Das Herz gehört dem Hund

In einer Ausstellung in Paris präsentiert sich der Autor Michel Houellebecq als Künstler: Mit Fotos, Filmausschnitten und Objekten. Die innigste Liebe galt seinem Corgi Clément.

Autor Michel Houellebecq bespielt mit Liebesdingen, Fotos und Videos in Paris erstmals ein Museum. Foto: André Morin

Autor Michel Houellebecq bespielt mit Liebesdingen, Fotos und Videos in Paris erstmals ein Museum. Foto: André Morin

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Es war weithin bekannt, dass Michel Houellebecq nicht nur schreibt, sondern auch Fotos macht, Filme dreht, in Filmen auftaucht, seine eigenen Gedichte auf der Bühne gesungen hat. Ein Performancekünstler ist er, allein schon, wenn er sich mit vom Nikotin vergilbten Fingern und Winterparka vor Kameras setzt, um fast nichts zu sagen. Nun hat ihn das Pariser Palais de Tokyo gar mit einer Ausstellung zum Künstler geadelt.

«Michel Houellebecq. Rester Vivant» heisst die Schau. Lebendig bleiben: ein schönes Motto für unsere tödliche Zeit. Es ist keine Ausstellung über Houellebecq, es ist eine von ihm. Gerade hat er auf der Manifesta in Zürich seine Krankenakten ausgestellt, die nahelegen, dass es körperlich nicht so schlecht um ihn bestellt ist.

In Paris bespielt er nun 21 Räume, 2000 Quadratmeter. Zu sehen sind Fotos, Landschaften, knapp bekleidete Frauen, Filmausschnitte (zwei Frauen beim Orgasmus), die Spielzeuge seines verstorbenen Hundes Clément, die MRT-Aufnahme seines eigenen Schädels. Auch eine Schädelskulptur, die man ihm zugeschickt hat. Ach ja, auch ein Fumoir gibt es hier, mit Tresen, Barhocker, ­Sesseln. Es stehen riesige Aschenbecher darin, und wenn aus der Jukebox nicht seine von Carla Bruni und anderen Künstlern gesungenen Gedichte kämen, könnte man das für die Bar eines billigen Swingerclubs halten. Man darf übrigens wirklich rauchen.

Natürlich gibt es einen Hype um diese Ausstellung. Aber man täte ihr (und dem ganzen Unternehmen «Happy Sapiens», an dem auch andere Gegenwartskünstler mit sehenswerten Schauen beteiligt sind) unrecht, würde man es auf ein Medienspektakel reduzieren. «Rester ­Vivant» ist ein begehbare Installation, die Zugang zu den Obsessionen Houellebecqs gewährt. Er ist auf sehr besondere Weise Zeuge seiner Zeit, weil bei ihm in der Banalität oder Hässlichkeit der Gegenwart immer die Sehnsucht nach Überwindung durchblinzelt.

Menschenleere Fotos

Denn Houellebecq ist Romantiker. Und er liebt die Ironie. Deswegen spielt er mit dem Ausstellungsbesucher. Er gibt ihm im ersten Saal, was er erwartet: Vorstadttristesse, traurige Tropen in Thailand, verwaiste Bahnhöfe in Frankreich. Der Saal ist stockfinster, nur hin und wieder blitzt ein Neonlicht, als wollte er zeigen, dass Sehen ein Prozess ist, der nicht selbstverständlich ist.

In Calais fotografiert er in den Neunzigerjahren den in Beton gegossenen Schriftzug «Europa». Die Buchstaben sind gerissen, das Versprechen bereits leer. Daran ändern auch die schwungvollen Strassenlaternen nichts, die drum herum so etwas wie Optimismus ver­strömen sollen.

Houellebecqs Fotos sind menschenleer. Abgesehen von ein paar sparsam bekleideten Frauen in der Abteilung «Begehren» ist das fotografische Porträt nicht das Mittel seiner Wahl, um Menschen in die Seele zu sehen. Er zeigt seine Obsession für Felsen, fürs Mineralische, für die unbehauste Natur. Es ist eine irritierende Sicht auf die Welt, die uns umgibt. Denn er sieht das Schöne dort, wo es keiner bemerken will. Seine Fotos haben nicht die Kraft und auch nicht den Formwillen der Arbeiten eines Andreas Gursky. Sie sind gemacht, um das Umfeld seiner Romane zu dokumentieren. Sie sollen beim Schreiben helfen.

Den Saal «Tourismus» hat Houellebecq mit bunten Tischsets gepflastert. Im altmodischen Wohnzimmer lässt er uns an seinem Ruhm teilhaben. Als Gast eingeladen hat er seinen Freund Robert Combas, der seine Gedichte als Gemälde spiegelt, aus Farbtuben und Pinseln Kruzifixe macht und sein Studio ausstellt: ein verwüstetes Büro, in das niemand zum Aufräumen hinein darf. Es illustriert für Houellebecq das Prinzip der Kunst: aus Unordnung Ordnung schaffen wollen – und dabei scheitern.

Ästhetik des Hundekorbs

Herzstück dieser Schau ist der Saal, der Houellebecqs verstorbenen Hund ­Clément gewidmet ist. Eine verstörende Liebeserklärung an ein Wesen auf vier kurzen Beinen: Welsh Corgi Pembroke heisst die Rasse, auf die auch die englische Queen steht. Der Boden ist schottisch kariert, es ist die Ästhetik des Hundekorbs. Aber man darf nicht den Fehler machen, diesen Saal ironisch lesen zu wollen; er ist eine Lektion in Sachen Sterblichkeit. Die vielen Fotos von ­Clément (2000–2011), die Hundeaquarelle von Houellebecqs Ex-Frau Marie-Pierre, das dreckige Spielzeug, die Diashow, zu der Iggy Pop mit rauchiger Stimme einen Auszug aus «Die Möglichkeit einer Insel» liest: Diese von aussen kitschig wirkende Beziehung zu einem Hund ist das Intimste, was Houellebecq zu bieten hat. Hier kommt er der Idee der absoluten Liebe, der er als Mensch und Dichter nachjagt, am nächsten.

Sex, das hat Houellebecq stets klar gesagt, führt nicht in dieses Paradies bedingungsloser Liebe, er bietet nur kurz das Gefühl von Schwerelosigkeit. Das weite Feld der Liebesbeziehungen hat er immer als eines beschrieben, auf dem nur der Körper den Marktwert ­bestimmt – und seine eigenen Aktien standen da nie besonders hoch.

«Nous habitons l’absence» steht quer über einem der letzten schwarzweissen Landschaftsbilder – wir bewohnen die Abwesenheit.

Palais de Tokyo, bis 11. 9.

Erstellt: 28.06.2016, 17:52 Uhr

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