Bilder, die Sie sich nicht leisten können

Ganz viel «Siegerkunst» und ein bisschen «Poverty Porn»: Rundgang an der Art Basel.

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Nun kommt etwas Ruhe in die skandalöse Geschichte des «Salvator Mundi». Nach neuesten Erkenntnissen ist das 450 Millionen Dollar schwere Jesusbild endlich aufgetaucht. Es kreuze, lesen wir, gemütlich auf der Luxusjacht des Kronprinzen von Saudiarabien im Persischen Golf. Die übrige Kunstwelt steuerte inzwischen mit ihren Privatjets nach Basel. Hier haben sich die Reichen und Superreichen dieser Tage wieder einmal mit neuen Wertsachen eingedeckt und verstecken sie danach vor den Blicken der Öffentlichkeit – ganz ähnlich wie der saudische Prinz.

Kein Wunder, versteckt der autoritäre Ölscheich, der nebenbei – von der Weltöffentlichkeit kaum bemerkt – den Jemen zusammenbomben lässt, seine Trophäe. Denn inzwischen haben sowohl der Louvre in Paris als auch das Metropolitan Museum of Art in New York die Echtheit des Gemäldes in Zweifel gezogen. Man billigt dem Bild zwar zu, dass es aus Leonardos Werkstatt stammen könnte, aber die Museumsleute finden keinerlei Spuren, die zeigen, dass der Meister selbst den Pinsel eingesetzt hat. Gut möglich, dass der ganze Kauf dereinst annulliert wird.

Die perfekte Metapher

Money Laundering oder Geldwäsche ist das Wort der Stunde, das wie ein Damoklesschwert über einem Markt hängt, der längst seine Unschuld verloren hat. Auf der Art Unlimited, also in jenem Sektor der Art Basel, in dem das ganz grosse Kunstgeschütz aufgefahren wird, hat der rumänische Künstler Daniel Knorr sinnigerweise eine Autowaschanlage eingerichtet, deren Bürsten nicht mit Seife gesättigt sind, sondern mit Farbe. In diese Maschine schickt er nun mit Leinwand bespannte Autoattrappen, aus denen im Handumdrehen Skulpturen im Stile des abstrakten Expressionismus entstehen. Knorr nennt sein Werk «Laundry». Es handelt sich um eine perfekte Metapher auf einen industrielle Dimensionen annehmenden Kunstmarkt, der immer wieder von Händlern und Sammlern zur Geldwäsche missbraucht wird.

Copper No. 32 von Hassan Sharif. (Bild: Keystone)

Seine Farbwäscherei an der Art Unlimited steht mitten in einer Ausstellung von insgesamt 74 Werken, die einen durch die schiere Grösse dessen, was hier zu sehen ist, in basses Erstaunen versetzt. Zwischen Ugo Rondinones riesigem, etwas kitschigem Sonnenrad aus vergoldeter Bronze, das am Eingang der Art Unlimited steht, und Tom Wesselmans Hommage an «The Great American Nude», ein skulpturales Stillleben von gigantischen Dimensionen bestehend Sonnenbrille, Lippenstift und Fingerring, am Ende der langen Ausstellungshalle ist in der von Gianni Jetzer kuratierten Schau so ziemlich jede Kunstströmung vertreten, die heute mit Käufern rechnen kann.

Wobei der echte Kubaner Raúl Postille Zamá, den der Künstler Sislej Xhafa in Basel hier unter dem Titel «Ovoid Solitude» ausstellt, unverkäuflich ist. Er weckt freilich ungute Erinnerungen an die Menschenzoos des frühen 20. Jahrhunderts, und als Besucher kommt man kaum darum herum, hier über «poverty porn» nachzudenken. Dennoch hat diese Installation aus einem lebenden Mann und einer langen Wellblechwand auch ihr Gutes, macht sie doch mit einfachsten Mitteln auf die Obszönität eines Marktes und der sich hier tummelnden Kunstschickeria aufmerksam, die bei aller Liebe zur Kunst fast all ihre Leidenschaften an Geld und Glanz und Glitter verloren hat.

Frauen blossgestellt

Nicht ohne stolz hebt Gianni Jetzer die politischen Arbeiten in seiner Show hervor. Wobei der Goodwill des Kurators erheblich darunter leidet, dass beim Eingang zur Ausstellung von den Messemachern wohl zehn gigantische, je 1000 Jahre alte Olivenbäume platziert worden sind, bei deren Anblick man vor Mitleid mit dieser entwurzelten Kreatur am liebsten wieder umkehren würde.

Unter anderem zeigt Alicia Framis an der Art Unlimited eine äusserst voluminöse Bekleidungslinie, mit der sich Frauen vor Übergriffen auf ihren Körper schützen können. Nicht weit davon entfernt hat Andrea Bowers zwei mächtige, rote Klagemauern errichtet, auf denen sie hundert teilweise höchst prominente Männer blossstellt, die im Zuge der #MeToo-Debatte aufgeflogen und angeklagt worden sind. Dass auf den roten Wänden aber auch die Frauen blossgestellt werden, hat inzwischen auf Twitter vonseiten Betroffener zu lauten Protesten geführt. Der Künstlerin aus Los Angeles wird vorgeworfen, dass sie das Leid der Frauen für ein Spektakel ohne Tiefe ausbeuten würde. Bowers hat offenbar woanders schon publizierte Bilder und Texte der Opfer für ihr Kunstwerk verwendet, ohne dass die missbrauchten Frauen ihre Einwilligung gaben.

«Die Schmutzigen Puppen von Pommern» von Jos de Gruyter und Harald Thys. (Bild: Keystone)

Längst nicht alle Galerien, die auf der Art Basel einen Stand haben, sind auf der Art Unlimited vertreten. Ein Werk auf der Schau der unbegrenzten Möglichkeiten kann, muss aber nicht mit der finanziellen Potenz einer Galerie in Zusammenhang stehen. Jedenfalls müssen die kleineren und mittleren Galerien, die seit Jahren unter den hohen Standpreisen auf der Art Basel von inzwischen rund 90'000 Franken ächzen und stöhnen, hier zumeist passen. Um die Art-Miete bezahlen zu können, sollte gut und gerne eine Million Franken Umsatz erzielt werden, lasse ich mir von einem Galeristen erklären. Das sind zehn Bilder zu 100'000 Franken oder zwanzig zu 50'000 Franken. Welche der kleineren und mittleren Galerien schafft das innert sechs Tagen? Welche ist die nächste, die den Bettel hinwirft?

Millionen umgesetzt – an einem Tag

Für die ganz Grossen im Markt sind die Mietpreise der Messe indes ein Pappenstiel. Während die Gagosian Gallery, die im letzten Jahr weltweit 880 Millionen Dollar Umsatz gemacht hat und sich neuerdings in Basel eine eigene Filiale leistet, wie immer zu ihren Verkäufen schweigt, berichtet David Zwirner von einem Umsatz in der Höhe von 50 Millionen Franken am ersten Tag der Art. Hauser und Wirth zählt Verkäufe von insgesamt 25 Millionen Franken zusammen, wobei noch zwei je 10 Millionen Franken schwere Werke dazukommen, für die man schon am Zürcher Gallery Weekend vor fünf Tagen Käufer gefunden hat, wie die Galerie mitteilt. Noch nie seien die Geschäfte so gut gelaufen, schreibt Ivan Wirth dazu in einer Pressemitteilung. Er führt den Erfolg sowohl auf die gute Arbeit der Galerie als auch auf das extra zur Messe hin erschienene, dicke Kunstbuch zurück. Schliesslich windet er auch der Art Basel ein Kränzchen, die für den Kunstmarkt weltweit für Aufmerksamkeit sorge.

Auf der Messe selbst läuft das Geschäft vor allem im Erdgeschoss wie geschmiert. Hier sind die Kunsthändler zu Hause, die Werke aus der klassischen Moderne im Angebot haben, Trouvaillen etwa von Picabia oder Klimt, die nach wie vor sehr gesucht sind. Hier gibt es aber auch Unmengen von jener Siegerkunst, wie sie vom Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich genannt wird, die den Reichen als Statussymbol dient. Wer als Besucher genug hat von diesen Riesenformaten, die ja wie echte Markenprodukte sich immer auch ein bisschen ähneln müssen, der wechselt in den ersten Stock, wo ihm viel weniger von der quasi industriell gefertigten Siegerkunst blüht.

Hier sind auch Entdeckungen zu machen wie jene zugegebenermassen etwas gruselige Installation von Giulia Cenci, die einen der beiden begehrten Kunstpreise der Baloise-Versicherung erhalten hat. Die junge Italienerin, die in Amsterdam lebt, formt für das Werk «Territory» ein Gewirr von metallischen Stangen zu knochen- und skelettähnlichen Gebilden um, sodass man sich beim Betreten der Ausstellungskoje wie in einem Dickicht von organisch wirkenden Gebilden fühlt, bei denen aber (fast) jede Ähnlichkeit mit lebenden Wesen rein zufällig ist.

Die Art Basel ist bis und mit Sonntag geöffnet.

Erstellt: 12.06.2019, 17:22 Uhr

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