Wenig Anlass zum Glücklichsein ausserhalb ihrer Malerei

Die Werke der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, die zurzeit in Frankfurt zu sehen sind, zeigen: Sie ist eine unterschätzte Vertreterin moderner Kunst.

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Mehr als die epigonale Weiterführung der grossen Kunstströmungen sei den Randländern Europas doch nie gelungen, meint man gern, wenn man die ­Museen solcher Randländer besucht. In Helsinki aber stösst man auf das Werk Helene Schjerfbecks und wird nie wieder ein solches Vorurteil äussern. Jetzt ist die finnische Künstlerin, die zu den bedeutenden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss, in der Frankfurter Schirn zu sehen – nach Hamburg 2007 die erste grosse Schau im deutschen Sprachraum; Anlass ist der Finnland-Schwerpunkt bei der Frankfurter Buchmesse.

Helene Schjerfbeck (1862–1946) ist eine ganz und gar eigenständige Malerin. Das liegt auch daran, dass sie sich nach ausgiebigen Kunstreisen während ihrer Jugend in die europäischen Zentren Paris, Florenz, Wien, aber auch an die Malerorte St Ives und Pont-Aven 1902 mit ihrer Mutter ins Dorf Hyvinkää zurückzog, 30 Kilometer von Helsinki entfernt. Nur noch über Zeitschriften und Almanache nahm sie wahr, was in der Kunst andernorts geschah. Ihre künstlerische Entwicklung vollzog sich ebenfalls vom Naturalismus bis zum Expressionismus, aber auf besonderen Wegen. Und in keinem Genre ist das besser zu studieren als im Selbstporträt: 20 dieser Bilder bilden das Zentrum der Frankfurter Ausstellung, sie halten den Besucher lang in einem Raum, wollen ihn gar nicht mehr hinauslassen.

Fasziniert und erschreckt verfolgt der Betrachter die Entwicklung dieses Frauenkopfes von strahlender Jugend bis zum immer stärkeren Hervortreten des Schädels. Die Konturen werden schärfer, die Farben fahler, die Augen so gross, dass sie nur noch aus ihren Höhlen zu bestehen scheinen. Die Proportionen verschieben sich, bis das Antlitz vor der Zeit zum Totenkopf wird. Mal gleicht das Bild einem Ecce-Homo-Appell, mal einem Clown, mal einem Besucher aus dem Jenseits, mal dem Leichentuch der Veronika. Unheimlich ist das.

Durchlöcherte Oberfläche

Und wenn man schon meint, die Künstlerin hätte gar kein anderes Motiv mehr gebraucht, um ein so konzentriertes wie reichhaltiges Werk zu schaffen, dann findet man in den nächsten Sälen Kopien Alter Meister, Anverwandlungen grosser Vorgänger wie El Greco und schliesslich die ganz eigene schjerfbecksche Art der Personenporträts: Sie liess sich anregen von Modezeitschriften und projizierte die inneren Bilder, die sie daraus gewonnen hatte, auf ihre Modelle. Das führt zu einer ganz besonderen Dynamik, die auch den Betrachter erfasst. Denn die Modemädchen sind ja stilisierte Modelle, weibliche Idealtypen des Zeitgeistes. Schjerfbeck lässt ihnen die Pose, unterhöhlt sie aber, indem sie sie verwundbar macht, ihre Oberfläche durchlöchert. Manche Porträts erinnern an Emil Nolde oder Edvard Munch – und mit diesen Namen ist der Rang genannt, unter welchem nicht allzu tief diese erstaunliche Malerin angesiedelt zu werden verdient.

«Alle Maler sind unglücklich, auch die glücklichen»: Helene Schjerfbeck hatte wenig Anlass zum Glücklichsein ausserhalb ihrer Kunst. Sie war im Alter von vier Jahren eine Treppe hinunter­gefallen, ihre gebrochene Hüfte wurde nicht richtig behandelt und führte dazu, dass sie gehbehindert blieb. Die Verlobung mit einem englischen Kollegen zerschlug sich – und zwar so gründlich, dass die Sitzengelassene alle Dokumente vernichtete und man nicht mal den ­Namen des Bräutigams kennt. Es dauerte lange, bis Helene Schjerfbeck wenigstens als Künstlerin auf Gegenliebe stiess. Weil sie eine Frau war, dauerte es besonders lang. Zwei Mäzene sorgten schliesslich für Ausstellungen und Ankäufe. Noch heute sind ausserhalb Skandinaviens nicht viele Bilder in europäischen Museen vorhanden.

Kunsthalle Schirn, bis 11. Januar 2015

Katalog: Helene Schjerfbeck. Carolin Köchling/Max Hollein (Hrsg.), 168 S., Kerber-Verlag, Bielefeld 2014, ca. 50 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 17:54 Uhr

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