pamela Rosenkranz rangiert, dann deshalb, weil erst jetzt erkennbar wird, wie unerhört eigenständig, radikal feministisch und, ja, zeitlos ihr Werk ist. Wie sagte doch Lubaina Himid, die diesjährige, immerhin 61-jährige Turner-Prize-Gewinnerin, an der Siegerehrung? Manchmal müsse die Zeit für einen Künstler eben erst reif werden.

Und die Kunstpreis-Jurys, möchte man anfügen, weitsichtig genug, Alterslimiten aufzuheben; bis 2016 war etwa beim Turner Prize bei 50 Jahren Schluss. Denn wo Markt und Ehrungen vorliegen, da ziehen die Museen zwangsläufig mit. Nie zuvor gab es mehr Ü-80-Kunst zu sehen als jetzt. Allein in der Schweiz: Im Migros-Museum ist für Sommer 2018 die peruanische Pop-Art-Oma Teresa Burga (82) programmiert. Das Haus Konstruktiv stellte unlängst Vera Molnar (93) vor, die schon mit computerunterstützter Kunst experimentierte, als kaum jemand wusste, was ein Computer ist. Und Etel Adnan aus dem Libanon, 92 Jahre, wird bald nicht nur im Zentrum Paul Klee zu Gast sein, sondern auch dauerhaft in der Sammlung des Kunsthauses Zürich. Und zwar, wie dessen Kuratorin Mirjam Varadinis erklärt, «als Dokument dafür, dass parallel zum westlichen, männlich geprägten Kunstkanon auch noch anderes entstand».

Und, möchte man anfügen, als absolute Rarität: In Zeiten, in denen wir alles Mögliche ab Entwicklungsstadium mitverfolgen – von Karrieren in Castingshows bis hin zum In-vitro-Baby – hungern wir nach dem, was jenseits unserer Kontrolle entstanden ist. Bloss, wer diesen Hunger stillen will, muss auch bereit sein, vermeintliche Gewissheiten wie die Kunstgeschichtsschreibung zu hinterfragen und nachträglich zu korrigieren. Bei Vincent van Gogh hat das ja auch schon geklappt.

Etel Adnan Die Vielseitige

Ein Leben lang unbeachtet im stillen Kämmerlein vor sich hin arbeiten? Nicht mit Etel Adnan. Die Kunst der heute 92-jährigen Libanesin wurde zwar tatsächlich erst an der Documenta 13 im Jahr 2012 entdeckt. Aber das vor allem deshalb, weil Adnan zuvor schlicht anderes um die Ohren gehabt hatte. Nachdem sie Philosophie an der Sorbonne, in Berkeley und in Harvard studiert hatte, arbeitete sie zuerst als Dozentin in den USA. Anfang der 70er-Jahre kehrte sie in den Libanon zurück, arbeitete als Feuilletonjournalistin, musste dann vor dem Bürgerkrieg nach Paris fliehen und schrieb einen Antikriegsroman. In den 80ern zog es sie erneut in die USA, wo sie Theaterstücke verfasste und an einer Oper mitschrieb. Daneben entstanden Gedichte, Hörspiele – und, eben: Kunst. Kleinformatige, intensiv bunte, meist abstrakte Gemälde, die Adnan gern als Serie an die Wand hängt. Und die, weil geistig durch Grossmeister Klee befeuert, bald im Zentrum Paul Klee in Bern zu sehen sein werden (15. 6.–7. 10. 2018).

Takako Saito Die Verspielte

Wenn Pipilotti Rist eine Seelenverwandte in Japan hat, dann ist es Takako Saito. Die 88-jährige Vollblutkünstlerin ist der wandelnde Beweis dafür, dass Kunst a) Spass machen und b) jung halten kann. Kein Foto der kleinen kurligen Dame, auf dem sie nicht übers ganze Gesicht strahlt. Meist trägt sie auf den Aufnahmen ihre eigenen Werke am Leib. Denn für Saito, seit den 1960ern ganz der Neo-Dada-Strömung Fluxus verpflichtet, gehört Kunst nicht an die Wand, sondern hinein ins Leben: in die Mode, ins Design, überhaupt in den zwischenmenschlichen Umgang. Wer ihre Ausstellungen besucht, wird schon mal dazu aufgefordert, selbst Hand anzulegen – und das Kreierte dann, gleichberechtigt mit der Meisterin, zu signieren. Starallüren? Für Saito ein Fremdwort. Sie ist glücklich, wenn die Leute um sie herum glücklich sind. Und dafür tanzt sie ihnen auch gern mal etwas vor, wie – siehe Youtube – neulich bei der Eröffnung ihrer Schau im Museum für Gegenwartskunst im deutschen Siegen (noch bis 18. 2. 2018).

Teresa Burga Die Feministische

Mach mal innovative Kunst, in den 60ern, als Frau – und dann noch in Peru! Als Teresa Burga (82) ihre Berufung zum Beruf machen wollte, hatte ihr Heimatland andere Probleme, als sich mit den penetrant bunten, explizit feministischen Arbeiten einer Kunstschulabgängerin herumzuschlagen. Die Wirtschaft lag darnieder, die Militärdiktatur verbreitete Schrecken. Also blieb Burga nicht viel anderes übrig, als sich ihr Brot in einem «normalen» Job zu verdienen: Sie ging zur Zollbehörde. Dass sie nebenher aber nie aufhörte, kreativ tätig zu sein, belegt ein üppiger Werkfundus, der erst seit etwa fünf Jahren nach und nach erschlossen wird. Da ist viel Pop-Artiges darunter, aber auch Konzeptuelles, und bisweilen meint man, eine Prise Dada auszumachen. Das Migros-Museum in Zürich ist derzeit daran, den ersten institutionellen Auftritt Burgas in der Schweiz vorzubereiten (26. 5.–12. 8. 2018). Der dürfte nicht nur die Entdeckung einer «neuen» Künstlerin, sondern eines ganzen Subkontinents bereithalten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 17:45 Uhr

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