Das dunkle Geheimnis der Schweizer Museen

In vielen Schweizer Museen lagern Kunstobjekte, die im Kolonialismus geraubt wurden. Jetzt kommt die Forderung nach Rückgabe. Wie reagieren die Museumsdirektoren darauf?

Museumsdirektorin Anna Schmid mit Figuren indigener Menschen aus Südasien. Foto: Nicole Pont

Museumsdirektorin Anna Schmid mit Figuren indigener Menschen aus Südasien. Foto: Nicole Pont

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Anna Schmid wird bei unserem Treffen nur einmal nervös. Es ist nicht die ­Frage des Reporters, wie viele der 320'000 Objekte in ihrem Museum der Kulturen eine problematische Vergangenheit haben. Auch die Frage, ob in der neu eröffneten Ausstellung echte menschliche Schädel gezeigt werden, hat die Basler Direktorin mit süddeutschen Wurzeln nicht in Verlegenheit gebracht. Aber jetzt kann sie die Papierchen nicht finden, um sich eine Zigarette zu drehen. «Fragen Sie ruhig weiter», sagt sie, «offensichtlich bin ich heute etwas desorganisiert, aber ich werde sie noch finden.»

In der Tat, das Zigarettenpapier hatte sich unter dem Prospekt zur neuen Ausstellung «Wissensdrang trifft Sammelwut» versteckt. Darauf ist zu lesen: «Museen sind gefordert. Was gestern für eine ethnografische Sammlung noch unverzichtbar schien – wie eine Schädelsammlung –, gilt heute als prob­lematisch. In der Ausstellung werden Fragen aufgeworfen zum Umgang mit sensiblen Objekten.»

Selbst die hehrsten ihrer Vorgänger hätten problematische Objekte erworben, sagt sie. Kunst- und Alltagsgegenstände wurden während des Kolonialismus in Südamerika, Afrika und Asien geraubt, gestohlen, konfisziert oder diesen Völkern gegen eine Flasche Schnaps abgeluchst. Zwar war die Schweiz nie selber Kolonialmacht, aber unsere Bankiers, Ingenieure, Kaufleute und Söldner haben den Kolonialismus in aller Welt tatkräftig unterstützt. Unter ihnen auch viele Sammler, die von ihren Reisen Objekte aller Art zurückbrachten: Kunst, Handwerk oder auch nur Schädel und Knochen, die sie auf den Schlachtfeldern aufgelesen hatten. ­Zurück in der Schweiz schenkten oder verkauften sie ihre Sammlungen den Museen ihrer Stadt. Wer als Museums­direktor mit dem Trend ging, zeigte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert eine Völkerschau. Fehlten Objekte, so wurden sie bei Reisenden bestellt oder in einer Hamburger Manufaktur nachgefertigt.

Stosszahn mit Brandspuren

Wie viele ihrer gut 300'000 Objekte problematisch sind – lieber sagt sie: sensibel –, weiss die Basler Museumsdirektorin nicht. Dafür müsste sie mehr Mittel für die Provenienzforschung haben, und man müsste den Begriff klären. Zählt man nur Raubkunst dazu, dann ist vergleichsweise wenig problematisch. Die gibt es zwar im Basler Museum auch, etwa den vom Feuer angesengten Stosszahn eines Elefanten aus dem ­Palast des alten Königreichs Benin in Nigeria mit ­seinen kunstvollen Schnitzereien. Die britischen Truppen hatten als Straf­aktion gegen einen Aufstand 1897 den Königspalast niedergebrannt und zuvor die Kulturgüter ausgeräumt – ein klarer Fall von Raub. «Mich interessiert aber nicht in erster Linie die Schuld­frage», sagt Anna Schmid, «sondern die Herkunft des Objekts, durch wie viele Stationen es gegangen ist, ­bevor es ins Museum kam.»

Bei einigen besonders «sensiblen» Objekten ist dies geklärt: dem Schädel aus Milingimbi etwa. Basel steht seit Jahren mit dem dortigen Museum in Kontakt, die Kuratorin war im April letztmals auf der grössten der australischen Krokodilinseln, um über Kooperationen zu reden. Das Basler Museum belässt in seiner neuen Ausstellung den Platz, wo der Schädel in der Vitrine stünde, demonstrativ leer. «Wir sind seit drei Jahren mit Milingimbi im Gespräch, und es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis wir eine Anfrage um Rückführung bekommen», sagt Schmid, «es wäre in dieser Situation nicht angemessen, den Schädel in der Ausstellung zu zeigen.»

Einen Maori-Schädel hat das Basler Museum 2016 nach Neuseeland zurückgegeben. Mit seiner Tätowierung und Übermodellierung gehörte er zu den wertvolleren Kunstobjekten. Basel stellte ihn dem Museum in Wellington 1992 erst als Dauerleihgabe zur Verfügung. Bis zur definitiven Rückgabe dauerte es zwei weitere Jahrzehnte, die Basler liessen in der Zwischenzeit Kopien in verschiedenen Stadien herstellen. «Kopien würde man heute nicht mehr anfertigen», sagt Anna Schmid. Die neue Ausstellung zeigt die Schädelkopie demonstrativ nur von hinten, vom Zuschauer abgewandt – die Kuratorin hat dies aus ethischen Gründen so entschieden.

«Es fällt jedem Museumsmenschen schwer, etwas wegzugeben.»Anna Schmid, Direktorin Museum der Kulturen, Basel

«Es fällt jedem Museumsmenschen schwer, etwas wegzugeben», sagt Anna Schmid, «das ist spätestens nach ein paar Jahren wie eingeimpft.» Einzelne Objekte sind ihr speziell ans Herz gewachsen: Die Direktorin bleibt beim in forschem Tempo absolvierten Rundgang durch ihr Museum immer wieder wie angewurzelt stehen und beginnt zu schwärmen: «Diese Erinnerungs­figuren aus Totenritualen – grossartig!» «Da, der geschnitzte Eiffelturm mit dem Minarett obendrauf – grossartig!!» Und, schauen Sie dort, ein altes Navigationsinstrument für Schiffe: «Grossartig!!!» Dieser Stoff, dreissig Meter lang mit den Motiven aus Tonga, achten Sie auf das Zusammenspiel von Objekt und Gestaltung: «Grossartig!!!!» Und, kommen Sie, das ist ein altes Opfermass – solange ein Huhn zu klein war und durchschlüpfen konnte, wurde es nicht geopfert: «Grossartig!!!!!»

Und wenn nun ein Botschafter dieses Landes käme und sagen würde: «Das gehört uns» – was antworten Sie? «Wenn es nur um Besitzansprüche geht, müsste ich schlicht an Juristen über­geben», sagt Anna Schmid. «Interessant wäre aber, was für die andere Seite ­wichtig ist – nur die Rückgabe oder die künftige Verwendung des Objekts? Wenn ­daraus ein Dialog entsteht, kann dies für beide Seiten aufschlussreich sein. Eine Rückgabe ohne Bedingungen ist aber in jedem Fall eine Option.»

Streit um Kultfigur

Im Bernischen Historischen Museum stand vor ein paar Jahren tatsächlich eine Botschafterin vor der Vitrine mit den präkolumbianischen Objekten. Es war Elizabeth Salguero, die Botschafterin Boliviens, und sie interessierte sich speziell für eine kleine Steinfigur. Sie und das Ministerium für Dekolonisierung in La Paz waren dezidiert der Ansicht, dass die Figur nach Bolivien gehöre. Die folgende Auseinandersetzung führte Bolivien auch in den Schweizer Medien, der Konflikt wurde 2015 gar Thema eines Dokumentarfilms. Das Berner Museum liess mittels Expertise klären, ob es sich tatsächlich um eine Darstellung der Gottheit Ekeko handelte (Ergebnis: nein), La Paz gab eine eigene Expertise in Auftrag (Ergebnis: ja). Bern willigte schliesslich in eine Dauerleihgabe mit Auflagen ein: Die Gottheit sollte einen fixen Platz im Museum für Archäologie von La Paz bekommen und bei Bedarf für künftige Ausstellungen wieder nach Bern zurückkehren. Aber der Streit war in Bolivien inzwischen ein Politikum: Staatspräsident Evo Morales liess sich nach der Leihrückgabe die Chance nicht nehmen, die repatriierte Figur vor seiner Wiederwahl 2014 durchs Land touren zu lassen. Schwer vorstellbar, dass sie dereinst nach Bern zurückkehren wird.

Jakob Messerli, Direktor des Bernischen Historischen Museums, zeigt eine Laute der afrikanischen Khoisan. Foto: Adrian Moser

Der Berner Museumsdirektor Jakob Messerli erinnert sich mit gemischten Gefühlen an diese Auseinandersetzung. Anfang 2013 merkte er, dass das Thema in Bolivien politisiert wurde: Dem Land seien im Kolonialismus die Götter geraubt worden, und einer davon wurde in Bern zur Schau gestellt! Die Figur sollte so rasch wie möglich mit der Präsidentenmaschine abgeholt worden. Man erwartete, dass sich das Schweizer Aussenministerium einschaltete, dabei lag dieser Entscheid bei der Stadt, dem Kanton und der Burgergemeinde Bern. Mit dem Museum für Archäologie in La Paz hätte man sich rasch geeinigt, meint Messerli, doch inzwischen war der Fall zu einem Paradefall des Kolonialismus geworden. Der Berner Forscher Johann Jakob von Tschudi hatte in seinem Reisetagebuch von 1858 detailliert beschrieben, wie er auf seiner Forschungsreise den Indios die heilige Figur abgeschwatzt hatte – es war ein klassischer Feuerwasserdeal: Als Tschudi der Preis zu hoch schien, machte er die Indios mit einer Flasche Schnaps gefügig. Als er mit der Figur fortritt, sollen ihn Schreie und Wehklagen begleitet haben.

Fällt es dem Berner Museumsdirektor schwer, sich von Objekten zu trennen? «Bei insgesamt einer halben Million Objekten des Museums ist meine Sammelwut nicht mehr wahnsinnig gross», sagt Messerli. «Das ist keine Besitzfrage mehr, sondern eine Frage des Nutzens.» Bei Objekten, die lange in Bern waren und hier gezeigt wurden, fällt ihm die Trennung aber schwerer. Ekeko war rund 90 Jahre da, die 120 Objekte aus organischen Materialien, die der Berner Maler Johannes Wäber alias John Webber von seiner Südseereise mitbrachte, über 200 Jahre. Sie werden in der Ausstellung über die Südsee­reisen des Briten James Cook gezeigt. Wäber hatte Cook auf seiner dritten Expedition begleitet, dabei Handwerkskunst und Alltagsgegenstände der Einheimischen geschenkt bekommen und eingetauscht und seine Sammlung später dem Berner Museum vermacht. «Hier würden wir uns mit einer Rückgabe nicht leichttun», sagt Messerli, «aber klar, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet und daraus ein Austausch über die ­einstige Kolonialgeschichte entstünde – warum nicht?»

Herero-Schädel lagern in Zürich

Das Bernische Museum lagert einen Grossteil der insgesamt 60'000 Objekte seiner ethnografischen Sammlung in einem Aussendepot neben dem Bahnhof Zollikofen. Im fensterlosen Betongebäude vis-à-vis einer Logistikhalle für Käse und Joghurt würde niemand Schmuck, Körbe, Kleider, Waffen und Musikinstrumente aus aller Welt vermuten. Einzig die Schädel der Herero fehlen, die der Berner ETH-Ingenieur Victor Solioz und seine Frau 1904 auf den Schlachtfeldern in Namibia gesammelt haben. Sie sind zur sachgemässen Aufbewahrung dem Anthropologischen Institut der Universität Zürich über­geben worden, wo eine Reihe anderer Schädel und Knochen auf Rückführung und würdevolle Bestattung wartet.

Die deutsche Kolonialmacht hat Solioz damals als Chefingenieur mit dem Schienenbau für die Eisenbahn vom Küstenort Swakopmund in die Berge mit den Kupferminen beauftragt. Ausbeutung, offener Rassismus und die Eisenbahn mitten durch das Gebiet der einheimischen Herero und Nama führten zum Aufstand dieser Völker. Im anschliessenden Krieg mit den deutschen Truppen kamen zwischen 40'000 und 60'000 Herero und 10'000 Nama um, darunter auch viele Frauen und Kinder. Das bernjurassische Ehepaar brachte nach seiner Rückkehr nach Bern Schmuck, Kleider, Musikinstrumente und Knochen mit und verkaufte die Objekte für 5000 Franken dem ersten Kurator der ethnografischen Sammlung. Das Bernische Museum liess in Hamburg für eine grosse Völkerschau die Figur einer Herero-Frau fertigen. Solioz’ Gattin bekleidete sie und behängte sie mit Schmuck. So präsentierte das Museum die Herero kurz nach ihrer faktischen Ausrottung bunt geschmückt. Mit dieser Figur will sich Messerli partout nicht fotografieren lassen.

«Stolen from Africa»

Mitte dieser Woche weilten zwei Vertreter namibischer Museen an einem Workshop im Haus der Basler Afrika-Bibliographien. Zur Einstimmung liessen die Organisatoren Bob Marleys Reggae-Klassiker «Buffalo Soldier» erklingen, im Refrain unzweideutig: «Stolen from Africa». Kuratorin Nehoa Kautondokwa und Jeremy Silvester von der Vereinigung namibischer Museen staunten über die Liste der Kulturgüter in Schweizer Museen aus der ehemaligen deutschen Kolonie. Allein in Bern, Basel und Zürich sind es rund 1000 kunstvoll hergestellte Alltagsgegenstände, die der jungen Generation in Namibia kaum mehr bekannt sind und die sich dort gut für Ausstellungen in mobilen Museen eignen würden. Aber fürs Erste wünschen sich die Namibier genauere Informationen, was alles hier liegt und wie es erworben wurde.

Der Berner Museumsdirektor Mes­serli betont, wie aufwendig Provenienzforschung ist. Auch er hätte dafür gern mehr Mittel. Einen Betrag nennt er nicht, weil er die Politik nicht unter Druck setzen will. Aber bis heute fehlt in Bern ein umfassendes Inventar des Museumsbestandes. Ein Sonderkredit wird es nun ermöglichen, bis 2023 alle Objekte der Sammlung mit Bild in einer Datenbank zu erfassen. Mit Mitteln des Bundesamts für Kultur soll dazu das umfangreiche Archiv mit Korrespondenzen und Akten erschlossen werden. «Das sind die Voraussetzungen, um nach der Herkunft der Objekte zu forschen», sagt Mes­serli, «wir sind für diese Diskussion deshalb noch schlecht vorbereitet.»

Kuratorin Esther Tisa vom Museum Rietberg beschäftigt sich seit 2006 mit dem Thema Raubkunst. Foto: Reto Oeschger

Am weitesten in Sachen Herkunftsforschung ist das Zürcher Museum Rietberg, dessen Historikerin Esther Tisa sich seit 2006 mit dem Thema beschäftigt. Dabei hilft auch der kleinere Bestand von insgesamt 22'000 Objekten in der ethnografischen Sammlung und die Herkunft aus meist gut dokumentierten privaten Sammlungen. Im aussereuropäischen Teil der Sammlung des deutschen Industriellen Eduard von der Heydt, die 1952 zur Gründung des Museums führte, waren Objekte aus dem Kolonialismus und Raubkunst der Nationalsozialisten. So war der Klärungsbedarf bereits nach der Jahrhundertwende dringlich. Das Washingtoner ­Abkommen über den Umgang mit Raubkunst verpflichtete die Museen, der Herkunft zweifelhaft erworbener Objekte nachzugehen. Bei vier Objekten einigte sich das Museum mit den Nachkommen einer jüdischen Familie über die Entschädigung. Zurzeit zeigt das Museum an zehn Stationen speziell jene Objekte, die im kolonialen Zusammenhang erworben wurden. Rückforderungen gibt es bis heute nicht, aber man will proaktiv vorgehen. Auf seiner neuen Website dokumentiert das Museum die Herkunft seiner Objekte detailliert.

Armreif aus dem Hause Kopp

Mindestens drei Objekte, die aus dem von den Briten niedergebrannten Königspalast von Benin stammen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit Raubkunst: eine Gürtelmaske, die auch den aktuellen Ausstellungskatalog ziert, ein mächtiger Elfenbeinzahn aus der Zeit von 1897 und ein kunstvoll geschnitzter Armreif aus Elfenbein. Der Armreif wird ältere TV-Zuschauer womöglich an die Sendung «Unter uns gesagt» von 1982 im Haus des Wirtschaftsanwalts Hans W. Kopp in Zumikon erinnern. Der Hausherr zeigte dem Moderator Heiner Gautschy seine afrikanische Kunst beim Eintreten in den Salon mit sichtbarem Stolz. Einzelne Objekte wie dieser ­Armreif stammten aus dem Besitz des britischen Generals Harry Rawson (1843–1910), der für die Strafexpedition in Benin ver­antwortlich war. Nicht dies war damals freilich der Skandal, sondern die zu forschen Fragen des Moderators an den Wirtschaftsanwalt und seine Gattin, die spätere FDP-Bundesrätin. Man unterstellte dem einstigen Radiokorrespondenten aus Washington, in der Sendung angeheitert gewesen zu sein.

Kunst und Waffen aus Afrika gehörten ab den 60er-Jahren nicht nur in ­Zumikon zum gehobenen bürgerlichen Interieur wie die Bibliothek mit den Klassikern und der Perserteppich. Als die afrikanische Kunst aus der Mode kam, verkaufte Kopp den Armreif aus Benin dem Museum Rietberg. Das Museum kann sich gut vorstellen, ihn zusammen mit dem Elfenbeinzahn und der Gürtelmaske nach Benin-Stadt zurückzugeben, wenn dort das neue Museum gebaut ist. Aber Rückgabe ist nur die eine Option, vielleicht sogar die einfachste – lieber wäre dem vor der Pensionierung stehenden Direktor Albert Lutz ein intensiver Kulturaustausch mit Benin: «Das ist eine spannende Herausforderung für meinen Nachfolger.»

Auch Basel ist bereit, seine sieben Objekte aus Benin zurückzugeben, wenn es zu einer gemeinsamen Lösung kommen würde. Das könnte allerdings noch Jahre dauern, der Benin-Dialog der europäischen Museen mit Nigeria wird schon seit 2010 geführt. Erst war sich die nigerianische Seite uneins, ob sie die Objekte zurückhaben oder als Weltkulturerbe in den internationalen Museen stehen lassen wollte. Der lokale König schlug vor, dass jedes Museum wenigstens ein Objekt zurückgeben soll. Der nationale Kulturminister sah die kunstvollen Objekte lieber als Werbeträger im Ausland. Schliesslich einigten sie sich auf die Forderung nach Rückgabe. ­Damit tun sich aber einzelne grosse ­Museen schwer, man muss erst die Rechtslage klären und ein Gesetz schaffen. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat 2017 anlässlich eines Staatsbesuchs in Ouagadougou, Burkina Faso, die lückenlose Rückgabe von Raubgut angekündigt, auch das Humboldt-Forum in Berlin will nach seiner Neueröffnung in diesem Jahr ­maximale Transparenz schaffen. Am schwersten tun sich gegenwärtig noch das Britische Museum in London und das Metropolitan Art Museum in New York mit der Frage nach Restitution. Der Benin-Dialog hat nach acht Jahren noch kein Ergebnis gebracht.

Und der Soft-Faktor?

Das Museum Rietberg wünscht sich, dass die Schweizer Museen gemeinsam mit dem Bundesamt für Kultur vorangehen. Es gibt hier deutlich weniger ­Objekte als in Grossbritannien, und die Schweiz sitzt im Unterschied zu den Briten nicht selber auf der Anklagebank. Aber auch hier fällt es manchen nicht leicht, sich von Objekten zu trennen – es ist der «Soft-Faktor», der emotionale Bezug zum Kunsthandwerk. Für Rietberg-Direktor Lutz war die Benin-Ausstellung im Kunstmuseum Chur mit einer grossen Sammlung aus München einst die erste Ausstellung, die ihn als jungen Kunststudenten beeindruckte. Die kunstvollen Objekte, die Umstände des Raubes durch die Briten – Raub, Brandschatzung, Kreuzigung – sind ihm bis heute in Erinnerung, speziell die jahrhundertealten Bronzeplatten aus Benin: «Prächtig!» Aber nein, er hängt nicht an einem einzelnen Objekt, auch wenn er von den Medien immer wieder nach seinem Lieblingswerk gefragt wird, sondern fügt augenzwinkernd an: «Ich werde nach der Pensionierung nichts nach Hause nehmen.»

Anna Schmid sagt: «Heute freue ich mich über jede Anfrage, die von aussen kommt, auch wenn die Rückgabe eines Objekts verlangt wird.» Dazu lächelt sie. Aber leicht fällt es ihr nicht, sich von einem grossartigen Objekt zu trennen.

Ausstellungen zum Thema: «Die Frage der Provenienz», Einblicke in die Sammlungsgeschichte, Museum Rietberg, ­Zürich (bis 30. Juni). «Wissensdrang trifft Sammelwut», Museum der Kulturen, Basel (bis 19. Januar 2020).

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.05.2019, 07:29 Uhr

In Zahlen

2107
Vor eineinhalb Jahren kündigte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron an, dass Frankreich seine Raubgüter aus dem Kolonialismus zurückgeben werde.

20
Im deutschsprachigen Raum verfügen rund zwanzig ethnologische und historische Sammlungen über problematische Objekte aus dem Kolonialismus.

Artikel zum Thema

Wohin gehört afrikanische Kunst?

In Frankreich und Deutschland wird heftig über die Rückgabe von Benin-Bronzen und -Skulpturen debattiert. Das könnte auch Auswirkungen auf die Schweizer Museen haben. Mehr...

Das Raubgut in der Vitrine

Analyse Frankreich hat sich zur Rückgabe von Raubkunst an Afrika bekannt. Auch Museen in der Schweiz sollten dem Vorbild folgen. Mehr...

Gebt die Raubkunst zurück!

Emmanuel Macron will mit kolonialen Traditionen brechen. Ein von ihm bestellter Bericht empfiehlt, alle afrikanischen Kunstwerke den Herkunftsländern zurückzugeben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Geldblog Wie man weitsichtig vom Vermögen leben kann
Sweet Home Schweizer Gartenparadiese
Tingler Spuren des Fortschritts

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...