Aus der Zeit gefallen – und entdeckt

Der 87-jährige Willi Facen gehört zu jenen Künstlern, die derzeit zu später Bekanntheit kommen. Ein Besuch in seinem Zürcher Atelier, in dem der Maler seit 50 Jahren arbeitet.

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Kunstgeschichtlich betrachtet, befinden wir uns gerade inmitten einer Kanonkorrektur. Im Grossen wie im Kleinen, auf der globalen Ebene genauso wie auf der lokalen. Überall schauen Kunstkenner zurück und fragen: War da nicht noch was? Und ja, da war – da ist – noch viel. Die vorwärtsstürmende Moderne hat ganze Lebenswerke von Künstlerinnen und Künstlern links liegen gelassen, die sich erst jetzt, im direkten Anschluss, zum Zeitgenössischen gesellen.

An dieses Phänomen denkt die Berichterstatterin, als sie in dieses Atelier kommt. Vorbei am Kunsthaus (in dessen gegenwärtiger Ausstellung «Gefeiert und verspottet» eine historische Korrektur betrieben wird, jene der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts), betritt man über einen Hinterhof das Reich des Malers Willi Facen. Hier, im sakral anmutenden Raum einer ehemaligen Wiedertäufer-Kirche, hat er 50 Jahre lang drängende Visionen auf dicke Bogen Aquarellierpapier gebannt. In Stapeln liegen diese Werke überall – grosse gespenstische Schiffe, schwindelerregend konstruierte Türme, Landschaften, Gestalten, Porträts.

«Zweitausend? Dreitausend?», rätselt der Maler mit, nach der Gesamtanzahl seiner Arbeiten gefragt. Mit kraftvollem Berglerschritt ist der 87-Jährige durch die Hinterhöfe vorangeeilt. Nun wartet er freundlich, bis sich die Verblüffung beim Gegenüber legt. Er weiss, dieses verwunschene, kathedralenähnliche Interieur macht erst einmal sprachlos.

«Ich gab allen immer einen Fünfer als Note»

Also erzählt der Maler eine Anekdote aus der Anfangszeit: Wie er als junger Zeichnungslehrer in diesem Raum stand und mit anderen Anwärtern auf das städtische Atelier auf den Zuschlag hoffte. «Dieser da», zeigte der Beamte auf den abseits stehenden schüchternen Facen. Die Schlosserei nebenan schliff wichtige Schlüssel, man wollte keine allzu auffällige Boheme im Haus. Der Schweizer Maler Varlin hatte zu dieser Zeit bereits ein Atelier im gleichen Hinterhof. Vier Jahre lang waren sie Nachbarn, doch gesprochen miteinander haben sie kaum.

Nein, als Bohemien verstand sich Willi Facen nie – erst sein gegenwärtiges Aussehen mit dem langen Bart entspricht der gängigen Vorstellung eines Künstlers. Seine Familie stammt aus Bergamo (weshalb man seinen Nachnamen «Fatschen» ausspricht), die Grossmutter ist in die Schweiz eingewandert, der Vater hatte eine Installationsfirma. Nach dem Zeichnungslehrerstudium an der Zürcher «Kunschti» unterrichtete Facen unzählige Generationen von Kantonsschülern in der schönen Kunst des bildnerischen Ausdrucks. «Ich gab allen immer einen Fünfer als Note», sagt er; er leitete seine Zöglinge an, einen subjektiven Zugang zum Dargestellten zu finden.

Die Sucht zu malen

Was ihn mehr umtrieb als die Bedingungen des Alltagslebens, war seine Sucht zu malen. «Die Malerei hat wohl der Ehe geschadet», seufzt er kurz. Die erste Familie zerbrach. Als junger Maler reiste er viel, malte in den Bahnhöfen und in der Landschaft; durch Lichtakzente und Farben verwandelte er das Gesehene ins Eigene. Es sei ein Moment des Triumphs, wenn man nach getaner Arbeit sein Werk betrachte und erkenne, dass man genau das dargestellt habe, «was man in sich selber sah». Dabei sei die objektive Einschätzung des Werks egal – «auch dem Kitschmaler kann nach vollendeter Arbeit echtes Augenwasser kommen».

Willi Facens Aquarelle wirken zuweilen wie Ölbilder, denn er verwendet besonders saugfähiges Papier und trägt so dick auf, dass die sonst durchscheinende Farbe eine physische Präsenz bekommt. Auch die Motivik ist ambivalent – sie scheint einer Fantasy-Welt entsprungen. Minutiös konstruierte Archen stecken halb fertig in Berggipfeln oder kämpfen gegen sie hochspülende Fluten. Babylonische Türme winden sich in der Manier eines M. C. Escher über tausend Treppen hoch. In den neusten Werken geht es nach unten, in unterirdische Verliese, doch der Maler ist mit seiner Lösung des Themas noch nicht zufrieden. Unermüdlich arbeitet er daran, jeden Tag. «Fleissig und süchtig ist bei einem Maler dasselbe», sagt er und kichert.

«Willi Facen ist einer unserer grossen Aquarellisten», sagt später Jochen Hesse, Leiter der Graphischen Sammlung der Zürcher Zentralbibliothek (ZB). Der Kunsthistoriker lobt «die imposante Grösse der Blätter, den eigenständigen Stil und die grossartige melancholische Stimmung». Hesse hat soeben 187 Werke Facens als einen Vorlass für die ZB vertraglich gesichert. Damit macht er auch den Künstler glücklich, der mit fortschreitendem Alter zunehmend unter seinem eigenartigen Unwillen gelitten hat, sich von seinen Bildern zu trennen. «War es Egoismus?», rätselt Facen über seine Motive, «ich wollte diese Bilder nicht hergeben.» Er habe gemerkt, dass er durch die grosse Bindung an sein Werk «zunehmend einsam» wurde. Keine Galerie, kaum Ausstellungen, nur ein Kreis von Freunden und Bewunderern.

Der Wunsch nach dem Buch

Das ist jetzt endlich anders. Gerade in Zürich, wo die Unterbringung der Künstlernachlässe ein Politikum ist (weil alle Depots aus den Nähten platzen), ist es gut, den Nukleus seines Werks in der ZB zu wissen. Auch sonst tritt der Maler immer mehr nach aussen. Es gibt einen Film über ihn, und in der aktuellen Ausstellung «Keine Zeit» im Helmhaus hängen seine Blätter neben den Werken ganz Junger. «Facens Bilder passen zur Ausstellung», sagt Co-Kurator Daniel Morgenthaler, «weil sie wie aus der Zeit gefallen sind.» In einem Niemandsland zwischen heute und gestern wirken die Schiffe und Trutztürme wie ein fernes Echo von sehr gegenwärtigen Themen: Flucht übers Wasser, Überlebensszenarien, eingebunkerte Gated Communitys.

Willi Facen mag die Motive seiner Bilder nicht allzu detailliert interpretieren. «Vielleicht gibt es einmal ein Buch über mich», sagt er, und man spürt, dass er sich das wünschen würde. Wie Matisse sitzt er in der Mitte seines Ateliers, hinter ihm die Staffelei, um ihn herum ein Durcheinander von Farbtuben, Pinseln, Werken, Skizzen. Man kann sich an dem seltsam anachronistischen Bild kaum sattsehen, und es geht einem auf, dass es zwei Lesarten davon gibt: Es könnte eine Wiederauflage des romantischen Malerbildes aus dem 19. Jahrhundert sein. Oder aber, modern betrachtet, die prägnanteste Szene aus einer lebenslangen Performance. Aus einer, in der es um nichts weniger als das Wesen der Kunst geht.

Am Donnerstag, 18. 1., um 17 Uhr, wird der Film «Noahs Enkel – Willi Facen und seine Vision der Unsterblichkeit» in der Wasserkirche in Zürich gezeigt, anschliessend Künstlergespräch.

Die Ausstellung «Keine Zeit» ist noch bis 18. 2. im Helmhaus Zürich zu sehen.

Erstellt: 16.01.2018, 18:13 Uhr

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