Bringts die Manifesta?

Am Wochenende wurde die Kunstbiennale in Zürich eröffnet: Ein erstes «Wunder» und was gegen Fäkalkunst hilft.

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Das Erste, was uns diese Manifesta lehrt: Das Cholesterin von Michel Houellebecq ist zu hoch. Werte unter 5 mmol/l sind okay, der Franzose hat 6,5. Woher wir das wissen? Aus den Testresultaten der Hirslanden-Klinik. Auf Einladung der Manifesta hat sich der Autor, der sich neuerlich auch als bildender Künstler versucht, mit einem Zürcher Berufstätigen zusammengetan. Dass seine Wahl auf einen Arzt fiel, war, wenn man sich Houellebecq so ansieht, ziemlich vernünftig. Der anschliessende Komplett-Check-up geschah im Namen der Kunst und unter dem Arbeitstitel «Is Michel Houellebecq O. K.?».

Nun, er ist. Erstaunlich fit ist er sogar, bis auf, eben, das Cholesterin und ein bisschen zu viel Kalium. Jeder kann sich das nun anschauen ebenso wie ein EKG-Diagramm und Testbilder von Houellebecqs Halsschlagader und Herz. Vier A4-Blätter sind es insgesamt; man darf sie sogar mit nach Hause nehmen, schliesslich gibt es ein paar Tausend Kopien, säuberlich gestapelt auf einer Palette im Empfangsbereich der Hirslanden-Klinik. Als man sich dort bereit erklärte, das Resultat der Kunst-Medizin-Kooperation für die Dauer der Manifesta auszustellen, hatte man mit ein paar Bildern gerechnet. Und nun so was!

Kompromiss- und schonungslos wie immer zog Houellebecq sein Ding durch, und so hängen im Helmhaus-Museum nun Scans seines Kopfes – und komplettieren damit die Werkpräsentation, die diese Manifesta vorgibt: Das Resultat einer jeden Künstler-Berufsmensch-Zusammenarbeit ist an drei Orten zu erleben: am jeweiligen Arbeitsort des Gastgebers, in einem Museum und – als Filmdoku – auf dem grossen Holzfloss beim Bellevue. An jedem Ort – und das ist der Clou – gibts aber nur einen Teil zu sehen. Wer das vollständige Bild haben will, muss schon die Beine in die Hand nehmen. Das sind die Spielregeln, sozusagen; und es waren doch erstaunlich viele, die Lust hatten, mitzuspielen an diesem ersten Manifesta-Wochenende, angesichts des EM-Starts und trotz des durchzogenen Wetters.

Wie Weihnachten und Ostern

Besonders auf dem Floss war das schon nicht zu vergleichen mit der Preview am Freitagnachmittag, als das Kunstvölkchen bei strahlendem Sonnenschein der querschnittgelähmten Sportlerin Edith Wolf-Hunkeler dabei zusah, wie sie im Namen der Kunst über den Zürisee rollte. Ein rechtes Tamtam war im Vorfeld um diese Performance gemacht worden; weniger wegen des Jesuszitates als darum, weil damit der italienische Kunststar Maurizio Cattelan, der sich das ausgedacht hatte, aus dem frühzeitigen Ruhestand zurückgekehrt war. Mit diesem «Wunder» knüpfte er dort an, wo er 2011 aufgehört hatte (wir erinnern uns an seinen von einem Kunststoffmeteoriten erschlagenen Kunststoffpapst), und man darf sagen, dass die Aktion mit Wolf-Hunkeler so etwas wie Ostern und Weihnachten zusammen war für die anwesenden Kunstjünger, die mittlerweile weitergepilgert sein dürften, an die Preview Days der Art Basel.

Nach zehn Minuten war Cattelans Spuk vorbei, und obwohl der Trick dahinter – nämlich ein von zwei Mini-Schiffsschrauben angetriebener Ponton – etwas gar gut sichtbar war, war man doch froh um diesen ersten Manifesta-Triumph, nachdem in den Tagen vor der Eröffnung über die Dumpinglöhne des Personals und ob des zum Himmel stinkenden Kunstwerks aus getrocknetem Klärschlamm die Nase gerümpft worden war.

Nun aber glitt der Rollstuhl übers Wasser, beim Eingang zur Fäkalienkunst im Löwenbräu-Areal stand ein Febreze-Gewebeerfrischungsspray bereit, und Manifesta-Kurator Christian Jankowski hatte offengelegt, dass die 3700 Franken, die seine Angestellten pro Monat verdienen, auch nicht viel weniger seien als sein Professorenlohn an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. An der Eröffnungsfeier liess er falsche Fünfzigernoten (mit Jankowski-Kopf statt Sophie Taeuber-Arp) vom Unidach herunterregnen. Corine Mauch schnappte sich eine und sogar Alain Berset, dessen leicht mafiöser Look in Anzug und schwarzer Sonnenbrille einen unfreiwilligen Vorgeschmack auf die Manifesta 2018 in Palermo gab.

Entlarvend für Zürich

Ob Jankowski Sklaventreiber ist oder ein guter Kurator, darüber wird noch zu entscheiden sein in den kommenden 100 Tagen. So lange dauert eine Manifesta, diese seit 1996 von Stadt zu Stadt nomadisierende Kunstbiennale, traditionellerweise. Aber es ist schon entlarvend für Zürich, dass man erst über das angeblich klischeetriefende Manifesta-Motto «What People Do for Money» schnödet – und dann über Geld spricht, noch ehe von der Kunst auch nur etwas zu sehen ist. Unbestritten ist die Lohnschere im Kunstbusiness sehr weit offen. Aber dies der Manifesta mit ihren wenigen Millionen Budget pro Ausgabe vorzuwerfen, ist, als würde man an einem Grümpelturnier jammern, die Fifa sei ein korrupter Haufen. Teils war das Low Budget in den letzten Tagen spürbar: Die Klebemarkierungen, die an den Satellitenstationen angebracht sind, werden die drei Monate Laufzeit gerade so überdauern (wenn sie nicht vorher einer klaut: Die charakteristischen Schwarzweissgrafiken sind jetzt schon Kult).

Auch sonst klappt noch nicht alles einwandfrei. Doch die Kunst scheint zu halten, was die Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen im Vorfeld versprochen hat und was im Pavillon of Reflections genannten Floss, das Badi, Bar und Kino in einem ist, eine wundervolle architektonische Verkörperung gefunden hat: relax & reflex!

Ob die Manifesta Ansporn für die hiesige Kulturszene sein wird, wie es sich Corine Mauch an ihrer Eröffnungsrede erhoffte, bleibt abzuwarten. Aber mit der Aussage, dass das Experiment der Stadt und die Begegnung mit dem Unbekannten einer Gesellschaft guttue, damit hat sie wohl recht. Es muss ja nicht jeder gleich im Zunfthaus Voltaire (dem zum «Zunfthaus der Künstler» mutierten Cabaret Voltaire) mittun: Wer das Haus betreten will, muss eine Performance zum Besten geben. Aber ein bisschen vorzudringen in unbekannte Gefilde, das könnte sich schon lohnen.

Er wisse, sagte Kurator Jankowski kürzlich in einem Interview, dass er nicht alle glücklich machen könne. (Dass er es will, nimmt man ihm ab; immerhin läuft er manchmal mit einer Tasche mit dem Aufdruck L i e b e durch die Gegend.) Aber er glaube daran, dass die Kunst das könne. «Geht raus», sagte er an der Eröffnung, «und findet etwas, das euch glücklich macht.» Also los!

Erstellt: 12.06.2016, 23:45 Uhr

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