Wen würde Albert Anker heute wählen?

Christoph Blocher sammelt Bilder von Albert Anker, der Kunsthistoriker Christian Klemm schätzt sie. Ein Dialog unter Anker-Liebhabern.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Er kennt sich aus, ich habe es gern.» Das sagt der Sammler über den Experten, der Politiker über den Kunsthistoriker, SVP-Mann Christoph Blocher über Christian Klemm, den Vizedirektor des Zürcher Kunsthauses. Man hat die beiden nach Bern gebeten, um gemeinsam die neue Ausstellung über Albert Anker zu begehen, auch wenn es für Blocher eine Art Heimspiel ist: Jedes vierte Werk darin gehört ihm.

Und Blocher gehören nicht nur die Bilder, er scheint auch die Definitionsmacht über Anker zu besitzen. Wie sieht denn Christian Klemm, ausgewiesener Kenner der Malerei des 19. Jahrhunderts, Albert Anker und sein Werk? Egal, wie, denkt man sich: Hauptsache, anders.

In Ins und Paris zu Hause

Aber wie so oft, wenn man sich die Ereignisse zurechtlegt, verhalten sich die dazugeladenen Menschen anders als eingeplant. Erstens hat Christoph Blocher Albert Anker nicht nur gern, er kennt sich auch mit ihm aus. Und zweitens kennt sich Christian Klemm bei Albert Anker nicht nur aus, auch er hat ihn gern. Egal, was sie unterscheidet, und die Politik gehört sicher dazu: Albert Ankers Bilder begeistern sie gleichermassen.

Und wer Anker nur von Reproduktionen kennt, kann sich nicht vorstellen, wie recht sie beide haben. Mit diesem Maler, dessen Bilder vorschnell zur Schweizer Folklore verharmlost wurden. Einem politisch denkenden Europäer auch, der im Sommer im bernischen Ins malte und im Winter in Paris, wo er sich bei Kollegen wie Vincent van Gogh Respekt verschaffte.

Das lesende Mädchen, mit Zopf

Drei Zwischenhalte aus dem gemeinsamen Rundgang, drei berühmte Bilder in der Einschätzung der beiden Besucher. Zunächst «Mädchen, die Haare flechtend» von 1887.

Christian Klemm: «Das Mädchen flicht ihren Zopf und liest dazu, das eine tut sie automatisch und das andere konzentriert. Der Alltag wird selbstverständlich dargestellt, und das gefällt mir an Ankers Bildern besonders. Auch das Licht ist grossartig getroffen. Anker hat viel von Chardin gelernt, dem Maler von Stillleben aus dem 18. Jahrhundert. Bei Anker wirken die Gegenstände und Kleider aber nie inszeniert, obwohl sie sehr genau gemalt sind. Er hat auch ein genaues Gefühl für Stimmung und die Psychologie seiner Figuren. Das Mädchen scheint sich nicht bewusst, dass man es beobachtet, das gibt diesem Bild etwas Selbstverständliches.»

Halt und Trost durch Gott

Christoph Blocher: «Bei Albert Anker wirkt nichts aufgesetzt oder künstlich. Anker stellt den Alltag in den Mittelpunkt und zeigt dabei die Schönheit im Alltäglichen. Er wuchs im Berner Seeland auf und blieb dort bis zu seinem Tod, wenn er nicht in Paris weilte. Zu Hause malte er die Sujets, die er vorfand, Familien, Bauern und Schüler. Er war ein sehr religiöser Mensch, für ihn stand der Mensch in der Gnade Gottes, das gab ihm Halt und Trost. Das sieht man auch an seinen Bildern.»

Es folgt «Der Gemeindeschreiber» von 1875, das sowohl Blocher wie Klemm politisch deuten.

Christoph Blocher: «Man muss sich diesen Typen einmal anschauen: Seine Ärmel sind offen, er hat Dreck unter den Fingernägeln und ist schlecht rasiert, die Kleider wirken eher unordentlich. Seine Akten liegen nicht sehr geordnet auf dem Tisch, einige haben Eselsohren. Ich interpretiere das Bild als Auseinandersetzung des Archaischen mit der Bürokratie. Albert Anker, der selber vier Jahre lang im Kantonsrat politisierte, malt hier den Beginn der Bürokratie im modernen Bundesstaat. Was mir besonders gefällt an diesem Bild: Wer sich mit Bürokratie befasst, sollte selber kein Bürokrat sein. Und obwohl Anker sich über den Gemeindeschreiber mit der Gänsefeder im Mund etwas lustig macht, führt er ihn nicht vor; das Bild ist nicht bösartig.»

Christian Klemm: «Ein sehr politisches Bild: Es zeigt die Schweizer Selbstverwaltung der Gemeinden. Die Bauern werden von einem ihresgleichen verwaltet. Wer solche Bilder für Folklore hält, unterschätzt das moderne politische Verständnis der damaligen Schweiz. Vor allem wenn man es mit der französischen Zentralverwaltung vergleicht, mit dem aristokratischen Hintergrund so vieler europäischer Länder, die von oben nach unten regiert wurden. Anker malt hier im Grunde ein Schweizer Erfolgsmodell: den regionalen Föderalismus, der sich in anderen Ländern viel später durchsetzte.»

Die heitere Schulklasse

Den beiden gefällt auch «Der Schulspaziergang» von 1872 sehr, bei dem eine Schulklasse mit ihrer Lehrerin durch die Seeländer Landschaft zieht.

Christian Klemm: «Das Bild ist nicht nur reich an Farben, sondern auch an Details, Anker hat es stark herausgearbeitet. Wenn man es mit der französischen Salontradition vergleicht, werden dort Kinder oft übertrieben dargestellt, anekdotisch oder banal. Bei Anker wirkt jedes Gesicht echt. Ungewöhnlich ist auch das Sujet, das hätte damals kaum ein anderer Maler gewählt. Die Schweiz hatte kurz zuvor die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Auf diesem Bild stellt Anker Pestalozzis Auffassung dar, dass neben dem Intellekt auch die sinnliche Anschauung gefördert werden soll. Das ungekünstelt Realistische dieses Bildes hat für mich etwas sehr Schweizerisches.»

Christoph Blocher: «Ich kenne das Bild gut, es hängt seit 15 Jahren über dem Esstisch mir gegenüber. Es hat mich noch nie gelangweilt, denn jedes Kind hat seine eigene Persönlichkeit, und obwohl die Klasse zusammen über die Landschaft spaziert, hat jedes Kind seinen Freiraum. Die Lehrerin hat die Schwächsten bei sich, das ist bei Anker immer so. Er hat sich am meisten für Kinder und Alte interessiert, einfache Menschen auf dem Land. Seinem Kollegen Ferdinand Hodler riet er, lieber Landschaften zu malen als Menschen, denn er sei dafür zu mächtig. Anker selbst hielt sich an die Menschen. Er zeigte sie schön, aber nie heil.»

Wem gehört dieser Maler?

Am Ende dann, nachdem die beiden weitere Bilder angeschaut haben, von Armen, Trinkern und Alten, fragt man Christoph Blocher, den Sammler und Besitzer, wie viel denn die Bilder wert seien, die er von Anker habe. «Zu viel», sagt er knapp, will aber, ganz der Protestant, nicht über Geld reden. Was Anker angehe, sagt Christian Klemm dazu, «dominiert Herr Blocher den Kunstmarkt». Dann nimmt einen wunder, ob der Maler, in dessen Werke Blocher seine Vorstellung der Schweiz projiziert, auch seine Partei gewählt hätte. «Das weiss ich nicht», sagt Blocher mit unüblicher Vorsicht. Für Anker sei die Bürgernähe wichtig gewesen, sagt Christian Klemm, «aber so wie bei der SVP?». Höflich lässt er die Frage offen.

Vorher beim Rundgang, als Blocher den «Gemeindeschreiber» erörterte und auf das Bild zeigte, berührte er es mehrmals und mit Absicht; Kunsthistoriker Klemm zuckte unmerklich zusammen. Aber Blocher darf diese Bilder anlangen. Er hat sie gekauft. Er besitzt sie. Und er kann mit ihnen machen, was er will.

Erstellt: 08.05.2010, 08:03 Uhr

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Mamablog Von wegen «Weichei-Papa»!

Sweet Home Hier hat Fernweh ein Zuhause

Die Welt in Bildern

Farbenspiel: Hibiskusblüten spiegeln sich auf einer nassen Fensterscheibe bei Frankfurt am Main. (14. Juli 2019)
(Bild: Frank Rumpenhorst) Mehr...