«Bern den Schatz zu vermachen, war nicht Gurlitts Idee»

Der Fall Gurlitt ist für ihn ein Skandal: Zwei Jahre lang recherchierte Dokumentarfilmer und Autor Maurice Philip Remy über den Sammler.

Maurice Philip Remy, Dokumentarfilmer und Autor.

Maurice Philip Remy, Dokumentarfilmer und Autor. Bild: Jan Frommel

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Sie haben bereits den Dokumentarfilm «Der seltsame Herr Gurlitt» für Arte gedreht. Nun ist Ihr Buch «Gurlitt – die wahre Geschichte» fertig. Warum lässt Sie der Fall nicht los?
Im Zusammenhang mit meinen Publikationen und Dokumentarfilmen über den Holocaust und die NS-Zeit beschäftige ich mich schon lange mit dem Thema Raubkunst. Als das Magazin «Focus» den Fall Gurlitt mit der Schlagzeile «Nazi-Schatz» publik gemacht hat, bin ich sofort misstrauisch geworden. Ich kannte die Göring-Sammlung, die zur Hälfte aus Raubkunst bestand, was wirklich viel ist. Auch Hildebrand Gurlitt, Kunsthändler und Cornelius’ Vater, war mir ein Begriff. Und der sollte nun mehr Raubkunstbilder als Göring gehortet haben?

«Ich war auch in Gurlitts Haus und seiner Wohnung, die total vermüllt waren.»

Wie war er denn, der Cornelius Gurlitt?
Einsam, sehr einsam. Nach der «Focus»-Geschichte habe ich mich bei ihm gemeldet und Hilfe angeboten, weil mir klar war, was da für ein Sturm auf ihn zukommen würde. Der Mann hatte ja anfangs nicht einmal einen Anwalt. Persönlich begegnet bin ich ihm aber erst ein paar Wochen vor seinem Tod. Gurlitt war da schon schwer krank und konnte dem Gespräch nicht folgen.

Der Fall Gurlitt im Zeitstrahl:

Also unzurechnungsfähig?
Aus zahlreichen Briefen und Dokumenten, die ich einsehen konnte, geht eindeutig hervor, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Ich war auch in seinem Haus und seiner Wohnung, die total vermüllt waren. Er hätte als ausgebildeter Restaurator realisieren müssen, dass seine Bilder unter diesen Umständen Schaden nehmen. Vor diesem Hintergrund habe ich Verständnis für Gurlitts Cousine Uta Werner, die ja bezweifelt, ob er überhaupt noch testierfähig war.

Aber warum ist sie dagegen, dass die Sammlung nach Bern kommt?
Es geht doch nicht um Bern. Und schon gar nicht um Geld. Uta Werner ist jetzt 88 Jahre alt, sie ist selbst Überlebende des Holocaust. Ihre Mutter war Jüdin. Anfangs hat sie sogar begrüsst, dass die Sammlung nach Bern kommt. Aber dann war lange Zeit überhaupt nicht klar, ob das Kunstmuseum das Erbe annimmt. Auch macht es ihr zu schaffen, dass ihrem Cousin und dem Namen Gurlitt viel Unrecht widerfahren ist.

«Cornelius Gurlitt hatte nichts getan, was strafrechtlich relevant gewesen wäre.»

Was störte sie denn am Umgang mit Cornelius Gurlitt?
Das Gleiche wie mich: Wie Justiz, Medien und Politik den 80-Jährigen behandelten, war alles andere als korrekt, vom Tag an, als er im Zug zwischen Zürich und München überprüft wurde. Und der Skandal geht auch nach Gurlitts Tod weiter. 590 Bilder aus der Sammlung wurden ohne Überprüfung öffentlich unter Raubkunstverdacht gestellt. Das stellte sich als falsch heraus. Wenn man von Bildern die Herkunft nicht kennt, heisst das doch noch lange nicht, dass sie deswegen Raubkunst sind. Ehrlicher wäre es doch gewesen zu sagen, dass man nicht wisse, woher sie stammten. Da war offensichtlich eine Absicht dahinter.

Sie trauten also den Behörden von Anfang an nicht?
Nein, und das aus gutem Grund, wie meine Recherchen ergeben haben. Denn Cornelius Gurlitt hatte ja nichts getan, was strafrechtlich relevant gewesen wäre. Man vergisst immer wieder, dass der Besitz von Raubkunst in Deutschland kein Delikt ist, so wenig wie der Verkauf von Kunstwerken in der Schweiz. Auch was die Steuern betrifft, war Gurlitt sauber; ich habe ja seine Papiere studieren können.

Wie das?
Für meinen Dokfilm habe ich auch Chris­toph Edel, Gurlitts Betreuer, interviewt. Ich merkte schnell, dass er sich wirklich für Gurlitts Interessen einsetzte, und konnte ihn schliesslich davon überzeugen, dass Gurlitt eine eigene Provenienzforschung auf die Beine stellen müsse, wenn er sich erfolgreich gegen die staatlichen Vorwürfe zur Wehr setzen wolle. An dieser war ich beteiligt und erhielt Einsicht in die in München und Salzburg aufbewahrten Dokumente. Später konnte ich bei den Recherchen für mein Buch auch noch Einblick in andere wichtige Unterlagen nehmen, etwa die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft.

Und da war nirgends ein nachweisbares Delikt?
Nein, es ist ja auch nie zu einer Anklage gekommen. Sein Steuerberater in Salzburg, wo er angemeldet war, hat regelmässig seine Steuererklärung ausgefüllt. Er hat hier und da ein Bild verkauft. Ausserdem hatte er bei der UBS in Zürich ein Bankkonto und ein Schliessfach, wo er Goldmünzen und Bargeld aufbewahrte. Gurlitt lebte ziemlich bescheiden von ungefähr 1800 Euro im Monat, Geld, das aus seinen Anlagen und vom Bilderverkauf stammte.

Der seltsame Herr Gurlitt - Ausschnitt from BROADVIEW TV on Vimeo.

Aber warum war denn die Justiz scharf auf ihn?
Bei jener Grenzkontrolle im September 2010, als Gurlitt – ganz legal - 9000 Euro bei sich hatte, wollten die Zöllner wissen, woher das Geld sei. Unter dem Druck des Verhörs sagte der eingeschüchterte alte Mann einen fatalen Satz, der alles ausgelöst hat. Sinngemäss lautet der so: Dieses Geld stammt von meinem Vater, der während des Kriegs mit entarteter Kunst handelte und sie bei Kornfeld in Bern versteigern liess. Da haben bei den Zollfahndern sofort alle Warnlampen aufgeleuchtet: Raubkunst! Zudem wurde Gurlitt verdächtigt, über unversteuertes Vermögen in der Schweiz zu verfügen. Daraus wurde später unverständlicherweise der Verdacht konstruiert, Gurlitt habe Bilder aus der Schweiz nach Deutschland transferiert, was nachweislich nicht stimmte. Damit rechtfertigte der Staatsanwalt dann das ganze Ermittlungsverfahren. Denn hätte Gurlitt Bilder aus der Schweiz nach Deutschland gebracht, um sie zu verkaufen, hätte er Einfuhrumsatzsteuer bezahlen müssen.

Das sind massive Vorwürfe. Sie behaupten also, die Justiz habe einen Vorwand konstruiert, um den alten Mann in die Mangel zu nehmen und an seine Sammlung zu kommen?
Ja, es kam noch schlimmer mit dem gerichtlichen Durchsuchungsbeschluss von 2011. Den hätte die Richterin gar nicht ausstellen dürfen, weil ja der Tatvorwurf, der Import von Bildern aus der Schweiz, überhaupt nicht belegt werden konnte. Hätte Gurlitt zu diesem Zeitpunkt einen Anwalt gehabt, hätte sich die ganze Sache sofort in Luft aufgelöst.

Warum bekam er nicht von Amtes wegen einen Anwalt, wenn er doch so verwirrt wirkte?
Auch das ist Teil des Skandals.

«Aus Gurlitts hinterlassenen Papieren geht nicht hervor, dass er zu Bern eine spezielle Bindung hatte.»

Aus welchem Motiv war man hinter der Sammlung her? Man will sie doch jetzt gar nicht in Deutschland haben.
Die Sammlung wird als Feigenblatt für das staatliche Versagen bei der Rückgabe von Raubkunst missbraucht. Handfest restituiert wurde in Deutschland nur zwischen 1945 und 1950 von den Besatzungsmächten. Statt endlich klare Regelungen für die Rückgabe von Raubkunst zu schaffen, profilieren sich die Behörden mit der Sammlung Gurlitt. Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur, hat zum Beispiel bereits im letzten Oktober eine Ausstellung mit Bildern aus der Sammlung Gurlitt in der Kunsthalle Bonn angekündet – obwohl die Justiz den Erbstreit noch gar nicht entschieden hat.

Frau Grütters hat den Fall Gurlitt immerhin zur Chefsache gemacht und eine Taskforce aufgestellt.
Ein reines Ablenkungsmanöver. Die politischen Behörden haben nach der «Focus»-Geschichte gemerkt, dass sie auf einer Zeitbombe sitzen, weil sie ein illegitimes Verfahren durchziehen. Zudem hatten sie ja in den ersten 18 Monaten nach der Beschlagnahmung kaum etwas zur Abklärung von möglichen Raubkunstbildern unternommen. Taskforce, der Name sollte Entschlossenheit signalisieren. Tatsächlich wurde das Ganze so um weitere 24 Monate verschleppt. Das Ergebnis spricht für sich: Fünf Raubkunstkunstbilder waren bereits bekannt, gerade mal ein weiteres hat die Taskforce ausfindig gemacht.

Warum vermachte Gurlitt eigentlich ausgerechnet dem Kunstmuseum Bern seine Sammlung?
Auf diese Idee ist er nicht selber gekommen. Aus Gurlitts hinterlassenen Papieren geht nicht hervor, dass er zu Bern eine spezielle Bindung hatte. Irgendwer muss ihm das gesteckt haben. Als Gurlitt schwer krank im Spital lag, hat ihn Ingeborg Berggreen-Merkel, die Leiterin der Taskforce, besucht und ihm nahegelegt, sein Erbe einer Stiftung zu vermachen. Aber woher wusste Gurlitt, dass das Kunstmuseum Bern eine Stiftung ist? Das wissen nur Insider, weil das Museum in der Öffentlichkeit nicht als «Stiftung Kunstmuseum Bern» auftritt.

Was haben Sie denn in den ­Dokumenten über Bern gefunden?
Zum letzten Mal war er wohl 1988 in Bern und traf den Kunsthändler Eberhard Kornfeld. In Gurlitts Agenda stand, dass er im Münster und in der Altstadt war. Von einem Besuch im Kunstmuseum kein Wort.

Gehen aus den Dokumenten noch spätere Kontakte mit Kornfeld hervor?
Der letzte Brief an Kornfeld ist vom 19. Februar 1993. Gurlitt bat Kornfeld, ein Aquarell von Max Pechstein, das an einer Auktion keinen Käufer gefunden hatte, nicht mehr zu verkaufen, da es sich möglicherweise um ein Porträt von Paul Fechter (deutscher Schriftsteller und Kritiker, Anm. d. Red.) handeln könne. Weiter schrieb er, dass er und seine Schwester in absehbarer Zeit eventuell wieder einige Stücke zu einer Auktion in Bern geben würden.

Gurlitts letzter Brief an Kornfeld:

Nach der Hetze ist es ja verständlich, dass Gurlitt die Sammlung nicht in Deutschland haben wollte. Warum respektiert die Familie seinen letzten Willen nicht?
Ich denke, Cornelius Gurlitt hatte zum Zeitpunkt der Testamentsabfassung keinen «freien Willen» mehr. Das haben offensichtlich ein paar Leute für ihre Interessen ausgenutzt. Uta Werner will das wohl nicht einfach so hinnehmen. Dafür habe ich Verständnis. Man vergisst immer, dass Cornelius Gurlitt der erste Privatsammler überhaupt war, der sich bedingungslos zu den Washingtoner Abmachungen bekannt hat. Und als es um die Rückgabe des Matisse-Bildes ging, hat Uta Werner sofort zugestimmt. Das hat immerhin einen Wert von 20 bis 40 Millionen Euro. Hier die gierige Familie und dort das heilige Bern – diese Rechnung geht nicht auf.

Aber das Kunstmuseum hat ja das Erbe noch gar nicht, was hätte es da tun können?
Es hätte zum Beispiel zustimmen können, als die Anwälte von Uta Werner vor einem Jahr angeboten haben, die ganze Sammlung und die Dokumente ins Internet zu stellen. Bei solchen Aktionen braucht es, solange der Erbstreit nicht entschieden ist, die Einwilligung beider Parteien. Das Kunstmuseum hat auf das Angebot nicht einmal geantwortet.

In Bern hatte man den Eindruck, das Erbe sei für das Kunstmuseum eine Nummer zu gross und dass es daher sehr froh war um das deutsche Entgegenkommen, die Sammlung auf Raubkunst zu überprüfen.
Eine Nummer zu gross? Das verstehe ich überhaupt nicht. In der Schweiz gibt es viele gute Provenienzforscher. Und so gering ist das Interesse auch nicht. Alleine die Honorare der Anwälte des Kunstmuseums belaufen sich ja schon jetzt auf mehr als eine Million Franken. Bern sollte aber vorsichtig sein...

«Es wurde versucht, mein Buch zu verhindern. Bislang ohne Erfolg.»

Warum denn?
Wenn man das neue Kulturschutzgesetz, das in wenigen Monaten in Kraft treten soll, buchstabengetreu auslegen würde, dürfte der Teil mit der «entarteten» Kunst, das Filetstück der Sammlung, Deutschland eigentlich nicht mehr verlassen. Dann blieben dem Kunstmuseum von den 1500 Werken der Sammlung gerade noch die 200 Bilder von Louis und Cornelia Gurlitt.

Die angekündigte Veröffentlichung Ihres Buches ist immer wieder verschoben worden. Wo liegt das Problem? Gibt es rechtliche Bedenken?
Der Amtschef der Kulturstaatsministerin hat versucht, es zu verhindern. Bislang ohne Erfolg. Das Buch ist fertig, aber ich will nicht, dass es herauskommt, bevor der Erbstreit entschieden ist. Es soll nicht als Teil einer Prozessstrategie diffamiert werden.

Und für Sie, ist es das letzte Kapitel im Fall Gurlitt?
Nein, selbst wenn die Sammlung vielleicht schon im März dem Kunstmuseum Bern zugesprochen wird, ist die Sache für mich nicht erledigt. Ich werde so lange den Finger auf die Wunde legen, bis die Sache restlos aufgeklärt ist und auf politischer Ebene endlich die Konsequenzen gezogen werden. (Der Bund)

Erstellt: 27.02.2016, 10:45 Uhr

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