Zürichs beste Kunst

Das Helmhaus lockt mit dem beliebtesten Programmpunkt seiner Saison: Die Ausstellung zu den städtischen Kunststipendien zeigt die Arbeiten aller Finalisten. Im besten Fall ist das verdammt gute Kunst.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Anfang steht die Biografie von Mahatma Ghandi, am Ende die «Rassenkunde des Deutschen Volkes». Und dazwischen, auf circa zwei Meter Bücherregal: Defoes «Robinson Crusoe», Shakespeare, die Bibel und überhaupt so einiges, was das Wesen des Menschen er- und begründet. Oder es zumindest versucht. Ist es Zufall, dass einem, je weiter rechts im Regal man stöbert, desto mulmiger zumute wird? Weil hier die Aufschriften auf den Buchrücken plötzlich Giftgas oder Leni Riefenstahl ins Spiel bringen?

Jedenfalls knallt uns dieses Literaturkonvolut, das der Künstler Sebastian Utzni in einer Ecke des Helmhauses an die Wand montiert und auf der zugehörigen Plakette unzweideutig als «Bibliothek A. H.» ausgewiesen hat, die unbequeme Frage vor die Füsse, wie schnell das Streben nach Geistesgrösse in Grös­senwahn – oder auch einfach nur Wahn – kippen kann.

Die einzig richtige Antwort, zumindest vonseiten der Stipendienjury, war, Utzni für seine Installation einen städtischen Werkbeitrag zuzusprechen. Zumal Regal und Bücher mitnichten echt, sondern nachgebildet sind: aus heuchlerisch weissem Porzellin. Das macht das Ganze auch optisch sehr reizvoll und damit zu so etwas wie der Galionsfigur der diesjährigen Stipendienausstellung, die sich auf drei thematische Pfeiler zu stützen scheint: das Historische, die Aufforderung zum Um-die-Ecke-Denken – und eine Prise Monstrosität. Zumindest einer dieser drei roten Fäden zieht sich durch jede der 33 Positionen, die von der Jury aus insgesamt 166 Bewerbungen zur Endrunde im Helmhaus eingeladen wurden.

Ein gerecht verteilter Kuchen

Das fünfköpfige Gremium – es setzt sich heuer zusammen aus F+F-Rektor Andreas Vogel, Giovanni Carmine von der Kunsthalle St. Gallen, den Kunstschaffenden Vanessa Billy und Shahryar Nashat sowie Hilar Stadler, Leiter des luzernischen Museums im Bellpark – hat die insgesamt 14 Prämien politisch korrekt an sieben Damen und sieben Herren sowie gleichmässig auf die Medien Malerei, Foto, Video und Installation verteilt. Das wirkt zwar etwas bemüht, entspricht aber offenbar einem Trend: Schon an den Swiss Art Awards im Juni wurde der Kuchen gerecht geteilt. Vielleicht hat man, nach den hitzigen Debatten um die Umverteilung der Kulturför- dergelder, keine Lust, noch weiteren Unmut zu provozieren.

Trotzdem fragt man sich, wenn man nun durchs Helmhaus schlendert, ob es angesichts mancher doch recht spröder Siegerbeiträge – etwa Matthias Gabis Handvoll gerahmter Fotos von Alltagskram wie einem Plastiksack oder Zündholzschachteln oder Tobias Spichtigs monochromer Leinwände in Rot, Blau, Grün – nicht doch etwas mehr Schmelz vertragen hätte.

Sicher: Kunst darf, muss sogar zum Denken anregen. Aber gerade die jährliche Stipendienaus­stellung reklamiert für sich, Werke zu zeigen, die auch ohne Konsultation des Saalblattes verständlich sind. So hätte man in den Rängen der Laureaten gerne den unermüdlichen Krampfer Andreas Marti gesehen beziehungsweise seinen – wie aus einem riesigen Folianten herausgeschnittenen – Keil aus Tausenden einseitig vergoldeter Blätter Papier. Oder wieso nicht Susanne Kellers hyperzuckrige Hommage an das Kind in uns allen?

Aber was solls. Erstens gibt es in der Kunst ohnehin kein Richtig oder Falsch, in der zeitgenössischen schon gar nicht. Zweitens profitieren die Künstler, ob nun preisgekrönt oder nicht, allein schon von ihrer Präsenz an dieser jeweils bestbesuchten Ausstellung im Helmhaus. Und drittens freut man sich, einmal mehr, generell über das hohe Niveau, auf dem sich die städtische Kunstproduktion bewegt. Von Lokalmatadorismus keine Spur, das Meiste könnte problemlos auch im (inter)nationalen Kontext bestehen.

Relevant und monströs

Oder tut es gar längst: Jules Spinatsch zum Beispiel, dessen monumentales, aus fast 300 Fotos kaleidoskopisch zusammengesetztes Riesenbild die Schau bereits im Treppenhaus eröffnet, kam auch an den diesjährigen Swiss Art Awards in die Kränze. Zu Recht: Schliesslich versteht es der 50-Jährige, brisante Inhalte – die vielen Einzelbilder dokumentieren, Meter für Meter, den Weg von Brennstäben ins Herz eines Kern­reaktors – mit fantastischer Optik zu verschränken, aus seiner Kamera auch noch das letzte bisschen narrativen Potenzials herauszukitzeln. Was dabei herauskommt, ist schlichtweg verdammt gute Kunst. Oder eben: historisch relevant, um die Ecke gedacht – und durchaus ein bisschen monströs.

Bis 7. September. Führungen mit den Jurymitgliedern Andreas Vogel und Giovanni Carmine: Donnerstag, 14. August, 18.30 Uhr; Donnerstag, 4. September, 18.30 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2014, 08:03 Uhr

Stipendien der Stadt Zürich

Bildende Kunst 2014

Die Stadt Zürich zeichnet dieses Jahr 14 Kunstschaffende mit einem Geld- oder einem Atelierstipendium aus. Werkbeiträge von je 18 000 Franken gehen an Valentin Hauri, Cat Tuong Nguyen, Sally Schonfeldt, Tobias Spichtig, Jules Spinatsch, Sebastian Utzni sowie die Geschwister Arienne und Pascale Birchler, Atelieraufenthalte gewinnen Jürgen Beck, Cora Piantoni (beide Genua), Matthias Gabi (Hamburg), das Duo Monica Germann und Daniel Lorenzi (New York), Karin Schuh (Paris) sowie Nicole Hoesli (neu: Istanbul). Insgesamt haben sich heuer 166 Solokünstler und Künstlerkollektive beworben, wovon 33 von der Jury eingeladen wurden, ein Werk für die Ausstellung im Helmhaus einzureichen. Teilnahmeberechtigt waren – ohne Altersbeschränkung – Kunstschaffende mit abgeschlossener Ausbildung, die seit mindestens zwei Jahren in Zürich wohnhaft sind. Das ebenfalls mit 18 000 Franken dotierte, erst seit 2009 vergebene Stipendium für Kunstvermittlung geht an Stefan Wagner. Der 41-jährige freischaffende Kunsthistoriker bereichert das städtische Kulturangebot seit bald zehn Jahren mit experimentellen Formaten, bei denen ephemere Methoden wie der Diskurs und die Performance sowie die Kunst im öffentlichen Raum im Zentrum stehen. (TA)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zusammen Pferde stehlen?: Diese drei Isländer stecken ihre Köpfe auf der Pferdekoppel im deutschen Wehrheim zusammen. (16. Januar 2018)
(Bild: AP Photo/Michael Probst) Mehr...