Als alles möglich schien

Das Landesmuseum zeigt «Auf der Suche nach dem Stil – 1850 bis 1900». Eine üppige und dichte Ausstellung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Stühle der Gebrüder Thonet. Eine Liftkabine. Bilder von Segantini. Ein Architekturmodell. Seidentapeten. Ein Hochzeitsfoto von Pippa Middleton. Nein, auf den ersten Blick haben die rund 300 Exponate der Ausstellung «Auf der Suche nach dem Stil – 1850 bis 1900» nicht viel gemeinsam.

Doch es lohnt sich, genauer hinzu­sehen. Und sich dafür viel Zeit zu nehmen. Denn was diese Sonderschau des Landesmuseums will, ist nichts weniger, als eine ganze Epoche zu porträtieren. Eine namenlose Zeit, nach der Industrialisierung und der Aufklärung, in der sich alles veränderte und alles möglich schien, eine Phase des Umbruchs. Eine Zeit, deren Botschaft lautete: Innovationen sollen nun nicht mehr nur nützlich sein, sondern auch schön – und zudem für alle erschwinglich, denn die Lebensweisen der Klassen näherten sich an.

«Das Faszinierende ist, dass es nicht nur einen Stil gab, eine Richtung», sagt Museumsdirektor Andreas Spillmann beim Rundgang kurz vor der Vernissage. «Bestehende Elemente wurden ohne Hemmungen neu kombiniert, ausprobiert und wieder verworfen.» Architektur, Kunsthandwerk, Technik, Textilien, Kunst – diese Vielfalt zieht sich, opulent und dicht, durch jeden der Themen­bereiche. Einflüsse sind sichtbar, aus der Antike und dem Mittelalter, aus Japan und dem Orient, aus Natur und Literatur.

Gauguins Holzvitrine

Diese Verschmelzung von allem mit allem manifestiert sich in der Entstehung des Kunsthandwerks. Das durchaus auch wörtlich, indem Künstler Handwerk zu machen begannen: Eine Holz­vitrine etwa, hergestellt von Paul Gauguin (1848–1903), zeigt japanische Formen und Proportionen, mit geschnitztem Fruchtgehänge und Kinderköpfen verziert – ein einmaliges Stück. Oder das tönerne Getränkeservice aus der Art-and-Crafts-Bewegung von Christopher Dresser (1834–1904), einem der ersten Designer im heutigen Sinne, der sich mit Möbeln, Stoffen, Geschirr befasste.

Oder die Anrichte des Malers Edward Burne-Jones, der auf einer schlichten Kommode eine spätmittelalterliche Tafel­malerei nachempfand. John Ruskin, der britische Kunsthistoriker, veröffentlichte 1859 das Werk «The Two Paths», in dem er die angedeutete Gleichwertigkeit von Kunst und Handwerk propagierte. Kunst und Handwerk – eine Kombination, die einem auch im Themen­bereich Textil begegnet, der fast ein Drittel der Ausstellung ausmacht.

Die neuen technischen Möglichkeiten, die industrielle Herstellung gemixt mit dem traditionellen Handwerk, erlaubten bisher nie da gewesene Möglichkeiten der Gestaltung. Im Landesmuseum finden sich fein gewobene Schwalben auf einer Seidentapete mit Farbverlauf, handgestickte Mimosen auf Stoffbahnen, orientalisch anmutende Muster und gemalte Ornamente. Kurz: Es funkelt, glitzert und glänzt; die Nachwirkungen dieser kreativen Suche können sogar bei heutigen Designerstoffen gefunden – und befühlt – werden (und hier kommt Pippa Middleton mit ihrem Spitzenkleid ins Spiel).

Die grossen Fragen bleiben

Als wäre das alles nicht genug, werden immer wieder theoretische Felder geöffnet, mit Texten und Fragen von den damaligen Intellektuellen auf der Wand oder auf iPads: Sollen, zum Beispiel, möglichst viele Menschen in den Genuss von schönen Dingen kommen – wie es die industrielle Produktion ermöglichte? Oder ergibt sich der Wert gerade durch das Einmalige des Handgemachten? Braucht der Mensch das Ländliche oder das Urbane? Und, was empfindet man als schöner: florale Muster oder geometrische Abstraktion? Fragen, die bis heute unbeantwortet sind.

Dieses ganze Denken, Staunen und Fragen wird von der in Grau und Schwarz gehaltenen Szenografie angenehm gerahmt. Feine Fototapeten lassen Boulevards und Salons anklingen – und heben sich wunderbar vom Beton des Museum-Neubaus ab. Man kann auch einfach auf die tatsächliche Umgebung schauen, auf den alten Teil des Landesmuseums und den Platzspitz – beide aus der Schau-bestimmenden Zeit: «Was damals passierte, bestimmt das Gesicht der europäischen Städte bis heute», sagt Spillmann. Paris, Berlin, Wien – viele städtebauliche Ikonen wie die Wiener Ringstrasse entstanden.

So flaniert es sich bis zum Kern der Ausstellung, dem «violetten Salon», formal wie ein Pariser Salon gestaltet, der mit einem Wirkteppich aufwartet und über 30 Werke aneinanderreiht: Arnold Böcklin, Ferdinand Hodler, Giovanni Segantini; Realismus, Impressionismus; Landschaften, Porträts, Stillleben – fast eine Kakofonie aus Namen und Sujets.

Es ist viel, sehr viel, was die Kuratoren hier wollten – und tatsächlich geschafft haben: Die Suche einer Zeit nach ihrem Stil aufzuzeigen. Einer Zeit, die gar nicht so anders war als die heutige.

Bis zum 15. Juli.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2018, 18:02 Uhr

Artikel zum Thema

Drecksarbeit in der Fabrik

Die Industrialisierung brachte der Stadt Zürich Wohlstand. Doch die Anfänge waren für die Arbeiter hart: Sie schufteten zu tiefen Löhnen und unter misslichen Umständen. Mehr...

Das Landesmuseum knipst den Kitsch an

Bellevue Der Winter ist da. Im Hof des Landesmuseums gibt es Glühwein. Dieses Jahr mit besonderem Besuch. Mehr...

Ohne Bilder geht es nicht

Der Strauhof und das Landesmuseum in Zürich widmen sich der Reformation. Diese gründete auf dem Wort Gottes – und kam doch nicht ohne Abbildungen aus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Nations League mit Delikatesse

Wettermacher Der Name der Hose

Die Welt in Bildern

Heftiges Wortgefecht: Ein palästinensischer Mann und ein israelischer Soldat geraten aneinander wegen der israelischen Order, eine Schule bei Nablus zu schliessen. (15. Oktober 2018)
(Bild: Mohamad Torokman) Mehr...