Aromat im Herzen

Yves Netzhammer wird in einer grossen Schau in seiner Heimatstadt Schaffhausen persönlich.

So nah wie im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen hat sich Yves Netzhammer noch nie an die Zuschauer herangewagt.  Foto: Jürg Fausch

So nah wie im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen hat sich Yves Netzhammer noch nie an die Zuschauer herangewagt. Foto: Jürg Fausch

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Seine Welt ist dem Prinzip des steten Wandels unterworfen. Alles fliesst, alles verwandelt sich, die Finger werden zu Tieren, Tiere zu Booten, diese zu Ballonen, die wieder als Vogelschwarm davonfliegen, und so gehts immer weiter und weiter. Willkommen bei Yves Netzhammer, dem Metamorphosenkünstler.

So weit, so bekannt. Aber jetzt. Der unfassbarste Vertreter der mittleren Schweizer Künstlergeneration macht zwei Jahre vor dem 50. Geburtstag in seiner Heimatstadt Schaffhausen plötzlich halt; und aus dem Lavafluss der netzhammerschen Fantasie taucht jäh eine identifizierbare Figur auf. Sie bleibt wie ein Surfer auf dem Rücken einer Welle kurz stehen, winkt uns zu, dreht ihr Gesicht.

Nein, sie hat kein Gesicht. Wir haben es eben doch mit Netzhammer zu tun, dem Meister des digital Unpersönlichen. So nah wie in dieser Ausstellung hat sich der Künstler aber noch nie an die Zuschauer herangewagt, so viel von sich verraten. Man fühlt sich seltsam berührt, fast, als habe man eine unerwartete Begegnung mit einem Waldtier.

Vertrackte Bildeinfälle

Die Zutraulichkeit liegt vielleicht am vertrauten Setting, denn hier, in diesem Museum, lernte Netzhammer als Schüler den Umgang mit Bildern kennen. Das Museum zu Allerheiligen ist nun auch mächtig stolz darauf, dem bekannt gewordenen Stadtsohn eine so repräsentative Schau ausrichten zu dürfen.

Vor zwanzig Jahren stellte er hier erstmals aus. Seither wurde sein virtuoser Strich, den er in Computeranimationen in rastlose Bewegung versetzt, nicht nur in der Schweiz bekannt. Dreimal wurde Netzhammer der Swiss Art Award zuerkannt. Er stellte im San Francisco Museum of Modern Art aus und vertrat 2007 die Schweiz an der Biennale in Venedig; im gleichen Jahr zeigte er an der Documenta 12 in Kassel eine Videoinstallation. Immer, wenn es darum geht, eine ab­strakte Paradoxie unserer Zeit in Bilder zu fassen, schaut man sich nach Netzhammer um. Seine vertrackten Bildeinfälle drücken am besten diese Mischung aus Niedlichkeit und Horror aus, die man mit Gentechnik, künstlicher Intelligenz oder selbst­ gewählter Rundum-Überwachung assoziiert. 

Und jetzt dieser Narr, den er für sein Heimatmuseum schuf. Auch er so etwas wie eine Albtraumversion des Knorrli, eine schlaksige Figur mit Doppel­zipfelmütze, gekleidet in die Aromat-Farben Rot, Grün und Gelb. Das passt: Auch das urschwei­zerische Glutamatgewürz (neuerdings selbstverständlich auch glutamatfrei erhältlich) ist ein Schaffhauser, unweit der Stadt im Unilever-Werk in Thayngen hergestellt. Dort, wo die Schulklassen oft auch das berühmte Kesslerloch besuchen, eine prähistorische Jägerhöhle.

Im Schaffhauser Universalmuseum mit Exponaten zu Archäologie, Geschichte, Kunst und Natur wird die Eiszeit mit einem charmanten Diorama vorgestellt. Und seit neustem spukt selbst hier, in der Diorama-Höhle, Netzhammers Aromatbursche und drängt den kurzstirnigen Jägerfiguren seine wenig respektvolle Gesellschaft auf. Insgesamt 18 Mal schmuggelt Netzhammer etwas Eigenes unter andere Exponate. Mit wechselndem Glück – und erstaunlicher Chuzpe.

Im ehemaligen Refektoriumssaal wird etwa in einer Animation ein Pornofilm-Dreh angedeutet, mit S/M-Elementen. Und wie das bei Netzhammers Loops so ist, rutscht man ins schlüpfrige Geschehen hinein, vom Spiel zur Posse zum Hardcore. Just wenn man sich fragt, ob der Künstler nun auch politische Statements abgibt, wechseln die Figuren wieder ins Niedliche. Alles nur Jux? 

Alles Witz ist es aber keineswegs, war es bei Netzhammer eigentlich nie, und nirgends in der Ausstellung wird das so deutlich wie im grossen Saal, in dem die meisten Videos, Installationen, Zeichnungen und bewegten Skulpturen des Künstlers versammelt sind. Diese in schummriges Licht getauchte Ausstellungshalle hat etwas von einer Experimentierwerkstatt des Frankenstein-Schöpfers.

Die durch Luftdruck bewegte Skulpturen üben den freien Fall menschlicher Gliedmassen. Alle paar Minuten knallt es laut: Ein mechanischer Galgen schleudert abgetrennte Füsse, Beine, Hände zu Boden. Auch die geschliffen und grafisch daherkommenden Animationen haben es in sich: Es wird etwa eine blutige Intimrasur vorgeführt, eine Schnecke kriecht über scharfe Werkzeuge. Eine Folterkammer?

Tennisball-Wurfmaschinen

Auch wenn die Ausstellung «Biografische Versprecher» heisst, hält sich der enigmatische Künstler natürlich bedeckt, welche unsichtbare Nabelschnur seine wilden Fantasien mit der friedlichen Erkerstadt verbindet. Etwas erfährt man doch – durch die in der angrenzenden Kammgarn-Halle eingerichtete temporäre Installation (nur bis 14. 10.). Hier hat Netzhammer drei Tennisball-Wurfmaschinen installiert. Die spicken mal ins Auge einer Zeichnung, mal in den Schoss, mal ganz daneben. Das ist eher lustig als schaurig, und viele Schaffhauser wissen, woher die Idee kommt: Netzhammers Vater war hier ein geschätzter Tennisspieler und -lehrer.

«Biografische Versprecher»,bis 17. Februar 2019.

Erstellt: 03.10.2018, 18:54 Uhr

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