Als die Moderne am Pranger stand

Vor 80 Jahren lockte die Münchner Ausstellung «Entartete Kunst» Massen von Besuchern an. Wie kamen diese «Schreckenskammern» beim Publikum damals an? Wäre das in der Schweiz auch möglich?

Lovis Corinths «Ecce Homo» in der Ausstellung «Entartete Kunst», bevor es 1939 nach Basel verkauft wurde.

Lovis Corinths «Ecce Homo» in der Ausstellung «Entartete Kunst», bevor es 1939 nach Basel verkauft wurde. Bild: bpk / Arthur Grimm

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die bisherige Auseinandersetzung mit dem Vernichtungsfeldzug, den das NS-Regime gegen Avantgardekunst geführt hat, konzentrierte sich auf die Fragen, welche Künstler und welche Werke vom Bannstrahl der nationalsozialistischen Kunstpolitik getroffen wurden und mit welcher Mentalität und Methode gegen die verfolgte Kunst vorgegangen wurde. Wie man weiss, verloren Künstler ihre Stellen an den Kunstakademien, es wurden Malverbote ausgesprochen und Bilder konfisziert. Von 1933 an waren in einzelnen, lokalen «Schreckenskammern» Kunstwerke der öffentlichen Proskription ausgesetzt.

Höhepunkt dieser Verfolgung bildete die 1937 in München veranstaltete und reichsweite Bedeutung beanspruchende Ausstellung «Entartete Kunst». Später gingen mindestens bis 1941 in kleineren Formaten weitere Ausstellungen dieser Art auf Tournee.

Wie kamen diese Ausstellungen beim Publikum an? Gemäss der 1992 vom US-Historiker Raul Hilberg eingeführten Trias mit der Unterscheidung von Tätern, Opfern und Zuschauern kann man im Falle der Kunstpolitik erst recht fragen, wie neben den Tätern (den Agenten des Propagandaministeriums) und neben den Opfern (den Künstlern) die Ausstellungsbesucher damals auf die Schau reagiert haben. Diese Frage hat bisher kaum interessiert, sie bildet eine wenig reflektierte Leerstelle.

Bewusst unvorteilhaft gezeigt

Eine allgemeine Umschreibung der Besucherhaltungen lautet, dass es zu Reaktionen sehr unterschiedlicher Art gekommen ist. Wie beabsichtigt und nicht überraschend, war wohl die Mehrheit der Besucher der Meinung, dass die ausgestellten Werke von Paul Klee, Marc Chagall, Oskar Kokoschka, Lovis Corinth – um nur diese bekannteren Namen zu nennen – zu Recht als verabscheuungswürdig präsentiert wurden. Daneben gab es aber auch Freunde dieser Kunst, die in stiller Verbundenheit von ihr Abschied nehmen wollten. Dann dürfte es auch Leute gegeben haben, die schlicht neugierig waren.

Ein paar spezifizierende Stimmen stehen zur Verfügung. Carola Roth etwa aus dem Bekanntenkreis des Malers Max Beckmann berichtete: «Der Andrang ist so gross, dass die Ausstellung oft eine Stunde lang geschlossen wird. Die Leute stehen dann in Reihen an. Das Publikum setzt sich zu 90 Prozent zusammen aus Münchner Kleinbürgern, die niemals sonst in eine Bilderausstellung gegangen sind und die nun ehrlich entrüstet über das Dargebotene sich äussern. Unter diesen sind einige wenige, die mit politischem Fanatismus die dargebotene Tendenz aufgreifen.»

Peter Günther, damals erst 16-jährig, ist ein anderer der wenigen überlieferten Augen- und Ohrenzeugen: «Leute sprachen, manche laut, und richteten Kommentare aneinander, sogar zu Unbekannten. Damals hatte ich den Eindruck, dass die verschiedenen Äusserungen spontan kamen. Ich konnte die Reaktionen verstehen, besonders, weil die Leute um mich herum nicht diejenigen zu sein schienen, die gewohnheitsmässig in Museen oder gar Ausstellungen moderner Kunst gingen und daher schockiert sein mussten.»

Die Ausstellungsmacher programmierten die Ablehnung des Ausgestellten, indem sie die Bilder bewusst unvorteilhaft präsentierten, in düsteren Räumen, dicht und in einzelnen Fällen sogar schief gehängt, immer in Kombination mit diffamierenden Erläuterungen.

Der ab 1939 mit der Leitung des Basler Kunstmuseums betraute Georg Schmidt hatte bereits 1933 eine solche «Schreckenskammer» in Mannheim besucht und darüber in der Basler «National-Zeitung» berichtet: Es sei eine völlig ungeordnete, mit herabsetzender Absicht chaotisch präsentierte Ausstellung; die Bilder seien aus den Rahmen genommen und mit nachlässig geschriebenen Zetteln versehen worden. Zu den fehlenden Rahmen bemerkte er: «Für den Kenner verliert ein Bild ohne Rahmen nichts, sehr oft gewinnt es sogar. Für den Laien aber, der diesen nackten Anblick nicht gewohnt ist, bekommt jedes rahmenlose Bild etwas Unansehnliches, Wertloses, Geringes.»

Die im Namen des Volks durchgeführte Ausstellung instruierte das Volk, wie es die Schau aufzunehmen hatte. Ein Teil der breiten Indoktrinierung erreichte auch Nichtbesucher ausserhalb der Ausstellung über Zeitungen und die vom Rundfunk übertragenen Eröffnungsreden. In der Ausstellung sollen sogar Schauspieler engagiert worden sein, die ein empörtes Publikum mimten und mit künstlichem Gelächter und Geschimpf erwartete Reaktionen vorexerzierten.

Unverständnis ausgenutzt

Was überliefern die Innenaufnahmen der Ausstellungen mit dem abgebildeten Publikum? Wie beinahe alle Fotos offizieller Veranstaltungen jener Jahre entstammten auch die Abbildungen der Münchner Ausstellung von 1937 und der Berliner Ausstellung von 1938 offiziösen Bilderdiensten, könnten also propagandistischer Natur sein. Die Fotos zeigen durchgehend ein ruhiges, aufmerksames, ernstes, auch ziemlich gemischtes Publikum: Männer und Frauen, mehr ältere als jüngere Besucher, unter den Zivilisten einige Uniformierte. Anders als bei der parallel gezeigten Schau mit vorbildlicher Nazikunst war hier der Eintritt frei.

Eher anziehend dürfte der Hinweis gewesen sein, dass der Besuch Jugendlichen untersagt sei. Alles in allem war der Schau ein immenser Zulauf beschieden, ein «Blockbuster», wie man heute sagen würde. Heute könnte es etwas verwundern, dass das grössere Publikum und insbesondere die Kunstfreunde die Ächtung der Avantgarde, wie es den Anschein macht, einfach hinnahmen. Jedenfalls kam es nicht zu einem Aufschrei des Entsetzens über diese schändliche Aktion. Am Rande gab es ein wenig Protest, weil sich die Kampagne auch gegen die Expressionisten richtete. Die Opposition war aber keineswegs grundsätzlicher Art und bediente sich – vielleicht auch aus taktischen Gründen – der NS-Kunstparolen, um beispielsweise den «nordischen» Emil Nolde zu schützen.

Man hängte die Bilder dicht und in düsteren Räumen, kombiniert mit diffamierenden Erläuterungen.

Die Nationalsozialisten konnten sich die weitgehende Unvertrautheit mit moderner Kunst und die bereits zuvor bestehende Abneigung gegen Avantgarde zunutze und daraus ein politisches Geschäft machen. Die politische Agitation griff in diesem Fall wenig Neues auf, sondern instrumentalisierte vor allem das bestehende Unverständnis. Verteidigung moderner Kunst hätte vorausgesetzt, dass man sie schätzte und verstand. Zwischen dem breiten Publikum und der Avantgarde herrscht aber seit je normale Fremdheit, wie es sie vor 1933 und nach 1945 gab und in jüngerer Zeit möglicherweise sogar noch grösser geworden ist, aber nicht von totalitärer Politik ausgeschlachtet wird.

Im Jahr 1937 hätte man die verfemte Kunst auch allein darum verteidigen können, weil man die Art der Diffamierung ablehnte. Am ehesten hätte man Widerstand von Kunstsachverständigen der Museen und Medien erwarten können. Die systematische Gleichschaltung im NS-Staat hatte aber bereits dafür gesorgt, dass potenzielle Kritiker mundtot gemacht waren und das Laienpublikum wehrlos sich selber überlassen blieb.

Bundesrat auf Hodlers Seite

Wie immer angesichts heute verurteilter Haltungen könnten wir uns fragen, wie unsere Haltungen damals gewesen wären. Das hing zum Teil von dem ab, was wir inzwischen Zivilcourage nennen; zum Teil aber auch von unserer Aufgeschlossenheit moderner Kunst gegenüber. Heute werden die Bilder aus dem Gurlitt-Bestand vor allem wegen ihres sensationellen Hintergrunds interessieren. Man kann aber auch davon ausgehen, dass sie wegen der ihnen innewohnenden Ästhetik «gefallen». Wir haben uns an die frühere Moderne gewöhnt, die von der Avantgarde vorangetriebene Erweiterung des Sehens ist bei uns angekommen.

Neben Indifferenz gab es gegenüber Avantgarde die übliche Ablehnung mit den Argumenten, dass diese Künstler nicht richtig malen könnten, psychisch krank seien, dass einheimisches Schaffen traditioneller Künstler bevorzugt werden müsse, dass die moderne Kunst das Geld nicht wert und eine geschäftstüchtige Lobby am Werk sei. Als 1939 eine grössere Anzahl von «Entarteten» für das Basler Kunstmuseum erworben wurde, erschienen in Schweizer Medien Kommentare, die in NS-Deutschland hätten verfasst worden sein können.

Das schweizerische Publikum hätte 1937 auch die Münchner Ausstellung nicht gross anders aufgenommen. Das Entscheidende war, dass es in der Schweiz kein Regime gab, das «Schandausstellung» inszeniert und latente Empörung für repressive Politik genutzt hätte. 1936 löste das im staatlichen Auftrag von Heinrich Danioth für das neue Bundesbriefarchiv in Schwyz geschaffene Fassadenbild «Fundamentum» die übliche Empörung aus.

Danioths Werk wurde aber nicht abgelehnt, sondern von den Behörden geschützt. Desgleichen schon Jahrzehnte zuvor, als gegen Ende des 19. Jahrhunderts Ferdinand Hodlers Marignano-Entwürfe für die «Ruhmeshalle der Nation» des Schweizerischen Landesmuseums, weil zu modern, vehementen Kontroversen ausgesetzt waren. Der Bundesrat stellte sich damals auf Hodlers Seite und damit auf die Seite der Moderne. Die liberale Grundhaltung in Kunstfragen blieb erhalten, als im Zuge der Geistigen Landesverteidigung das konservative Schaffen bevorzugt wurde. In der bekannten bundesrätlichen Botschaft von 1938 findet sich eine explizite Absage an «jegliche Gleichschaltung», was eine Ablehnung sowohl der Sache als auch des zum NS-Vokabular gehörenden Begriffs war. Anders war auch das Verständnis der Staatszuständigkeit. Der Staat sollte nur die erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen und sich das Recht vorbehalten, deren Verwendung zu überwachen.

(Der Bund)

Erstellt: 20.10.2017, 22:50 Uhr

Artikel zum Thema

Darum kam Gurlitts Sammlung nach Bern

Lange hüllte sich Eberhard Kornfeld, ein Geschäftspartner von Cornelius Gurlitt, in Schweigen. Jetzt gab er erstmals ein Interview. Mehr...

Gurlitt-Sammlung im Berner Kunstmuseum

In Bern werden Bilder aus dem Nachlass des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt gezeigt. Mehr...

Die «Werkstatt Gurlitt» wird bald eröffnet

Die ersten Bilder aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt sind in Bern eingetroffen. Mehr...

Eine Ausstellung in Bern und Bonn

In einer Doppelausstellung unter dem Titel «Bestandsaufnahme Gurlitt» präsentieren das Kunstmuseum Bern und die Bundeskunsthalle Bonn vom 2. November 2017 bis zum 4. März 2018 je einen Teil der Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt († 2014). Damit werden die Werke, die Cornelius’ Vater, der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, in den 1930er- und 1940er-Jahren zusammengetragen hatte, erstmals in historischem Kontext gezeigt. Unter dem Titel «‹Entartete Kunst› – beschlagnahmt und verkauft» zeigt das Kunstmuseum Bern rund 200 Werke, die als sogenannte entartete Kunst in deutschen Museen beschlagnahmt wurden – hauptsächlich Arbeiten auf Papier, darunter Werke des Expressionismus, der konstruktiven Kunst und der Neuen Sachlichkeit. Zudem werden die politischen Vorgänge thematisiert, die zu deren Diffamierung, Zerstörung und Verkauf führten. Der Schwerpunkt der zeitgleich stattfindenden Schau in der Bundeskunsthalle Bonn liegt auf der NS-verfolgungsbedingt entzogenen Raubkunst, deren Herkunft noch nicht abschliessend geklärt ist. Der Bonner Ausstellungsteil wird vom 13. April bis zum 1. Juli 2018 auch im Kunstmuseum Bern gezeigt. (TA)

Georg Kreis

Historiker und Gastkurator

Der 1943 in Basel geborene Georg Kreis ist emeritierter Professor für
Neuere Allgemeine Geschichte an der Uni Basel. Bis 2011 war er Leiter des Europa­instituts Basel sowie Präsident der Eid­genössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Als Gastkurator zeichnet er für die Ausstellung «Bestandsaufnahme Gurlitt» verantwortlich, unlängst erschien sein Buch «Einstehen für ‹entartete Kunst›. Die Basler Ankäufe von 1939/40». (TA)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Outdoor Warm und trocken durch den Winter

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Hell die Kunst, dunkel ihre Geschichte

Lange wurde sie erwartet, nun ist die Ausstellung zur Sammlung Gurlitt im Kunstmuseum Bern endlich eröffnet. Mehr...

Über die Herkunft der Werke ist wenig bekannt

Auch nach jahrelanger Forschung klaffen in den Provenienzberichten über die Gurlitt-Bilder noch immer grosse Wissenslücken. Mehr...

Die «Werkstatt Gurlitt» wird bald eröffnet

Die ersten Bilder aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt sind in Bern eingetroffen. Mehr...