Verlorene Landstriche

Das Kunstmuseum Solothurn illustriert mit einer beeindruckenden Retrospektive zu Turo Pedretti sowie Werken von Peter Stoffel das steigende Interesse am expressiven Realismus in der Schweizer Malerei.

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Letztes Jahr die grosse Expressionismus-Schau im Kunsthaus Zürich, jetzt die Max-Gubler-Retrospektive in Bern: Das Kunstmuseum Solothurn trifft mit der umfassenden Ausstellung über den 1896 geborenen Bündner Maler Turo Pedretti einen Nerv. Realismus an der Grenze zum Ungegenständlichen und in der Tradition des Expressionismus war in der Schweizer Nachkriegs­moderne eine je länger, desto schwieriger zu vertretende Position, zumal die Malerei ohnehin in Verruf geriet, einer vergangenen Zeit anzugehören. Nicht mehr, scheint es.

Tatsächlich erzeugt Pedretti in aller seinen Bildern eigenen Ruhe eine noch heute wahrnehmbare Kraft, ausgehend von einem ernsten Grundton und der ständigen Präsenz des Todes: Schneelandschaften, Mondnächte, eine Prozession, Jagdszenen, tote Tiere, zum Beispiel ein fantastischer Fuchsbalg vor rot-schwarzem Grund. Pedretti sucht und findet einen eigenen Ausdruck in einer Zeit, die sich künstlerisch längst ganz woandershin bewegt. Wer damals mit ihm auf derselben Reise war, machen – schöne Koinzidenz – die ausgestellten Bestände aus der Sammlung des Museums deutlich: Gubler, Giovanni Giacometti, Amiet, Berger.

Aus der Perspektive des Fossils

Neben den Werken Pedrettis zeigt das gegenwärtig etwas baustellengeplagte Kunstmuseum Solothurn Bilder von Peter Stoffel, denen man die Prägung durch die jahrzehntelange Diskussion über die Möglichkeiten der Malerei ansieht. Sie sind, in den Worten des 1972 im Appenzell geborenen Stoffel, «kunstgeografisch ein einsamer, verlorener Landstrich, nicht geometrisch, nicht abstrakt, weder Figur noch Landschaft».

Und doch ist «Nordwestpassage» als Ausstellung eines Landschafters konzipiert: grosse Gemälde mit dunklen, kristallinen Flächen, Querschnitten durch Mineralien nicht unähnlich, die die Welt wie aus der Perspektive eines Fossils zu zeigen scheinen, wie Daniel Spanke, Kurator am Kunstmuseum Bern, im Katalog zur Ausstellung schreibt. Stoffel möchte «einmal die Berge von unten sehen». Dort müssen Kräfte walten, die grosse Linien ziehen und doch alles zerkleinern, ständige Unruhe erzeugen, Muster von Druck, Bewegung und Durchbruch, wie sie Stoffels Bilder zeigen.

An den Rändern zu faul

Im graphischen Kabinett des Museums zeigt er Arbeiten auf Papier, ebenfalls Landschaften in verschiedenen Abstraktionsgraden. Einige sehen aus wie schlecht aufgelöste Digitalkarten und erinnern an Slavoj Žižeks Vorstellung der Realität, die der liebe Gott wie ein Computerspiel nur da zu Ende programmiert hat, wo es wichtig ist. An den Rändern hingegen war er zu faul. Stoffel erfasst diese unklare Welt in vielen Kleinformaten.

Mit einer Ausnahme: Das namenlose Werk mit der Nummer 30, Bleistift und Gouache, ein dunkler Gletscher mit Felsen wie schwarzes Eis, ist apokalyptisch monumental und wäre, denkt man als betrachtendes Fossil, repräsentativ genug für die Bundeskunstsammlung. Zu der der langsam wieder Beachtung findende Turo Pedretti übrigens längst gehört.

Kunstmuseum Solothurn: Turo Pedretti. Eine Retrospektive, bis 25. Mai. Peter Stoffel: Nordwestpassage, bis 14. Juni. (Der Bund)

Erstellt: 16.03.2015, 13:18 Uhr

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