Wie ein Volk reich wird – und verarmt

Venedig und Amsterdam hatten anfangs Erfolg, weil sie grosse Teile der Gesellschaft daran beteiligten. Dann vergassen sie das Erfolgsrezept – so wie wir heute. Das zeigt die Ausstellung «Kapital» im Landesmuseum.

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Wie entsteht der Reichtum von Nationen? Diese Frage treibt die Ökonomen um, seit es diese Wissenschaft gibt. Eine überzeugende Antwort darauf liefern Daron Acemoglu und James R. Robinson in ihrem Buch «Why Nations Fail». Wenn Staaten verarmen und Bankrott machen, dann hat dies nichts mit dem Klima und der Geografie zu tun, nichts mit der Mentalität der Bewohner. Wohlstand und Armut sind das Resultat von Institutionen, der Art, wie die Wirtschaft organisiert ist und welche Anreize die Menschen bekommen.

Wirtschaft und Staat sind stets auf das Engste miteinander verzahnt. Dabei unterscheiden Acemoglu/Robinson zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Mechanismen. «Inklusive» Mechanismen sorgen dafür, dass möglichst viele Menschen in die Entwicklung eingebunden werden. So entsteht ein breiter Mittelstand, die Grundlage für Fortschritt und Wohlstand. «Extraktive» Mechanismen hingegen bewirken, dass sich eine schmale Elite von den Massen absetzt und diese ausbeutet. Die herrschende Oligarchie hat kein Interesse an technischem und sozialem Fortschritt und widersetzt sich allem, was ihre Macht gefährden könnte. Das Resultat: Armut und Stagnation.

Parallelen zur Gegenwart

Venedig und Amsterdam, die im Zentrum der neuen Ausstellung des Landesmuseums stehen, illustrieren die Kernthese der beiden Ökonomen geradezu exemplarisch. Ihr Aufstieg ist eng verbunden mit dem Aufbau von inklusiven Mechanismen, ihr Niedergang mit dem Rückfall in extraktive. Das ist nicht nur von historischem Interesse: Die Entwicklung der beiden Städte weist viele Parallelen zur modernen Gesellschaft auf. Heute besteht die Gefahr, dass eine neue globale Finanzoligarchie den Wohlstand wieder zerstört, der dank der inklusiven Mechanismen der sozialen Marktwirtschaft gewonnen wurde. Der moderne Kapitalismus ist im Begriff, in eine Finanzaristokratie von Superreichen zu degenerieren.

Venedig stieg im Mittelalter zur reichsten Stadt der Welt auf. Mitte des 14. Jahrhunderts zählte es rund 110 000 Einwohner, etwa gleich viele wie Paris und deutlich mehr als London. Getrieben wurde diese Entwicklung von Institutionen mit inklusiven Mechanismen. Die wichtigste davon war die Commenda, eine frühe Form einer Aktiengesellschaft. In der Commenda fanden zwei Partner zusammen: Der eine stellte das Kapital zur Verfügung, der andere unternahm abenteuerliche Handelsreisen.

Bei Erfolg winkte ein gewaltiger Gewinn, der nach festgelegten Regeln aufgeteilt wurde. Typischerweise war der Risikokapitalgeber ein reicher Kaufmann, der Abenteurer ein Jungunternehmer. Damit war die Commenda gleichzeitig eine attraktive Anlagemöglichkeit für mutige Investoren und ein ideales Vehikel zur Förderung des begabten Nachwuchses.

Dem Tüchtigen winkte der soziale Aufstieg. Politische Stolpersteine gab es nicht. Regiert wurde Venedig von einem Dogen, dessen Machtfülle stark eingeschränkt war. «Nach 1032 wurde der Doge umgeben von einem neu geschaffenen Rat, dessen Aufgabe es war, darüber zu wachen, dass der Doge keine absolute Macht erhielt», heisst es bei Acemoglu/Robinson. Als 1355 der Doge Marino Falier versuchte, seine Machtfülle auszudehnen, ging das schlecht für ihn aus. Er wurde geköpft.

Die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg zahlte sich für Venedig in jeder Hinsicht aus. Die Stadt wurde nicht nur reich, sie wurde auch ein Hort des Fortschritts. In Venedig hat der Franziskanermönch Luca Pacioli die doppelte Buchführung erfunden. Auf dem Gelände des Arsenale wurden im 15. Jahrhundert von 16 000 Arbeitern Schiffe und Kanonen hergestellt in einem Verfahren, das die Arbeitsteilung moderner Betriebe vorwegnahm. Eine Hochburg der Künste war Venedig auch.

Amsterdam knüpfte da an, wo Venedig aufgehört hatte. Nachdem sich die protestantischen Holländer vom Joch der katholischen Spanier befreit hatten, entwickelte es sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum führenden Finanz- und Handelszentrum Europas. Von grösster Bedeutung war dabei die Wisselbank, die erste richtige Zentralbank der Welt. Sie legte die Wechselkurse für die damals wichtigsten Währungen fest, prägte Gold- und Silbermünzen und war für den Verkauf und den Handel von Staatsanleihen zuständig. Ebenso wichtig war die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC), gewissermassen der erste multinationale Konzern der Geschichte.

Die erste Volksaktie

Als die VOC 1609 zu einer Publikumsgesellschaft wurde, wurde die erste Volksaktie der Geschichte geschaffen. «Allein in Amsterdam gab es 1143 Menschen, die Aktien zeichneten», schreibt der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson in seinem Buch «The Ascent of Money». «Nur 80 von ihnen investierten dabei mehr als 10 000 Gulden, und 445 investierten weniger als 1000 Gulden.» Insgesamt kamen rund 6,5 Millionen Gulden zusammen. Ihr härtester Rivale, die englische East India Company, hatte bloss ein Aktienkapital von umgerechnet 820 000 Gulden.

Zentralbank, geregelteStaatsanleihen, Volksaktien, moderne Fabriken, Handelsflotten, die rund um den Globus segelten – Venedig und Amsterdam hatten eigentlich alles, was zur Entwicklung des frühen Kapitalismus nötig war. Doch der grosse Durchbruch, die industrielle Revolution, fand weder in Italien noch in Holland statt, sondern auf der damals noch relativ unbedeutenden Britischen Insel. Was war schiefgelaufen?

Nachhaltiger Wohlstand ist das Resultat von Institutionen mit inklusiven Mechanismen, die das Schicksal der Menschen mit demjenigen ihres Staates verknüpfen. Dieses Grundprinzip haben Venedig und Amsterdam zunächst vorbildlich befolgt – und danach sträflich vernachlässigt. Die bessere Gesellschaft in Venedig begann sich abzuschotten. Der Grosse Rat, einst das Gegengewicht zum Dogen, wurde immer mehr zur Hochburg einer privilegierten Elite. Wer nicht zur richtigen Familie gehörte, wurde ausgeschlossen. Venedig kastrierte sich geradezu selbst. «Die Commenda-Verträge, die grosse institutionelle Innovation, die Venedig reich gemacht hatte, wurden verboten», stellen Acemoglu/Robinson fest. «Das ist nicht weiter überraschend. Die Commenda-Verträge hatten junge, aufstrebende Unternehmer begünstigt, und gerade die wollte die bestehende Elite wieder zurückdrängen.» Immer häufiger griff die Oligarchie zu extraktiven Mechanismen.

In Amsterdam geriet der einst von Kleinanlegern dominierte Finanzmarkt bald ausser Kontrolle und verwandelte sich in ein Kasino. Die einst so disziplinierten holländischen Calvinisten wurden zu verantwortungslosen Finanzjongleuren. Kein Wunder, zog es einen der grössten Betrüger der Geschichte bald nach Amsterdam: den Schotten John Law.

Venedig fiel besonders tief

Der Mann, der später die gesamte bessere Gesellschaft von Paris und die französischen Staatsfinanzen ruinieren sollte, fühlte sich gemäss Niall Ferguson in Amsterdam wohler als in einem Kasino. «Er wunderte sich über die Tricks der Leer-Verkäufer, die bewusst Gerüchte streuten, um den Aktienkurs der VOC zu drücken, oder die Macken der Windhandel-Spezialisten, die Aktien verhökerten, die sie gar nicht besassen», schreibt Ferguson. Dem breiten Mittelstand bekam der Kasinokapitalismus schon damals nicht. In der ersten Finanzblase der Geschichte, der Tulpenmanie von 1636/37, verloren viele aufrichtige Bürger Haus und Vermögen.

Für beide Städte war der Preis für den Rückfall in den Feudalismus hoch. Im Zuge der industriellen Revolution verloren sie stetig an Bedeutung. Besonders Venedig ist tief gefallen. Die einst reichste Stadt der Welt ist heute ein historisches Disneyland.

Erstellt: 13.09.2012, 08:18 Uhr

Das Kapital: Die Ausstellung

Venedig und Amsterdam stehen im Fokus der Ausstellung im Landesmuseum, die morgen öffnet. Konzipiert wurde sie von Walter Keller. Gezeigt werden internationale Leihgaben, meist erstmals in der Schweiz zu sehen. Sie erzählen die Geschichte beider Städte mithilfe von nautischen Instrumenten, Seekarten, Architekturmodellen und eigens produzierten Filmen. Keller und seiner Crew ist dabei ein seltenes Kunststück gelungen: Sie haben eine Ausstellung über ein abstraktes Thema geschaffen, die aktuell, sinnlich, für Laien verständlich und für Fachleute interessant ist (bis 17. Februar 2013). (pl)

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