Auch Fische brauchen Zärtlichkeit

Kelvin Haizel zeigt in der Bank Vontobel in Zürich erstaunliche Fotoarbeiten über das Leben und Sterben auf dem Archipel der Komoren. Der Kern der Performance geht auf eine Flugzeugentführung zurück.

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Mit seinen Performances erweist sich der 1986 geborene Kelvin Haizel als kluger Erneuerer des Surrealismus. Klinisch sauber und in höchstem Masse befremdlich sind seine Bilder: Da trägt der Künstler eine weisse Schürze und blaue Handschuhe, als ob er in einem Spital, einer Forschungsabteilung oder einem Leichenschauhaus arbeitete. Behutsam hält er einen kleinen Hai, wie wenn man ihm einen Säugling anvertraut hätte. Und das rot gemusterte Tuch, in das er den Hai gewickelt hat, ist eines der berühmten «Glarner Tüechli», die einst im Kanton Glarus nach indischen Vorbildern bedruckt worden sind.

Emotional bewegend

Über ein Dutzend solcher Bilder, die unterschiedliche Momente der Performance dokumentieren, hängen in einer Ausstellungskoje bei der Bank Vontobel. In deren Mitte laden vier Flugzeugstühle die Besucher zum Hinsetzen ein. Wir nehmen Platz und reisen gedanklich auf die Komoren, wo 2018 Haizel, der in Ghana lebt und arbeitet, ein mehrteiliges Kunstprojekt durchgeführt hat. Er setzte sich in einem von der Bank ausgeschriebenen und von Urs Stahel – dem ehemaligen Leiter des Fotomuseums Winterthur – erdachten Fotowettbewerb gegen 70 Mitbewerber durch. Für «Babysitting a Shark in a Coldroom – Comoros Encounters» erhielt er neben den Reise- und Produktionskosten auch einen Check über 20000 Franken, was in Anbetracht der Qualität der Bilder, die hier präsentiert werden, als gut angelegtes Kulturgeld bezeichnet werden darf.

In den so kühlen wie emotional bewegenden Hai-Bildern schiessen Kolonial- und Migrationsgeschichten auf höchst ungewöhnliche Weise zusammen. Der narrative Kern der Performance geht auf eine Flugzeugentführung zurück, die im November 1996 im Meer vor den Komoren katastrophal endete: Die von Addis Abeba kommende Maschine der Ethiopian Airlines hätte in Westafrika landen sollen, wurde aber von drei Entführern nach Australien umgeleitet. Da der Treibstoff nicht reichte, kam es zu einer Notwasserung. 125 Menschen starben, 50 überlebten. Die Leichen hatte man damals in einem Kühlhaus aufgebahrt, das allerdings nach dieser Zweckentfremdung geschlossen wurde, wollte doch in dem Leichenschauhaus niemand mehr Lebensmittel kühlen.

Dann kam Haizel und nutzte das Kühlhaus für seine Performance. Mit seinem Baby-Hai in der ehemaligen Morgue positionierte er sich irgendwo zwischen Pietà und Geburt Christi, wobei die traditionellen kunsthistorischen Motive nicht wirklich passen wollen für diese grossartige Synthese von Trauer und Kälte, Zärtlichkeit und Nässe, Schutz und Ausgesetztsein. Der Mensch umsorgt hier ein Tier auf menschliche Weise, wie wenn Humanität nichts anderes als eine alle Gattungen umfassende Haltung sein kann.

Mit den Farben Rot, Weiss und Blau spielen die Bilder überdies auf die französische Flagge an: Bis 1975 war die kleine Inselgruppe der Komoren im Indischen Ozean französische Kolonie. Danach machten sich drei Inseln selbstständig, während die vierte, Mayotte, bei Frankreich blieb. Paris betreibt nun tief im Süden vor der afri­kanischen Küste, zwischen Moçambique und Madagaskar, eine europäische Enklave, die unzählige Flüchtlinge aus den Komoren anzieht.

Kelvin Haizel erzählt, dass zwischen 1996 und 2018 rund 40000 Menschen ertrunken seien, als sie versuchten, auf die Insel Mayotte zu fliehen. Von der Weltöffentlichkeit unbemerkt herrschen da offenbar Zustände wie im Mittelmeer. Dabei tun die Franzosen auf Mayotte alles, um die Flüchtlinge fernzuhalten. Für Bewohner der Komoren ist es praktisch unmöglich, ein Visum zu erhalten.

Auch für Haizel war es ein langwieriges Unterfangen, bis er endlich eine Einreisebewilligung erhielt. Sein Visum für Mayotte, sozusagen ein Eintrittsbillett in die EU, hat er nun – mindestens künstlerisch – ein paar Menschen aus den Komoren zur Verfügung gestellt, die es, aus welchen Gründen auch immer, dringend brauchen: In der Ausstellung hängen ein Dutzend vergrösserte Kopien seines Visums, auf denen Porträt und Namen des Künstlers mit den Porträts und Namen der Einreisewilligen ersetzt worden sind.

Die Ausstellung in der Bank Vontobel, Gotthardstrasse 43, Zürich, dauert bis zum 5. April.

Erstellt: 22.03.2019, 18:14 Uhr

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