«Vallotton liess mich erstarren»

Ein Zürcher Sammler hat dem Kunsthaus Zürich für die Félix-Vallotton-Ausstellung seine spektakulären Bestände ausgeliehen. Der Leihgeber und gleichzeitige Kurator der Ausstellung will anonym bleiben, verrät jedoch sein Vallotton-Erweckungserlebnis.

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Sie besitzen eine der weltweit grössten Privatsammlungen von Vallotton-Bildern – und möchten anonym bleiben. Warum?
Erstens ist die Sammlung aus der privaten Sammlerleidenschaft von meiner Frau und mir entstanden, und ich möchte, dass diese sehr persönliche Auswahl Privatsache bleibt. Zweitens gehöre ich nicht zu denen, die sich mit ihrem Besitz profilieren wollen.

Und die Befürchtung, Diebe könnten auf Sie aufmerksam werden, war kein Faktor?
Doch. Die Leute, die in die Sammlung Bührle eingebrochen sind, möchte ich nicht einladen.

Stichwort Sammlerleidenschaft: Was war bei Ihnen der Auslöser?
Im Haus meiner Eltern gab es eine Broschüre über Vallotton. Darin waren einige seiner Spätwerke abgebildet, die plakativ und bunt sind, und die gefielen mir seinerzeit, als ich 14 war. Danach habe ich Vallotton vergessen. Doch 1964, kurz vor unserer Hochzeit, gingen meine nachmalige Frau und ich an die Expo in Lausanne. Im Palais Beaulieu gab es eine Ausstellung «Chefs d’Œuvre des collections suisses». Dort hingen sechs Vallottons. Vor einem davon erstarrte ich und sagte: «So einen muss ich auch mal haben.»

Welches Bild war das?
«La chambre rouge» von 1898.

Können Sie erklären, warum das Bild Ihnen so durch und durch ging?
Auffällig ist, dass da ein Innenraum mit vielen Details dargestellt ist. Und erst auf den zweiten oder dritten Blick entdeckt man im Dunkel der offenen Tür das tuschelnde Paar . . .

. . . das mit irgendwelchen Intimitäten befasst ist.
Genau. Offenbar ist die Dame bei dem Herrn zu Besuch. Auf dem Tisch hat sie ihren Sonnenschirm, ein Täschchen und ihre Handschuhe abgelegt. Verheiratete Frauen besuchten damals unverheiratete Männer gern um fünf Uhr nachmittags. «Cinq heures» wurde zu einem stehenden Begriff für so ein Stelldichein. Im Spiegel reflektiert ist ein Gemälde von Edouard Vuillard, das dieser Vallotton geschenkt hatte. Witzig dabei ist, dass dieses nicht spiegelbildlich dargestellt ist.

Haben Sie all diese Details damals schon wahrgenommen?
Das mit Vuillard habe ich natürlich erst viel später erfahren, durch die Beschäftigung mit Vallotton. Aber dass da im Vordergrund ein leeres Zimmer ist und die «Handlung», wenn man so will, sich im Schatten abspielt, das fand ich irrsinnig toll.

War es das Erzählerische an diesem Bild, das Sie fasziniert hat, oder eher das Formale?
Eher das Formale und die Farben.

Waren Sie damals generell kunstinteressiert?
Nein. Ich war leidenschaftlicher Naturwissenschaftler. Meine Frau hat mich zur Kunst geführt. Ihr Grossvater war Organist am Fraumünster und ein gefürchteter Musikkritiker. Es gab in dieser Familie also ein Interesse für solche Dinge.

Die meisten Leute gehen in ein Museum, sagen: «Oh, das gefällt mir aber», und das ist es dann. Warum müssen Sie die Vallottons besitzen?
In einem Wohnraum, wenn sie in eine normale Lebensumgebung eingebettet sind, wirken Bilder viel schöner als in einem Museum. Dann leben sie mehr.

Das hat aber auch sehr viel damit zu tun, wie man mit den Bildern umgeht. Ich kann mich erinnern, dass Ihre Frau einmal Tulpen in dem genau richtigen Violett vor ein Bild gestellt hatte und dazu auch noch ein passendes Twinset trug.
Ja, solche Dinge hat sie gemacht.

Nun werden Ihre Bilder aber in einem Museum gezeigt. Was ist das für ein Gefühl, wenn man sie da hängen sieht?
Am Spannendsten ist es, wenn Pendants zusammengeführt werden. Das will ich ja auch mit dieser Ausstellung wieder erreichen. Zum Beispiel besitze ich zwei Bilder, die in Vallottons handschriftlicher Werkliste als «Nu dans atelier, profil» und «Nu dans atelier, face» bezeichnet sind. Mir fehlt aber der ebenfalls dort aufgeführte Rückenakt. Dank dem Entgegenkommen eines anderen Sammlers kann ich jetzt zum ersten Mal alle drei Ansichten nebeneinander zeigen. Ich bin sehr glücklich darüber. Die kleine Rückenansicht wirkt besonders intim.

Sie stellen für die Ausstellung «Schöne Zeiten» im Kunsthaus nicht nur all Ihre 26 Vallotton-Bilder zur Verfügung, sondern Sie kuratieren diese Ausstellung auch. Wie kam es dazu?
Im Sommer 2012 hatte Christoph Becker, der Direktor des Kunsthauses Zürich, die Idee, wir könnten die Kunsthaussammlung und die Sammlung von mir und meiner inzwischen verstorbenen Frau zusammen zeigen. Die Idee gefiel mir gut. Es gab im Lauf der Monate verschiedene Besprechungen, und kurz vor Weihnachten sagte Herr Becker: «Aber du weisst: Du bist der Kurator.» Oha!

Und nach welchen Kriterien haben Sie die Bilder gruppiert?
Die beiden Sammlungen ergänzen sich ja sehr schön, und so habe ich versucht, die Bilder so zusammenzustellen, dass die Beziehungen zwischen ihnen sichtbar werden. Besonders gut gefällt mir der eine Raum, in dem es um eine Reise in die Schweiz geht, die Vallotton 1900 mit seinem Malerfreund Vuillard unternahm. Da ist dann auch ein Gemälde dabei, das Vuillard gemalt hat, «Les collines bleues». Und daneben hängt Vallottons Bild «Environs de Lausanne», auf dem es ebenfalls blaue Hügel gibt.

Wie steht es mit den Aktgemälden?
Einige sind sehr schön oder witzig. Generell habe ich aber mit Vallottons Akten eher Mühe.

Kehren wir zurück ins Jahr 1964, als Ihre Vallotton-Begeisterung entfacht wurde. Was geschah dann?
Danach haben wir das ein bisschen vergessen. 1972 oder 1973 sahen wir in der Zeitung das Inserat eines Kunsthändlers, der Vallottons anbot. Doch die waren uns zu düster. 1973 kauften wir dann bei einem anderen Händler unser erstes Vallotton-Bild, und das gehört immer noch zur Sammlung. Alle anderen aus unserer ersten Sammelphase haben wir dann wieder abgestossen, weil wir sie nicht gut genug fanden.

Welches ist das Bild, das Sie behalten haben?
«Vallée de la Cagne», ein spätes Landschaftsbild von 1921. Vier Jahre später ist Vallotton gestorben.

Vallotton machte zwar Studien in der Natur, setzte diese dann aber oft zu künstlichen Landschaften, sogenannten paysages composés, zusammen. Wie steht es mit diesem Bild?
Das ist keines der «paysages composés». Es gibt dazu eine Bleistiftskizze, die genau den Bildaufbau vorgibt und die Farben benennt. Aber heute führt eine sechsspurige Autobahn quer durch diese Ansicht. Und dahinter reihen sich lauter kleine Ferienhäuser, jedes mit Palmen und einem eigenen Swimmingpool. Das Schloss hinten links im Bild, das gibt es aber noch. Das ist das Stammschloss der Familie Grimaldi in Cagnes-sur-Mer.

Was hat so ein Bild 1973 gekostet?
Das möchte ich nicht sagen. Aber es war auf jeden Fall sehr billig, verglichen mit dem, was so ein Bild heute kostet.

War Vallottons Kunst von Anfang an eine gemeinsame Passion von Ihrer Frau und von Ihnen?
Den Auslöser habe ich ja beschrieben. Aber meine Frau liess sich anstecken, und wir hatten auch den gleichen Geschmack.

Haben Sie immer nur Werke von Vallotton gesammelt? Nie von anderen Malern?
In meiner Jugend sammelte ich Briefmarken. Und da habe ich gelernt: Es ist besser, eine vollständige Sammlung von Marken eines bestimmten Landes zu haben als unvollständige Sammlungen von Marken verschiedener Länder. Das habe ich dann auf Vallotton angewandt.

Eine vollständige Sammlung haben nicht einmal Sie. Aber offenbar doch die grösste Privatsammlung – abgesehen von jener der Familie Hahnloser, die Vallotton persönlich kannte und förderte. Hätten auch Sie ihn gerne kennen gelernt?
Nein, eigentlich nicht. Ich glaube, er war ein mühsamer Mensch, selbstquälerisch und depressiv. Also, mal kennen gelernt hätte ich ihn schon gern, aber intensiveren Umgang mit ihm hätte ich nicht gewollt.

Wussten Sie schon nach dem Kauf des ersten Bildes, dass Sie weitersammeln wollten?
Ja, das wussten wir, obschon wir keine Ahnung hatten, wie man sammelt. Doch 1978 lernten wir einen Kunsthändler kennen, der eine ähnlich grosse Liebe zu Vallotton hatte wie wir.

War das der Kunsthändler F.?
Auch seinen Namen möchte ich aus Gründen der Konsequenz nicht nennen. Dank ihm kamen wir dann an bessere Bilder heran, weshalb es in unserer Sammlung diese Umschichtung gab. Wir haben uns langsam hochgearbeitet. Immer, wenn ein Erbe Geld brauchte oder eine Witwe ein Bild unter ihrem Bett hervorzog, wusste der Händler das und reservierte das Bild für uns. So wuchs unsere Sammlung und wurde immer ein bisschen besser, bis ich mir eines Tages einen Wunsch erfüllen und «L’attente» kaufen konnte.

Das ist ein Bild, das viel zu tun hat mit dem Bild, das Sie 1964 in Lausanne hatte erstarren lassen.
Ja, es ist ein Jahr später als «La chambre rouge» entstanden, 1899. Die Thematik ist ähnlich: Man sieht einen Mann, der, hinter einem Vorhang verborgen, verstohlen auf die Strasse hinausblickt. Das Interieur ist wieder sehr genau dargestellt: Auf dem Tisch stehen ein Blumenstrauss, eine Flasche Wein mit zwei Gläsern und Biskuits auf einem Teller. Der Fall ist klar: Der Mann wartet darauf, dass seine Geliebte zum «cinq heures» erscheint, will aber beim Warten nicht gesehen werden.

Eines Ihrer Bilder heisst in Ihrer Familie «Oh, du verreckte Siech!». Welches?
Das ist ein Sonnenuntergang, «Le crépuscule», aus dem Jahr 1900. Den werden Sie jetzt auch im Kunsthaus sehen.

Und warum heisst es so?
Unser Freund, der Kunsthändler, hat das Bild damals geradezu inszeniert, als er es uns zum ersten Mal zeigte. Er hatte es zuerst mit der Rückseite zu uns hingestellt und zeigte es dann fast wie ein Bühnenzauberer. Dabei entfuhr mir eben dieses «Oh, du verreckte Siech!». "«Besser eine vollständige Briefmarkensammlung eines einzigen Landes haben als unvollständige verschiedener Länder.»"

Erstellt: 05.07.2013, 08:29 Uhr

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