Interview

Wie Eva Grdjic zu ihrem Namen kam

Zum zehnten Geburtstag von Zürichs bekanntester Kassiererin lüften die Autoren Felix Schaad und Claude Jaermann Geheimnisse.

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Claude Jaermann hat den Bleistift im Mund, als wärs ein Zigarillo, und blickt ins Leere. Plötzlich fragt er: «Meinst du, wir müssen erklären, dass Schwab der WEF-Gründer ist?» Felix Schaad, konzentriert am Skizzieren, blickt vom Blatt auf und sagt: «Nein, den kennt man doch. Wenn wir das erklären müssen, ist der ganze Witz kaputt.»

Es ist ein typischer Mittwochmorgen im Leben der langjährigen Kollegen. Sie sitzen an Felix Schaads Küchentisch in Winterthur-Seen, trinken Kaffee und Wasser, essen Früchte (ja, ab und an auch ein Guetsli) und entwickeln neue «Eva»-Geschichten. Entstanden ist die schräge Kassiererin mit dem unaussprechlichen Nachnamen Grdjic 1996 für das Satiremagazin «Nebelspalter». Richtig prominent aber wurden Eva, Manu, Kevin, Vaisselle, Smeili, Sisyphus & Co. durch die täglichen Abenteuer auf der «Bellevue»-Seite im «Tages-Anzeiger».

Diese begannen auf den Tag genau vor 10 Jahren; öffentlich gefeiert wird das Jubiläum am nächsten Dienstag im Kaufleuten. Bereits heute verrät das Erfolgsgespann jedoch (fast) alles, was man eigentlich schon immer über Eva wissen wollte – sich bislang aber nie zu fragen traute.

Herr Schaad, beginnen wir mit der Frage, welche die männliche Leserschaft am meisten beschäftigt: Es geht das Gerücht, Eva sei auf den ersten Entwürfen eine ziemlich sexy junge Frau gewesen. Ist das wahr?
Felix Schaad (lacht): Das ist nur bedingt richtig. Fesch und sexy war sie nie, nicht mal auf den ersten Skizzen. Aber sie war deutlich jünger. Und etwas weiblichere Formen hatte sie schon, das stimmt.

Weshalb haben Sie Eva letztlich in eine andere Richtung entwickelt, sie also noch mehr «enthübscht»?
Schaad: In TV-Serien, Spielfilmen und sogar Comics sind die weiblichen Hauptfiguren sehr oft nette und hübsche junge Frauen mit aufregenden Jobs und tollen Freunden. Das ist zwar schön anzusehen, aber mit dem realen Gesellschaftsleben hat das nichts zu tun. Wir wollten dieses Frauenbild auf den Kopf stellen, die Klischees brechen, und einen Comic entwickeln, der nah am realen Alltag spielt. Deshalb haben wir als Heldin gezielt eine unattraktive ältere Frau entwickelt, mit sperrigem Charakter, «es richtigs Riibiise», wie man auf Zürichdeutsch sagt. Und weil wir wirklich radikal sein wollten, bekam sie auch einen mindestens auf den ersten Blick langweiligen Job und einen Nachnamen, den kaum jemand korrekt aussprechen kann.

Bestand nicht das Risiko, dass eine solch unkonventionelle und komplexe Hauptfigur bei der Leserschaft durchfallen könnte?
Claude Jaermann: Wir haben Eva und ihre Welt ja Mitte der 90er-Jahre im «Nebelspalter» lanciert. Bis auf den nie sprechenden Alleskönner Sisyphus waren alle Figuren schon angelegt, auch den Cosmos als Einkaufsparadies gab es bereits. Wir hatten also einen gewissen Erfahrungswert. Bevor wir mit «Eva» im «Tages-Anzeiger» loslegten, sind wir aber in die Berge gefahren und haben dort alles nochmals hinterfragt. Weil ein Tagesstreifen, also ein täglicher Comic, ganz andere Herausforderungen stellt als ein wöchentlicher Auftritt. In den Bergen sind wir dann aber rasch zum Schluss gekommen, den Schritt mit dem bestehenden Team zu wagen.
Schaad: Zudem hatte uns der damalige Chefredaktor Philipp Löpfe vor dem Start gesagt, der Comic habe in jedem Fall ein halbes Jahr Zeit, um Fuss zu fassen, danach würde man schauen, ob Anpassungen nötig wären. Das war ein grosser Vertrauensbeweis. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich denke nicht, dass so was in der aktuellen Medienwelt noch denkbar wäre. Was nicht in kurzer Zeit positive Resonanz auslöst, wird ja oft wieder abgesetzt.

Als sich Claude Jaermann mit dem Satz «Entschuldigt bitte, ich muss mal» auf die Toilette verabschiedet, ist der Zeitpunkt gekommen: Felix Schaad wird gebeten, seinen Texter zu charakterisieren. Er nennt Jaermann eine «nie versiegende Ideenfabrik», insbesondere wenn er einen etwas schlechten Tag einziehe, sei dieser kaum zu stoppen. «Wunderbar ist, dass Claude immer wieder tolle Bildervorschläge einbringt, das macht die Zusammenarbeit noch wertvoller.» Als kurz darauf auch Schaad aufs Klo muss, kommt Kollege Jaermann zur Beichte. Er stellt die grosse gegenseitige Wertschätzung aufs Podest. Und fügt hinzu, Felix sei ein begnadeter Schnitt-Denker. «Er spürt instinktiv, wo es ein neues Bild braucht, das finde ich grossartig.» Kein Zweifel: Auch nach zwei Dekaden Teamwork gibt es keine Spur von Abnützungserscheinungen. Dennoch beschiessen sie sich gegenseitig immer wieder mit ironischen verbalen Giftpfeilchen.

Wer hat eigentlich das letzte Wort, wenn es hart auf hart geht?
Jaermann: Das letzte Wort hat immer Felix. Nicht weil er der Stärkere ist . . .
Schaad (unterbricht): Eigentlich schon auch deswegen . . .
Jaermann (lacht): . . . sondern weil er letztendlich die Comics beendet und der Redaktion mailt. Wenn er den Streifen fertig hat und merkt, dass der Text mit der Zeichnung nicht perfekt korrespondiert, muss er dies anpassen. Sind die Änderungen gewichtig, ruft er mich an, und wir besprechen sie am Telefon. Geht es bloss um ein Wort, ja, dann hat er wortwörtlich das letzte Wort.

Das hört sich fast zu harmonisch an.
Schaad: Selbstverständlich sind wir uns nicht immer in jedem Punkt einig, es kommt immer wieder mal vor, dass einer von uns die Lieblingsidee des andern ganz und gar nicht lustig findet.

Und dann gibt es heftigen Zoff?
Jaermann (lacht): Dann schweigen wir uns drei Stunden lang beleidigt an. Nein, Scherz. Irgendwie finden wir immer eine Lösung, oft ist es gar ein klassisch schweizerischer Kompromiss. Meistens sagt dann der eine «Also für diesen Mist gebe ich meinen Namen nicht her», das ist fast schon zum Running Gag geworden. Danach lachen wir, und die Sache ist vom Tisch. Wir hatten, so unglaublich das klingt, wirklich noch nie Streit.
Schaad: Viel häufiger als Uneinigkeiten sind aber die magischen Momente, in welchen wir gemeinsam einen solch zündenden Gedanken haben, dass wir sogleich ein «High five» abklatschen.

Die Frage «Wie um Himmels willen kommt man immer wieder auf solch ausgefallene Ideen?» hören Künstler in der Regel nicht allzu gern; die Herren Jaermann und Schaad bilden da keine Ausnahme. Deshalb versuchen wir jetzt ein anderes grosses Geheimnis zu lüften.

Herr Schaad, gibt es für Eva eigentlich ein real existierendes Vorbild?
Schaad: Es gab in Winterthur im Stadtzentrum einen Laden, da arbeitete eine Früchte- und Gemüseverkäuferin, eine stämmige Frau mit riesiger Oberweite und schrecklich lauter Stimme. Sie war keine Schönheit, hatte aber einen herben Charme, ein sehr gesundes Selbstbewusstsein und bestimmt einen weichen Kern. Alles in allem eine herrliche Nummer, die EPA war früher bekannt für diesen Verkäuferinnentypus. Und an diese Frau muss ich noch heute oft denken, wenn ich eine «Eva» zeichne.

Das erklärt aber noch nicht, weshalb Sie Eva zur Montenegrinerin machten und ihr einen unaussprechlichen Namen gaben.
Jaermann: Der Name und die Nationalität gehen auf meine ehemalige Englischlehrerin im KV zurück. Als wir uns für diesen Namen entschieden hatten, wollte ich sie anfragen, ob das für sie in Ordnung sei. Aber im KV fand man keine Unterlagen mehr über eine Frau Grdjic, und im Internet wurde ich auch nicht fündig. Mehr konnte ich nicht mehr tun, also liessen wir die Sache laufen. Vor fünf Jahren habe ich dann plötzlich ein Mail von einer Frau Soretic aus den USA bekommen. Sie schrieb, dass sie beim Googeln den Namen Eva Grdjic entdeckt habe und gern wissen würde, ob das eine real existierende Person sei.

Bahnt sich da ein Drama an?
Jaermann (lacht): Ganz und gar nicht, nein. Ich antwortete ihr, dass es sich dabei um eine Comicfigur handle, deren Namen ich von meiner ehemaligen Englischlehrerin entlehnt habe. Frau Soretic erklärte mir dann, dass der Grdjic-Familienstamm sehr klein sei und sich praktisch alle Grdjics kennen würden. Ludmilla, meine Englischlehrerin, lebe heute in London und sei die Tochter des berühmten Bosnienführers Vasily Grdjic, der am historischen Attentat von Sarajevo von 1914 mitbeteiligt gewesen war. Total verrückt! Wir sind jedenfalls froh, ist das alles geklärt.

Ganz und gar nicht geklärt sind jedoch die Fragen nach Evas Gatten. Faktisch muss es diesen Mann ja mal gegeben haben, immerhin hat Eva eine leibliche Tochter namens Manu.

Wo, meine Herren, ist er geblieben, der Herr Grdjic?
Schaad: Wir haben Eva noch zu «Nebelspalter»-Zeiten an einer Séance mit Seherin Margrith teilnehmen lassen, wobei Margrith versuchte, mit Verstorbenen in Kontakt zu treten. Und da tauchte aus dem Jenseits ein Wesen auf und rülpste. Dieser Rülpser, so konnte man von Betrachterseite her interpretieren, war Evas verstorbener Ehemann.
Jaermann: Mehr wissen wir, mindestens offiziell, selbst nicht über ihre Vorgeschichte. Wie viele unserer Figuren ist auch Eva in manchem Bereich undefiniert. Das ist gut so, denn es macht die Sache auch spannender für uns.

Ob Eva das selbst auch gut findet, lassen wir dahingestellt, bleiben aber beim Thema: Evas Liebesleben ist arg bescheiden. Weshalb?
Jaermann (lacht): Ich hab geahnt, dass es noch sexuell werden würde.
Schaad: Immerhin war sie schon mindestens zweimal mit ihrem Chef Dr. Vaiselle im Bett.

Ich fragte aber eigentlich nach Liebe, nicht nach Sex . . . Liebe in Form einer Partnerschaft.
Jaermann: Am 1. April 2010 liessen wir Eva, natürlich als Scherz, Abwart Zwicky heiraten. Mit dieser Idee haben wir uns übrigens in eine heikle Situation hineinmanövriert. Wir haben mit entrüsteten Leserreaktionen gerechnet, die blieben aber komplett aus, der Witz ging also voll in die Hose. Und so mussten wir mit einem künstlichen Konstrukt wieder aus dieser Falle rauskommen. Aber das ist ja das Schöne an der Comicwelt, da bekommt man auch so etwas hin.
Schaad: Eigentlich ist der Mann, der vom Charakter her und auch optisch zu Eva passen würde, ja längst präsent in ihrem Leben . . .
Jaermann (freudig): . . . genau, der gute Sisy! Da er stets schweigt, gäbe es schon ein paar Hürden zu meistern. Aber Eva und Sisy, das ist das Traumpaar, das wohl nie zusammenfindet.

Sisyphus scheinen Sie beide sehr zu mögen.
Schaad: Definitiv, ja. Ich glaube, Sisyphus ist für uns beide schon so eine Art Lieblingsfigur. Deshalb setzen wir ihn auch sehr sparsam ein.

Gibt es auch Figuren, die Eigenschaften haben, welche eher nerven, für gute Geschichten aber unabdingbar sind?
Jaermann: Oh ja. Und nicht nur, wie man vielleicht vermuten würde, bei Zwicky, sondern sogar bei Eva. In jener Sequenz, als sie plötzlich den Cosmos leitete und Macht hatte, wurde sie genauso zum geldgierigen Hai, wie Vaisselle einer ist. Das war seltsam, spannend . . . und für die Geschichte sehr wichtig.

Dann kann es tatsächlich passieren, dass eine Figur eine Art Eigen-leben entwickelt und sogar die Herrschaft über ihre Autoren übernimmt?
Schaad: Das kann durchaus vorkommen, ja. Aber wir geben acht, dass es nicht allzu häufig geschieht (lacht).

Hat das auch schon dazu geführt, dass eine Geschichte zu heikel oder absurd wurde und von der «Tages-Anzeiger»-Chefetage gestoppt werden musste?
Jaermann: Nein, das gab es noch nie. Einmal haben wir eine Episode freiwillig ersetzt, weil uns die Aktualität ein- und überholt hatte. Aber wir haben ein gutes Sensorium für heikle gesellschaftspolitische Ideen entwickelt und merken spätestens bei der Umsetzung der Episode, ob sie zumutbar sind oder nicht.
Schaad: Manchmal fragen wir uns jedoch schon, ob wir nicht zu brav sind. Ich glaube aber nicht, dass wir eine breite Leserschaft so lange hätten bei Laune halten können, wenn wir nur auf schwarzen Humor gesetzt hätten.

Über zehn Jahre hinweg täglich einen Comicstreifen zu gestalten, das haben nur ganz wenige Schweizer Künstler geschafft; dass die Beliebtheitskurve von Eva (die der Schriftsteller und Musiker Tom Combo einst als «Mischung aus Lara Croft, Mutter Teresa und Superwoman» umschrieb) nach wie vor steiler ansteigt als jene der populärsten Schweizer Börsentitel, ist verdienter Lohn für diese Leistung. Dennoch wissen wir alle, dass nichts für die Ewigkeit gemacht ist – und dass früher oder später die Frage nach dem Ende des Comics auftauchen wird.

Gab es je Zweifel, ob «Eva» nach so langer Zeit noch frisch genug ist?
Jaermann: Diese Zweifel kommen oft, das ist ganz normal, sogar gesund.
Schaad: Das finde ich auch. Man muss sich und seine Arbeit immer wieder infrage stellen, sonst bleibt man stehen. Bislang sind wir jedes Mal zum Schluss gekommen, dass wir noch genügend Elan und Esprit haben, um die Geschichte weiterzuspinnen.
Jaermann: Kommt hinzu, dass man eine solche Chance, in einer wichtigen Zeitung einen Tagesstreifen zu machen, nur einmal im Leben erhält. Da braucht es sehr viel, bis man das aufgibt.

Dann haben Sie noch gar nie überlegt, wie Eva abtreten wird?
Schaad: Nein, diese Frage kommt, wenn sie kommen muss.
Jaermann: Ich mag gar nicht über dieses Thema sprechen, es stimmt mich ganz traurig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2011, 14:47 Uhr

Der Werdegang der «Eva»-Väter

Seit 20 Jahren arbeiten Claude Jaermann und Felix Schaad als Comicautorenteam. Ihre Comics erschienen in diversen Schweizer Printmedien («Nebelspalter», «Sport», «Cash», «Tele», «Tages-Anzeiger»). Von den im Eigenverlag veröffentlichten Büchern gingen bisher mehr als 100'000 Exemplare über den Ladentisch.

Während Felix Schaad in der Schule für Gestaltung und als Artdirector in einer Werbeagentur seine künstlerische Seite pflegte, führte Claude Jaermanns Weg über eine kaufmännische Ausbildung hin zum Texter einer Werbeagentur und schliesslich in die Selbstständigkeit als freier Autor.

Felix Schaad ist bekannt für seine zum Teil bissigen Zeichnungen, die er als Hauskarikaturist des «Tages-Anzeigers» anfertigt. Demgegenüber führt Claude Jaermann eher einen Gemischtwarenladen. Nebst seinem Comicautorenjob ist er Journalist beim Magazin «Spuren»; er leitet mit seiner Partnerin Seminare für Paare; ist mit ihr Co-Autor der «SexKiste der Liebe» und zudem als Liedermacher unterwegs.

Das umfangreiche Schaffen der kreativen Winterthurer wird ab dem 25. März im Cartoonmuseum in Basel mit einer grossen Werkschau «Schweizerpsalm und andere Abgesänge» gewürdigt.

Evas Geburtstagsfest

Eva ganz privat. Podium mit Claude Jaermann und Felix Schaad, Kaufleuten.Festsaal, Dienstag, 25. Januar, 20 Uhr.

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