Willkommen in der unendlichen Pubertät

In der neuen Ausstellung «Status Dokument» im Fotomuseum Winterthur posieren auch die «Showroom Girls». Was erzählt das Bild über unsere Kultur des digitalen Narzissmus?

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Ich kenne J. kaum, aber sie hat heute wohl einen Liebesbrief bekommen. Das weiss ich, weil sie den Brief auf Facebook gepostet hat und dazu schrieb: «J. hat heute den schönsten Liebesbrief der Welt bekommen.» Zehn Menschen gefiel dies. Verfasst hat den Brief offenbar ihr neuer Freund, fünf Minuten lang habe ich mich durch J.s Profil geklickt, um herauszufinden, wer das sein könnte und ob mir der Name etwas sagt, aber bevor ich es heraushatte, langweilte ich mich schon zwischen den Bildern von Urlaubsreisen und Karnevalsbesuchen und regelmässigen Status-Updates darüber, dass J. heute länger arbeitet und gestern zu viel getrunken hat und morgen endlich wieder Kuchen backen will, und ich schloss den Tab, in dem Facebook offen war, und starrte wieder die Mädchen an, die Willem Popelier auf irgendeinem Ausstellungscomputer irgendwo gefunden hat, seine Vertreterinnen des digitalen Narzissmus, der immer mehr Menschen in unserem internetten Zeitalter erfasst zu haben scheint.

Die bevorzugte Beschäftigung des digitalen Narzissten ist es, sich im Computer selbst zu betrachten, also Bilder und andere Repräsentanzen von sich zu erstellen und an diversen Orten (Tumblr, Facebook, Twitter) im Internet abzulegen. Der digitale Narzisst denkt sich nicht nur als unbedingt interessanten, sondern auch als freigebigen Menschen, er verteilt sein Ego grosszügig über den digitalen Raum, immer in der Annahme, dass andere da draussen etwas davon haben möchten. Und tatsächlich verhalten sich die meisten Internetnutzer nicht nur wie eitle Digitalgecken, sondern gleichzeitig auch wie informationshungrige Beobachtungsmaschinen. Der digitale Narzissmus ist ohne digitalen Voyeurismus nicht funktionstüchtig.

Mutters entrücktes Grinsen

Popeliers «Showroom Girls» hätten ihre Bilder wohl nie auf dem Computer gelassen, wären sie nicht davon ausgegangen, dass irgendwer diese Bilder anschauen und sich etwas dabei denken würde. Die Girls sind eine Art Auskopplung aus Popeliers grosser Serie «Showroom», für die er irgendwann begonnen hat, Selbstfotografien auf Ausstellungscomputern zu sammeln. Es sind wirklich alle möglichen Leute, ein vierzigjähriger Brillenträger, der diverse Fratzen in den Computer schneidet, ein Schuljunge, der sehr konzentriert vor sich hinstarrt, natürlich viele aufgedrehte Teeniegirls, aber auch eine zweifelsfrei erwachsene Mutter mit ihrer halbwüchsigen Tochter: Die Mutter hat auf allen drei Bildern immer dasselbe entrückte Grinsen im Gesicht, die Tochter versteckt sich auf zwei Bildern hinter ihren Händen, nur auf dem letzten Bild guckt sie widerwillig in die Kamera, so als hätte ihre Mutter sie gepufft und gedrängt, Mensch, jetzt stell dich doch nicht so an! «Showroom» zeigt eindrücklich, dass digitaler Narzissmus mitnichten seine schlimmsten Auswüchse in der Gestalt junger, leicht exhibitionistischer Mädchen annimmt.

Für mich wirft Popeliers Arbeit zwei Probleme auf. Das eine ist die Kultur, in der das Teenie-Mädchen immer nur die Betrachtete ist, sich selbst vor allem als Betrachtete sieht, und nur als solche gezeigt wird. Willem Popelier greift diese kulturelle Tradition auf, wenn er jene klassische, eklige Beziehung nachstellt, die wir aus so vielen Fernsehfilmen und pornografischen Zusammenhängen kennen: der «dirty old man» und das freizügige junge Ding. Ich verstehe es schon, nichts bannt das Auge wie ein junges Mädchen, und schon gar nichts bannt das Auge wie zwei junge Mädchen. Aber es breiten eben alle möglichen Leute sich ins Internet und damit ins Bewusstsein fremder Menschen aus, und ich bin einfach nicht sicher, ob dieses universelle Problem unbedingt anhand von Girls hätte dargestellt werden müssen.

Nehmen wir J. zum Beispiel und mich, und hier sind wir beim anderen Problem, das viel grösser ist: Auch erwachsene Menschen finden es heute völlig normal und akzeptabel, sich auf die eine oder andere Weise online zu entblössen und sich den Blicken und Bewertungen anderer auszuliefern. Denn was mich am Ende viel länger beschäftigte als die mysteriöse Identität des Geliebten von J., war der Verdacht auf seelische Kälte, die dort herrschen müsste, wo ein Mensch ein derart intimes Dokument in die Öffentlichkeit stellt.

Das macht süchtig

Diese Kälte hat nichts zu tun mit dem jugendlichen Eifer, mit dem sich die «Showroom Girls» in die Öffentlichkeit stellen - aber sie ist der Zustand, bei dem die beiden aller Wahrscheinlichkeit nach enden werden. Sie ist heute der Normalzustand in einem Alltag, dessen Technologie jeden Erwachsenen dazu auffordert, seinen jugendlichen Narzissmus eben nicht zu bändigen, sondern ihm immerzu freien Lauf zu lassen: Hier hast du ein PhotoBooth-Programm, mach ein paar Bilder von dir, das macht süchtig. Hier hast du Videotelefonie, beobachte dich selbst unten am Bildschirm, während du mit jemandem sprichst.

Mit all den Bildern, Inhalten und Informationen, die wir ins Netz stellen, erschaffen wir uns online noch einmal. Für jeden Internetnutzer gibt es also einen digitalen Körper, ein unvergängliches, manipulierbares und unendlich optimierbares Zweitego. Dieses Zweitego, das wir beobachten und mit dem wir andere Zweitegos beobachten, wird zwar einerseits von uns gebaut, ist aber andererseits strukturiert von Algorithmen (Facebook-Feed, Amazon-Empfehlungen, Google-Ranking), die sich jemand anders ausgedacht hat, und an dem wir keine echten Souveränitätsrechte haben.

Wichtiger aber ist, dass der digitale Körper ausschliesslich eine Funktion verfolgt - nämlich in den Köpfen anderer eine Existenz zu bilden. Das Zweitego verschickt sich selbst übers Netz und fordert so überall die Anerkennung ein, die das Selbst braucht, um sich seiner bewusst zu werden. Wie das Hegel (so ähnlich) entworfen hat - oder aber, wie es pubertierende Menschenwesen ständig von ihrer Umgebung einfordern: HALLO ICH HABE LIEBESKUMMER UND TRINKE JETZT BIER IN DER U-BAHN, SEHT IHR MICH AUCH ALLE? Das digitale Zweitego muss, damit es einen Sinn hat, natürlich permanent angeklickt und angeguckt und geliked werden. Die Technologien des digitalen Selbst haben eine Masse von unerträglichen, nervigen Identitäten geschaffen - überdrehten Teenies eben.

Das digitale Zweitego muss, damit es einen Sinn hat, permanent angeklickt, angeguckt und geliked werden.

* Meredith Haaf, geboren 1983, lebt als Journalistin in Berlin. Zuletzt erschien ihr Buch «Heult doch. Über eine Generation und ihre Luxusprobleme» (Piper).

Der vorliegende Text ist dem Katalog zur Ausstellung «Status Dokument» entnommen.

Erstellt: 12.06.2012, 10:19 Uhr

Status – 24 Dokumente von heute

Das Fotomuseum Winterthur zeigt in der Ausstellung «Status – 24 Dokumente von heute» den Stand der Dinge in der dokumentarischen Fotografie. Mit 24 exemplarischen «Dokumenten» soll der Status des dokumentarischen Bilds im Hier und Jetzt eingefangen werden. Die Ausstellung dauert noch bis zum 26. August.

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