Was Frauen mit der Kunst machen

Die Schweizer Museen bieten diesen Frühling eine sehenswerte Übersicht zum Schaffen von Frauen. Für Trophäenkäufe sind diese Werke weniger geeignet.

Die Installation «Hell Yeah We Fuck Die» von Hito Steyerl im Kunstmuseum Basel. Foto: © Pro Litteris, Zürich, Julian Salinas

Die Installation «Hell Yeah We Fuck Die» von Hito Steyerl im Kunstmuseum Basel. Foto: © Pro Litteris, Zürich, Julian Salinas

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Auf die Werke von Hito Steyerl muss man sich einlassen. Jede Arbeit ist ein Wunderland für sich – voller Geheimnisse und Widersprüche. Man kommt aus einer Steyerl-Erfahrung anders heraus, als man in sie hineinging. Ein bisschen klüger, ein bisschen nachdenklicher und meistens verblüfft.

Das funktioniert etwa so: In einem Raum stehen Leuchtkästen in Form von Buchstaben. Sie bilden fünf kurze englische Worte: Hell. Yeah. We. Fuck. Die. Es sind die häufigsten Worte in den englischen Popsongs der letzten zehn Jahre (wie eine Big-Data-Recherche der Künstlerin ergab). Hell, yeah! Fuck, die! Das klingt nach einer aufgekratzten Rockerparty, doch diese Stimmung stellt sich in der Ausstellung «War Games» im Basler Museum für Gegenwartskunst, wo Hito Steyerls Werke zu sehen sind, kaum ein. Zu weiss, zu steril sind die Leuchtkästen. Und zu technisch wirken die Monitore im Saal. Auf den Bildschirmen sieht man, wie Roboter trainiert werden. Mechanische Wesen, die wie Hunde ohne Köpfe oder wie Riesen aussehen. Menschen versetzen ihnen derbe Tritte oder stellen ihnen Fallen. Es sind Youtube-Trouvaillen, diese tapsig-bedrohlichen Geschöpfe gibt es also wirklich.

Eine andere multimediale Erzählspur liefert Fakten über die Sportart Parkour, die in der Fremdenlegion für die Bewältigung von Flucht- und Kampfsituationen in einer urbanen Umgebung entwickelt wurde und die durchtrainierte Soldaten zu beinahe roboterhaften Sprüngen und Kletterpartien befähigt. Eine gefilmte Reflexion über den anatolischen Gelehrten Al Jazari, der im 12. Jahrhundert die ersten programmierbaren Apparate erfand, trägt zur Vervollständigung dieser mentalen Landschaft bei. Wohnt man hier dem Rauschen des kollektiven Unterbewussten bei? Hell, yeah, do we humans really fuck die?

Selbstporträt der Österreicherin Maria Lassnig, «sans pitié». Foto: Maria Lassnig Stiftung

Die deutsche Künstlerin Hito Steyerl wurde einer breiten Öffentlichkeit erst vor drei Jahren bekannt, als sie im deutschen Pavillon an der Biennale in Venedig ihr Werk «Factory of the Sun» vorstellte. Mit einem scheinbar harmlosen Computerspiel lud die 51-Jährige die flanierenden Besucher zu einer Reflexion über das Licht ein, das unsichtbare Trägermedium des virtuellen Manipulationsspiels mit wechselnden Realitätsebenen. Seither gilt Steyerls hochintellektuelle und zugleich spielerische Auseinandersetzung mit der digital verformten Wirklichkeit als die aktuellste Kunst der Gegenwart. Die britische Zeitschrift «Art Review» hat sie 2017 (mehr oder weniger willkürlich) zur mächtigsten Frau der Kunstszene erkoren, was als Signal einer eigentlichen Kunstzeitenwende gedeutet wurde: Der Geist, nicht nur das Geld, sollen fortan das Universum der schönen Künste regieren.

«Jung, schlau, keine Zukunft»

Steyerl selbst sieht sich eher als Identifikationsfigur der Generation ihrer Studenten (sie ist Kunstprofessorin in Berlin), die sie in einem Interview mit der «Zeit» so charakterisiert: «Jung, schlau, von der Krise gebeutelt, hungrig und auf allen Kontinenten zu Hause. Kein Geld, keine Zukunft, nur Hoffnung, Humor und Smartphones mit hochauflösenden Kameras.» Dass ihre Intellektualität und ihr Interesse für gesellschaftliche Inhalte in einer Traditionslinie stehen, jener der Kunst von Frauen, scheint das Museum für Gegenwartskunst Basel zu postulieren, indem es Steyerls Werke in der Ausstellung «War Games» mit den Arbeiten der um fast dreissig Jahre älteren Amerikanerin Martha Rosler kombiniert. Rosler denkt schon seit den 70er-Jahren über gesellschaftliche Zusammenhänge und die Verschleierung der Machtverhältnisse in der modernen Welt nach. Auch ihre Arbeiten legen «den Finger in die Wunde», wie es Philipp Selzer vom Museum für Gegenwartskunst ausdrückt, indem sie die Ungleichheit, Gentrifizierung und Kriegsindustrie zum Thema machen. Auch auf Roslers Kunstwerke, ähnlich wie auf jene von Steyerl, muss man sich intensiv einlassen, um sie nachzuvollziehen, zu verstehen und Erkenntnisse in eigenes Handeln einzubauen.

Überhaupt bieten die Schweizer Kunstmuseen diesen Frühling eine schöne Tour d’Horizon zur Kunst von Frauen. Da ist das Werk von Maria Lassnig im Kunstmuseum St. Gallen, ergänzt durch eine grossartige Zeichnungs­ausstellung der Österreicherin im Basler Kunstmuseum. Das Kunsthaus Aarau zeigt gleichzeitig einen bemerkenswerten Überblick über das Werk der in der Schweiz bisher wenig bekannten Luxemburgerin Su-Mei Tse. Und im Migros-Museum für Gegenwartskunst in Zürich ist eine Übersichtsschau der faszinierenden, 83-jährigen Peruanerin Teresa Burga zu sehen.

Und siehe da – es zeichnet sich so etwas wie ein «weibliches Paradigma» ab. Denn allen diesen Werken ist etwas ­gemeinsam: Die beharrliche Absicht der Künstlerinnen, mit ihrer künstlerischen Recherche Strukturen unter der Oberfläche der Dinge deutlich zu machen, einen grösseren Zusammenhang herzustellen. Bei Maria Lassnig geht es um die berühmte «body awareness», also den beinahe schon neurowissenschaftlichen Versuch, nicht die Oberfläche, sondern die gefühlsmässige Verfasstheit des Subjekts zeichnend und malend wiederzugeben. In ihrem Fall ist es in den meisten Fällen die eigene Exponiertheit und Verletzlichkeit, die sie mitleidslos zur Diskussion stellt. An die Bemühungen der Renaissance-Wissenschaftler erinnert der Versuch der 45-jährigen Su-Mei Tse in Aarau, alle Künste, Klang und Buchstaben, Natur und Architektur, Poesie und Bewegung in ihren Werken universell zu verknüpfen. Nicht minder anspruchsvoll kommt Burgas Lebenswerk daher. Seit den 1970-er Jahren codiert die Künstlerin auf ihre Weise Verwaltungsdokumente, Diagramme, Schulmaterial oder Bevölkerungszahlen und entwirft damit eine ganz eigene konzeptuelle Poetik, die in ihrem Heimatland Peru während der Zeit der Militärregierung durchaus auch als subversiv empfunden wurde.

Ohne Absprache der Museen

Haben sich die Schweizer Museen bewusst auf die Spuren der Frauenkunst gemacht und eine besorgte Intellektualität als gemeinsamen Nenner entdeckt? Nein, antworten die Direktorinnen und Direktoren der angefragten Häuser, die Konstellation habe sich ohne Absprachen ergeben. «Auf Teresa Burga stiess ich bei der Recherche für eine andere Ausstellung vor fünf Jahren», sagt Heike Munder vom Migros-Museum für Gegenwartskunst. Seitdem verfolgt Munder ihre Arbeit, «denn wo trifft man auf Pop, Konzept, Feminismus, Kolonialismus und Kybernetik in einem Werk?»

Laut «Manager Magazin» findet sich unter den 50 bestverkaufenden Künstlern der Welt keine einzige Frau.

Das entscheidende Kriterium bei der Auswahl der ausgestellten Künstlerinnen und Künstler sei auch im Kunstmuseum Basel die Relevanz ihrer Arbeit, sagt Direktor Josef Helfenstein, und die sei ja bei Lassnig, Rosler und Steyerl unbestritten. Am Kunstmuseum wolle man zwar Künstlerinnen vermehrt berücksichtigen, doch sei es ebenso wichtig, dass die inhaltlichen Entscheidungen unabhängig «von anpasserischer Political Correctness» gefällt werden.

Jenseits einer billigen Generalisierung kann aber gerade anhand der gegenwärtigen Ausstellungskonstellation die stärkere inhaltliche Ausrichtung der Kunst von Frauen vorsichtig festgestellt werden. So hat es auch die US-Künstlerin Jenny Holzer in einem Interview mit der «SonntagsZeitung» vor einem Jahr ausgedrückt: «Es könnte schon sein, dass es in der Kunst von Frauen stärker um den Inhalt als um die Form geht.» Eine Gemeinsamkeit, welche die auffällige Benachteiligung der Kunst von Frauen am Kunstmarkt zumindest teilweise erklären könnte. Denn eine solche Kunst verlangt nach einem Engagement des Betrachters und lässt sich weniger gut über das Sofa hängen.

Der jüngst veröffentlichte Kunstindex des «Manager Magazins», der auf einer grossen Zahl der weltweiten Kunstverkäufe basiert, listet unter den 50 bestverkaufenden Künstlern keine einzige Frau, und selbst unter den Top 500 finden sich nur 19 Frauen. Dass gerade die weibliche Kunst, die sich für Trophäenkäufe offensichtlich weniger gut eignet, einen umso spannenderen Museums­besuch garantiert, kann nach einem Blick in die Schweizer Museen diesen Frühling als erwiesen gelten. Gut, dass die von der Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls in den 80er-Jahren provokativ gestellte Frage: «Müssen Frauen nackt sein, um es ins Met-Museum zu schaffen?», immer deutlicher verneint werden kann. Oder wie es die Direktorin des Kunsthauses Aarau, Madeleine ­Schupp­­li, formuliert: «All-Men-Ausstellungsprogramme oder Sammlungen, in denen Künstlerinnen fast fehlen, sind heute einfach total veraltet.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2018, 18:01 Uhr

Kunst von Frauen

Die Tour d’Horizon

«Martha Rosler & Hito Steyerl – War Games» Kunstmuseum Basel/Gegenwart, bis 2.12.

«Maria Lassnig – Be-Ziehungen» Kunstmuseum St. Gallen, bis 23.9.

«Maria Lassnig – Zwiegespräche» Kunstmuseum Basel/Neubau, bis 26.8.

«Su-Mei Tse – Nested» Aargauer Kunsthaus, bis 12.8.

«Teresa Burga: Aleatory Structures» Migros-Museum für Gegenwartskunst, Zürich, bis 12.8.

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