Nachruf

Verschlungene Wege zum Ruhm

Hans Erni ist mit 106 Jahren gestorben. Erst als er auf Distanz zum linken Gedankengut ging, flogen ihm die Herzen des Publikums zu. Der Luzerner Künstler hinterlässt ein umfangreiches Werk.

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Am 21. Februar 1909 wurde Hans Erni in Luzern geboren. Sein Vater fuhr als Maschinist auf dem Vierwaldstättersee-Dampfer Unterwalden. Der Lohn war knapp, die Familie zahlreich. Doch Erni betonte immer wieder, dass er sich als Kind geborgen gefühlt habe. Der Vater muss seine Leidenschaft für Technik auf den Sohn übertragen haben. In zwei Berufen liess sich Erni ausbilden: als Vermessungstechniker und als Bauzeichner. Zudem erwarb er als Schützling des Erfinders Paul Jaray das Flugbrevet.

Die Kunstgewerbeschule Luzern besuchte er nur ein Jahr lang; ergiebiger waren Reisen etwa nach Berlin und ein längerer Besuch in Paris von 1932 bis 1934. Während dieses Aufenthalts in der europäischen Kunstmetropole setzte er sich mit der Avantgarde, insbesondere mit Picasso und Braque, auseinander. Erni selbst malte an der Grenze zwischen reiner Abstraktion und Surrealismus; er trug sich als Mitglied der internationalen Gruppe «Abstraction – Création» ein. In der Schweiz gehörte er zu den Gründern der «Allianz», jener Vereinigung, die alle progressiven Künstler des Landes zusammenbrachte, Nicht­figurative und Surrealisten. Erni war in London, als ihn der wohl grösste Auftrag erreichte, den die Eidgenossenschaft je zu vergeben hatte.

Neuer Realismus

Hans Erni sollte für die Landesausstellung 1939 an der Aussenwand eines Musterhotels einen Bilderfries «Die Schweiz, das Ferienland der Völker» gestalten: 100 Meter lang und 5 Meter hoch. Nicht nur die äusseren Dimensionen des Wandbildes, auch Ernis Gestaltungsstil sprengten das Herkömmliche. Er malte in der Art der Neuen Sachlichkeit: Kristallklar, überscharf genau die Motive, und er vermied den Landi-Stil, das im Zeichen der Geistigen Landesverteidigung ­stehende, biedere vaterländische Pathos. Harte Kontraste hat er nicht gescheut, sondern gesucht: älplerisches Brauchtum neben moderner Technik, eine katholische Prozession neben einem Eisenbahntriebwagen. Nun war er geboren, jener vor allem von der politischen Linken ersehnte Realismus, der die technisierte Gegenwart mutig bejahte.

Im Namen der Freiheit

An der Konzeption von Ernis Wandbild war der marxistische Denker und Kunsthistoriker Konrad Farner (1903–1974) beteiligt. In seiner Schrift «Hans Erni. Ein Maler unserer Zeit» von 1945 hob Farner hervor, dieser gehöre zu den wenigen Künstlern des Landes, die ihre Kunst in den Dienst des Sozialismus gestellt hätten; er sei der einzige Humanismus, der ins Gewicht falle.

Eine Zeit lang war Ernis Anschluss an Kreise, die links von der Sozialdemokratie standen, für alle Beteiligten lohnend. Aber der Kalte Krieg spitzte sich zu, und 1956 erstickte die Sowjetunion den Aufstand des Satellitenstaates Ungarn mit Waffengewalt. Gegen Farner und dessen Familie richtete sich die Volkswut. Als Künstler ins Abseits getrieben (die Post stellte ihre Aufträge für Markenentwürfe ein, ein Plakat von 1954 wurde verboten und der Auftrag, neue Geldnoten zu gestalten, zurückgezogen), widerrief Erni öffentlich seine Sympathien gegenüber dem Sozialismus und dem Kommunismus. Seine Absage auf der Frontseite der «Luzerner Neuesten Nachrichten» endete mit dem Satz: «Panzer haben meinen Weg zerstört, die Lehre habe ich gezogen, im Namen der Freiheit.»

War sich Erni, im Grunde genommen ein unpolitischer Mensch, über die Folgen seines Schrittes im Klaren? Trieb ihn seine Harmoniesucht dazu? Oder fürchtete er, durch den Druck des Bürgertums in der materiellen Existenz vernichtet zu werden? Die allmähliche Aushöhlung seiner politischen Überzeugung hatte wohl schon früher begonnen, etwa von 1948 an, als seine erste Frau Gertrud Bohnert, Kunstgewerblerin und entschiedene Sozialistin, die ihm Halt verliehen hatte, tödlich verunfallte.

Es geht hier nicht darum, über Hans Erni Gericht zu sitzen, weil er die Pferde gewechselt hat. Aber es sei hervorgehoben, dass mit dem Zerbrechen seiner linken politischen Haltung auch sein Künstlertum gelitten hat. Seine Bilder verfielen von den 50er-Jahren an immer mehr der Routine und blieben dem rein Dekorativen verhaftet. Vor allem die Menschenfigur, zentrales Thema seines Schaffens, entleerte sich zum ornamentalen Gekräusel, zur blossen Kalligrafie. Einerseits überschwemmte er den Markt mit idyllischen Mutter-und-Kind-Szenen und anderen Nackedeis, mit gänzlich unverbindlichen Anspielungen auf den griechischen Mythos, mit ungezählten, sich tummelnden Pferdchen, anderseits versuchte er sich weiter an den grossen Themen der Zeit.

Idealisierender Hang

Gerade letztere Bilder sind nicht immer unproblematisch: In den verschiedenen Fassungen seiner Darstellung einer Herztransplantation zeigt Hans Erni etwa einen Chirurgen fast wie einen Medizinmann oder einen Guru. Der Vorgang selbst hat was von einem magischen Akt. Derart wird der Triumph des technischen Fortschritts naiv gefeiert; Zweifel und Fragen, die sich im Zusammenhang mit Organtransplantation aufdrängen können, werden ausgeklammert.

In dem 1979 auf dem Areal des Luzerner Verkehrsmuseums errichteten Hans-Erni-Museum versucht Erni die geistige Evolution der (westlichen) Menschheit anschaulich zu machen. Den sagenhaften Kulturbringer Prometheus, die griechischen Vorsokratiker, dann Augustin, Luther, Descartes und Newton, endlich Darwin, Marx, Freud und viele andere Künstler, Denker und Wissenschaftler hat er geordnet zu einem Reigen der Geistesgeschichte. Das Resultat ist ein monumentales, etwas kitschiges Bilderbuch, besonders greifbar in einem fiedelnden Einstein oder in einer den Tanz beschliessenden harmlos-hübschen Pandora im wehenden Hemdchen. Mit einer Ansammlung von Porträts grosser Persönlichkeiten lässt sich die abstrakte Idee der geistigen Entwicklung der Gattung Mensch nicht adäquat darstellen.

Hans Ernis politischer Kniefall in den 50er-Jahren versöhnte das bürgerliche Lager erst allmählich. Hätte er damals nicht den Zugang zum amerikanischen Markt und später die Gunst der Japaner gewonnen, als Künstler hätte er nur mühsam überleben können. Dank dem neu erschlossenen Publikum wurde er nicht nur reich, sondern der weltweit wohl bekannteste Künstler der Schweiz.

Insbesondere seine Vaterstadt trug ihm seine linke Vergangenheit lange nach. Noch 1961/62 schieden sich die Geister an seinem Plakat «Rettet das Wasser»: Eine Hand streckt ein Wasserglas hin, in dem ein Totenkopf aufscheint. Dieses Motiv wurde in Luzern mit der Aufschrift überklebt: «Erni, zeig den Totenkopf lieber in Moskau!»

Erst 1967 schloss Luzern Frieden mit dem abtrünnigen Sohn: Er erhielt den städtischen Kunstpreis. Im September 1979 wurde das Museum feierlich eröffnet, das seinen Namen trägt; der Künstler war nun auch zu Hause auf dem Gipfel des Ruhms angelangt.

Übers Ganze gesehen ist Ernis Leben und Wirken von einer Tragik überschattet, die ans Komische grenzt. Erst nachdem man ihm die Reisszähne gezogen hat, applaudiert ein grosses Publikum. Ernis verwässerter Modernismus kommt nun gut an, gerade auch in Übersee. Weil die Zeit ihn überholt hatte, trug sein Ruhm anachronistische Züge.

* Der Autor, 1929 geboren, ist Kunstkritiker und Publizist in Zürich. Von 1971 bis 1995 war er Kulturredaktor beim «Tages-Anzeiger». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.03.2015, 13:29 Uhr

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