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Damen mit Hintergedanken

Eine Frau nackt darzustellen, war im Mittelalter nur mit moralischer Botschaft erlaubt. Die Ausstellung «Weibsbilder» im Kunstmuseum Basel zeigt 100 dieser Damen. Eine Auswahl von 4.

MeinungPaulina Szczesniak

1. ErosPeter Flötner: «Venus mit Amor», 1537

Bild vergrössernBild: Staatliche Museen zu Berlin, Volker-H. Schneider

«Ich fand das Weib bitterer als den Tod / ein Netz ist ihr Herz / Fesseln sind ihre Hände / wer Gott gefällt, wird sie fliehen / wer aber ein Sünder ist, wird von ihr gefangen werden.» Der Dominikanermönch Heinrich Kramer aus Speyer musste nicht lange überlegen, wo die Wurzel allen irdischen Übels lag. Sein Buch mit dem wenig subtilen Titel «Hexenhammer» erschien 1486 – und damit, kurioserweise, im Geburtsjahr des Nürnberger Zeichners Peter Flötner, der ein paar Jahrzehnte später mit launigen, gern auch schlüpfrigen Darstellungen ein etwas differenzierteres Weltbild propagierte. Hier zeigt er Venus splitterfasernackt und körperhaarlos, wobei er ihr zwar ein Sixpack verpasst, jedoch nichts, um ihre Blösse zu verdecken: kein Tuch, kein Zweiglein, noch nicht mal einen diskreten Schattenwurf. Dafür hält ihr der kleine Amor eine riesige Wurst entgegen, deren Symbolgehalt auch der mythologisch weniger bewanderte Betrachter zu deuten vermochte (und falls doch nicht, hat der Künstler im Bildhintergrund noch nachgedoppelt und einen Stock durch eine Astgabel gesteckt). Ein derbes Witzchen, das aber vor allem auf Kosten der Herren geht – zumindest jener Exemplare, die da als allem Fleischlichen verfallene Hanswürste durchs Leben gehen und denen das triebhafte Verlangen die Sicht auf alles andere verstellt. Sich selbst nahm Flötner da übrigens nicht aus: Manche Werke versah er statt mit seinem Namen mit einem Künstlersignet – in Gestalt einer kleinen Wurst.

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2. MachtHans Baldung Grien: «Aristoteles und Phyllis», 1513

Bild vergrössernBild: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler

Der Blick von Aristoteles spricht Bände. Müde und verbittert schaut er dem Betrachter entgegen, und hat dazu auch allen Grund: Nachdem er seinen Schüler, Alexander den Grossen, in den Senkel gestellt hatte, weil der, statt zu lernen, sich lieber mit der Hofdame Phyllis vergnügte, beschloss diese, dem alten Knacker eine Lektion zu erteilen. Eine erotische Tanzeinlage genügte, schon wars um Aristoteles geschehen. Er verfiel Phyllis derart, dass er sich nicht mal zu schade war, sie nackt und vor den Augen Alexanders, auf allen vieren kriechend, durch den Schlossgarten zu tragen. Albrecht-Dürer-Schüler Hans Baldung Grien – den letzten Teil seines Namens verdankt er der Marotte, meist grüne Kleidung zu tragen – hat die bekannte Anekdote mit köstlichen Details ausgeschmückt: Das milde Lächeln der Phyllis, die in der einen Hand die Zügel hält, während sie mit der anderen lustvoll Aristoteles’ Hintern peitscht, muss die Zeitgenossen ebenso amüsiert haben wie die Tatsache, dass die freche Hofdame ihr fesches Häubchen aufbehalten hat und die Reitpartie so für eine kleine Modenschau nutzt. Ihr Schal, der sich um den mächtigen Baumstamm hinter ihr schlingt, erfüllt dabei zweierlei Zweck: Nicht nur wiederholt er das Thema der zarten Weiblichkeit, die bei Bedarf den vermeintlich harten Kerl ratzfatz einwickelt, sondern erinnert zugleich an die paradiesische Schlange, die Eva die saftigen Äpfel in der Baumkrone schmackhaft macht und den Sündenfall gleich mit ins Bild holt.

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3. Moral Anton Woensam: «Allegorie der weisen Frau», um 1525

Bild vergrössernBild: Albertina Wien

Mit der Botschaft seines Holzschnitts hielt der deutsche Künstler Anton Woensam nicht hinterm Berg. Gleich zuoberst schrieb er hin: «Dise Figur sol man an schawen. Die bedewtet ein weyse Frawen. / Welliche Fraw darnach thut / Die ist an ehren wol behut.» Die darunter folgenden Tipps in Text und Bild wurden als Flugblatt unters Volk gebracht. Eine Dienstleistung, von der beide Geschlechter profitieren sollten: die Frauen, weil sie, wenn man dem Textfeld unten rechts Glauben schenkt, nur dann ins «Ewig Himelreich» gelangen konnten, wenn sie sich entsprechend verhielten – die Männer, weil sie so vor Aristoteles’ Schicksal bewahrt würden (siehe Bild oben rechts). Für heutige Betrachter sind manche der gezeichneten Symbole noch immer leicht verständlich. Das Schloss vorm Mund – zu tragen «tag, nacht vnd alle stunde» – spricht ebenso für sich wie das treue Turteltäubchen überm Herz. Anderes hingegen, etwa die züngelnden Schlangen um die Taille der Frau sowie die Pferdehufe, die unter ihrem Rocksaum hervorschauen, lässt Raum für Fehlinterpretationen. Was nämlich sonst auf satanisches Zutun hindeutet, sind in diesem Fall Hilfsmittel gegen eine liederliche Lebensführung: Die sittsam zusammengehaltenen Pferdefüsse geben unserer Musterdame Bodenhaftung, sodass sie «in Eeren fest kan steen». Und die Schlangen fungieren für einmal nicht als hinterlistige Verführer, sondern als Keuschheitsgürtel: um sich «boeser lieb vnnd affennspil» vom Leib zu halten.

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4. TodNiklaus Manuel: «Der Tod als Kriegsknecht umfasst ein junges Weib», 1517

Bild vergrössernBild: Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler

«Von einer Frau nahm die Sünde ihren Anfang, ihretwegen müssen wir alle sterben», schrieb Jesus Sirach 200 Jahre vor Christus, womit einmal mehr bewiesen wäre, dass es Fake-News schon lange vor der Ära Trump gab. Fakt bleibt aber, dass mit dem Tod nicht zu spassen ist. Das führt uns der Berner Schöpfer dieses kleinen Bilds eindrücklich vor Augen. Während er auf der Vorderseite der beidseitig bemalten Holztafel einen erotischen Augenschmaus in Gestalt der badenden Bathseba platzierte, blieb jedem, der das Werk umdrehte, das lüsterne Lachen im Halse stecken. Denn die zwei, die hier so innig zugange sind – die junge Frau ist an Puffärmeln und Strumpfband als Prostituierte zu erkennen, während der Knochenmann Söldneruniform trägt –, werden über kurz oder lang für ihre Lust büssen: mit Syphilis. Das sich hier anbahnende Liebesspiel ist also eine versteckte Ménage-à-trois: zwischen Dirne, Söldner und dem Tod.

«Weibsbilder: Eros, Macht, Moral und Tod um 1500», Kunstmuseum Basel, bis 7. 1. Der Katalog (Deutscher Kunstverlag, 232 S., ca. 50 Fr.) enthält ebenso fundierte wie süffige Texte zu allen Werken.

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