Das Messer im Bierbauch

Dada war keine blosse Männersache. Das Forum Schlossplatz Aarau zeigt jetzt die weibliche Seite der Anti-Kunstbewegung. Unter dem schönen Titel «Die Dada La Dada She Dada».

Auch und gerade Frauen können Dada: Elodie Pong, «Moustache» (2013). Foto: Elodie Pong

Auch und gerade Frauen können Dada: Elodie Pong, «Moustache» (2013). Foto: Elodie Pong

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Eine Weltpremiere! Ein Ereignis! Scheinwerfer an auf ein Schattenkapitel! ­Superlative, wohin man hört, Super­lative, was immer man liest. Wäre die ­Sache ohne den Trommelwirbel weniger wert? Nein, aber sie würde stolzer aufmarschieren. Und das sollte sie, für Selbstbewusstsein ist es an der Zeit.

Diese Dada-Ausstellung wirbt für sich, dass sie «zum ersten Mal ausschliesslich die Frauen» würdigt. Tatsächlich? Ist nicht die Geschichtsschreibung dabei, ihre Korrigenda zu veröffentlichen, und Kunsthistorikerinnen ­legen mit Bestimmtheit den Finger auf das Missverständnis? Die Weltbewegung Dada war nicht ausschliesslich eine ­Erfindung zweifelhaft promotionssüchtiger Männergenies! Dada war ebenso sehr eine weibliche Antwort auf bürgerliche Normen, Kunsttraditionen und Rollenmodelle, eine weibliche Reaktion, um mit ideologiefreiem Aberwitz auf den Wahnwitz der Zeit zu reagieren.

2016 soll das grosse 100-Jahr-Feuerwerk von Dada international gezündet werden, mit Zürich als Epizentrum und dem Gründungsabend an der Spiegelgasse?1 an jenem Februar als mystisches Datum. Doch das Schlossform Aarau ist schneller und veranlasst die Ausstellung «Die Dada La Dada She Dada», ein kleines Albumblatt für fünf Dadaistinnen, die zwischen Berlin und New York wirkten. Ihr Verbindendes ist ihre Vielseitigkeit, ihre Absicht, alle Kunstgattungen, Techniken und Materialien analog zu ­bespielen und zu behandeln, aber vor allem: Dada-Frauen trugen Kunst aus den Ateliers ins Leben und auf die Strasse, trugen sie teils wortwörtlich als modisches Manifest auf dem Kopf und unterhalb.

Zeitgenössische Antworten

Dass Dada kein Ismus, sondern das Gegenteil davon war, macht die Auswahl der Namen klar: Die bekannte und ­populärste der Künstlerinnen ist die Textilgestalterin und Tänzerin Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) aus Zürich, die unbekannteste die Pariser Schriftstellerin Céline Arnauld (1885–1952). Ihre Mitstreiterinnen in Aarau sind die deutsche Objektkünstlerin und Performance-­Pionierin in New York, Elsa von Freytag-Loringhoven (1874–1927); als Vertreterin der Kölner Dada-Zelle ist die Malerin Angelika Hoerle (1899–1923) dabei und aus ­Berlin die Fotomonteurin Hannah Höch (1889–1978). Zudem haben fünf zeit­genössische Schweizer Videokünstlerinnen den Auftrag erhalten, ihr Werk auf der Folie dieser grossen alten Damen weiterzudenken.

Ein Dada-Revival? Kein Dada-Revival! Das wussten die Kuratorinnen der Ausstellung, Forum-Leiterin Nadine Schneider und Kunsthistorikerin Ina Boesch, glücklicherweise zu verhindern. Im Gegenteil: Die Journalistin Boesch hat eine ausnehmend sachliche, journalistische Schau in der Art eines Kurzkompen­diums der Damen eingerichtet. Auf Litfasssäulen werden die beispielhaften Individualistinnen in Kurzporträts vorgestellt. Bilder, Zeitungsseiten, Zitate, Lebensdaten. Das ­alles liest sich kurz und knapp im Ton ­eines Lexikoneintrags, ist mit Mobiliar im Stil jener Zeit aufgelockert, grafisch der Collagen-Ästhetik der 20er-Jahre entlehnt und aufgefrischt mit einigen wenigen Arbeiten der Damen.

«Die Dada La Dada She Dada» ist eine Einführung in die Kunst und das Lebensgefühl einer Zeit und dabei so niederschwellig, wie sie sein soll. In der Remise neben dem Museum ist ein Dokfilm zu sehen, der 59 Frauen die Reverenz erweist: «Cherchez la femme» versammelt in einem kurzen Spot auf Bild und Lebensdaten Künstlerinnen, Akteurinnen, Mäzeninnen der Dada-Zirkel in Berlin, Köln, Russland, Holland, Paris, Prag, Wien, Barcelona und New York.

Doch wer nicht lesen will in dieser Ausstellung, der hat Pech. Sie ist eine Zeitkapsel und ein Ausriss aus einem montierten Moment der Weltgeschichte, ein kurzer Abriss des Dadaismus aus weiblicher Sicht; die kunsthistorische Bewertung der einzelnen Werke bleibt allerdings dem Publikum überlassen. Wer also nicht lesen will, der kann sehen und hören: Judith Albert zum Beispiel zeigt eine Videoprojektion als Hommage an Hannah Höch. «Zwei linke Hände, Beine und eine dunkle Wolke» heisst sie und nimmt dabei Bezug auf ein Bild von Höch, auf dem sich eine Frau in einer dunklen Wolke einnistet. Die Neue Frau als ahnungsvoller Schwebepartikel, frei wie ein Vogel?

John Heartfield wird eingeseift

Für Hannah Höch war Kunst ein «Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkultur­epoche», so heisst eine ihrer Montagen, die das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft mit geschliffener Ironie analysiert. Und niemand war vor ihrem ­Küchenmesser sicher, auch nicht ihre Dada-Freunde. John Heartfield setzt sie in ihren Bildern in eine Badewanne und seift ihn fürsorglich ein; George Grosz darf grosszügigerweise ein Tutu tragen; und ihren Geliebten Raoul Hausmann steckt Höch in eine Ritterrüstung, die ihn zum hilflosen Hampelmann macht.

Die Position von Sophie Taeuber-Arp ist, wie die anderen auch, hier nur angedeutet. Sie ist eine Anregung und Einladung, die andere Schau zur Künstlerin ganz in der Nähe zu besuchen: Das Kunsthaus Aarau zeigt noch bis 16.?November die einmalig breite monografische Übersichtsschau zu Taeuber-Arp «Heute ist morgen». Im Forum Schlossplatz gibts derweil eine kleine Woll­weberei der Künstlerin, einen Hutständer aus Holz und eine Gouache – vor ­allem aber eine Weiterdichtung von Anka Schmid, die Taueber-Arps Tanz mit ihren Mitteln einer Mehrfachprojektion nachstellt.

«Sophie tanzt trotzdem», das Reenactment mit der kasachischen Sängerin Saadet Türköz, ist auch eine Reaktion darauf, dass Schmid bei ihren Recherchen feststellte, dass von den Performances offenbar lediglich ein einziges Foto, nur wenige Beschreibungen und gar keine persönlichen Texte von Taeuber selber existieren.

Schmid inszeniert ein Art animalistisches Bewegungs- und Lautvokabular, für das es im konventionellen Sprachgebrauch keine Beschreibung gibt. Ist das Dada? Neo-Dada? Dada 2014? Zum Beispiel. Hier lebt jedenfalls Dada verstanden als etwas Universelles, als Position absoluter individueller und kreativer Freiheit.

Forum Schlossplatz Aarau, bis 18. 1. 2015

Erstellt: 03.11.2014, 18:20 Uhr

Kurzfilm über die Cabaret-Voltaire-Wahlkampfaktion der Werber Spillmann/Felser/Leo Burnett.

Bildstrecke

Das Messer im Bierbauch

Das Messer im Bierbauch Dada hatte auch eine weibliche Seite! Nun gibts die Ausstellung zum Thema: im Forum Schlossplatz in Aarau.

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