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Das neuste Teuerste

In New York wurde das letzte auf dem freien Markt verbliebene Gemälde von Leonardo da Vinci versteigert. Der Preis von 450 Millionen Dollar ist bisher unerreicht.

Das Marketing wirkte: Tausende Besucher wollten den «Salvator Mundi» vor der Auktion mit eigenen Augen sehen. Foto: Drew Angerer (Getty Images)
Das Marketing wirkte: Tausende Besucher wollten den «Salvator Mundi» vor der Auktion mit eigenen Augen sehen. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

«And the piece is . . . SOLD!» Der kleine Holzhammer sauste nieder, wamm!, im bis auf den letzten Platz besetzten Auktionsraum von Christie’s an der Rockefeller Plaza in New York brach regelrechter Jubel aus, und die elektronische Anzeigetafel rechts über dem Auktionator zeigte die Zahl an, die für die Kunst(markt)geschichte einen neuen Rekord bedeutete: 400 Millionen Dollar stand da, darunter die entsprechende Summe in Euro, britischen Pfund, Schweizer Franken, japanischen Yen und ein paar weiteren Währungen dieser Welt. Zuzüglich der für Verkäufe ab vier Millionen üblichen Kommissionsgebühr von 12,5 Prozent des Verkaufspreises macht das genau 450'312'500 Dollar – für den «Salvator Mundi» (Christus als Weltenretter), das letzte auf dem freien Markt verfügbare Gemälde von Leonardo da Vinci.

In die Geschichte eingegangen ist damit auch der Mann am Hammer. Jussi Pylkkänen – 54-jähriger, finnischstämmiger Vorsitzender des Auktionshauses Christie’s mit Oxford-Abschluss in Fine Arts – hatte die 19 Minuten, die der vorausgegangene Bieterstreit gedauert hatte, mit einem Hauch von elegantem Showbiz zu impfen gewusst. «Dies ist ein historischer Moment», sagte er, als ein Gebot über 200 Millionen Dollar eingegangen war und damit den bisherigen Rekordhalter, Picassos Gemälde «Les femmes d’Alger», schon mal in den Schatten gestellt hatte. «Wir warten. Wir haben Zeit.»

Links hinter Pylkkänen ging derweil der eigentliche Kampf vonstatten. Ein halbes Dutzend Herren – allesamt jung, in feinen Anzügen und mit Telefonhörer am Ohr, ein bisschen sah das aus wie an der Börse – richteten ihre Blicke konzentriert in die Raummitte und riefen die Gebote ihrer Gesprächspartner – in Moskau? In Abu Dhabi? Nur einen Block entfernt? – dem Auktionator zu. Am Schluss warens nur noch zwei, die noch einmal fünf Millionen, noch einmal zwei Millionen höher kletterten. Und schliesslich nur noch einer. Wer es ist? Topsecret.

Entspannter Käufer

Was wir wissen: Der Käufer habe «einen entspannten Eindruck gemacht». So berichtete jedenfalls Telefonagent Alex Rotter von Christie’s (er war erst im März vom Konkurrenten Sotheby’s zu Christie’s hinübergewechselt, der Fuchs, und sieht ein bisschen aus wie Heidi Klums Ex Vito Schnabel, einfach mit Dreitagebart), der am Telefon sozusagen des Käufers Sprachrohr in den Auktionssaal darstellte. «Rather calm» sei die Person am andern Ende der Leitung gewesen, wenn man bedenke, um wie viel Geld es gegangen sei. Aber eben: «The buyer obviously wanted the painting.»

Nun hat er es. Ob er es irgendwo in einem geheimen Raum seiner Supervilla aufhängt oder ein Museum dafür bauen und die Öffentlichkeit weiterhin davon profitieren lässt – es wird sich zeigen. Vorläufig müssen wir uns mit der Sensation zufriedengeben, die uns der Posten Nummer 9B dieser New Yorker Herbstauktion beschert hat. Eine Sensation, die auch ein Stück weit von Christie’s orchestriert worden war. Erstmals in der Geschichte der Firma war eine Werbeagentur beauftragt worden, ein Video über eines der Auktionsstücke zu drehen. Natürlich ein Video, aus dem klar hervorging, dass es sich hier um ein Ereignis handle, wie man es nur einmal in seinem Leben mitbekommen könne.

Angesichts der Tatsache, dass die New Yorker das Werk 2005 für 10'000 Dollar gekauft hatten, war der Deal ein so schlechter nicht.

Das wirkte: Fast 30'000 Personen standen sich in den der Auktion vorausgehenden Werkpräsentationen in Hongkong, San Francisco, London und New York die Füsse platt, um den «Salvator Mundi» mit eigenen Augen zu sehen, derweil Mitarbeiter von Christie’s sich von der Presse gern mit Sätzen zitieren liessen wie: «Niemand wird je in der Lage sein, das Wunder von Leonardos Malerei in seiner Gänze zu erfassen, so wie niemand je den Ursprung des Universums kennen wird.»

Der Ursprung beziehungsweise die Vorgeschichte des «Salvator» indes ist kein Mysterium. Er befand sich bis vorgestern im Besitz des russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew, der das Bild 2013 dem Genfer Kunstexperten Yves Bouvier abgekauft hatte, für (damals noch astronomische) 127,5 Millionen Dollar. Freilich ohne zu wissen, dass Bouvier selbst das Werk kurz zuvor für «nur» 80 Millionen erstanden hatte. Als das ans Licht kam, fühlte sich nicht nur Rybolowlew gelackmeiert, sondern auch das New Yorker Kunsthändlerkollektiv, welches wiederum an Bouvier verkauft hatte. Wobei: Angesichts der Tatsache, dass die New Yorker das Werk 2005 gekauft hatten – zu einem Zeitpunkt also, als man noch annahm, beim «Salvator» handle es sich lediglich um die Arbeit eines Schülers von Leonardo – und dafür 10'000 Dollar hingeblättert hatten, war ihr Deal ein so schlechter auch wieder nicht.

Zumindest hat ihnen der «Salvator» definitiv mehr Glück gebracht als zwei anderen seiner Vorbesitzer, dem englischen König Charles I. und dessen Nachfolger James II.: Ersterer wurde vom Volk geköpft, Letzterer abgesetzt und ins Exil geschickt; da konnte der «Weltenretter» auch nicht mehr helfen.

Wer hat mitgemalt?

Die eigentliche Erfolgsgeschichte des «Salvator Mundi» begann freilich erst 2011, mit der neuen Zuschreibung an den Renaissancemeister allein, im Vorfeld der grossen Leonardo-Ausstellung in der National Gallery in London. Was machte es schon, dass, wer das Bild dort sah, enttäuscht war? Dass der «Salvator» live nie und nimmer mit den anderen Gemälden Leonardos mithalten kann? Dass sein Gesicht durch unsachgemässe Restaurierung in Mitleidenschaft gezogen und seltsam verschwommen ist? Was in dieser Ausstellung war, muss schliesslich von Leonardo sein.

Oder etwa doch nicht? Jacques Franck, Leonardo-Experte in Paris, argumentiert jedenfalls, der Renaissancemeister habe es vorgezogen, «verdrehte Bewegungen» darzustellen. Ergo stamme der «Salvator» aus einem Studio und habe allenfalls «ein bisschen Leonardo» an sich. Und Frank Zöllner, Leiter des Instituts für Kunstgeschichte an der Uni Leipzig, spezialisiert auf die Malerei der italienischen Renaissance und habilitiert auf Leonardo da Vinci, hat in seinem Werkkatalog beim Urheber des Bildes «Leonardo und Werkstatt» aufgeführt – und das Ganze mit einem Fragezeichen versehen.

Und zwar, wie er diese Woche gegenüber der Kunstzeitschrift «Monopol» sagte, weil «der Entwurf zwar sicher von Leonardo stammt, und er vermutlich auch daran mitgemalt hat» – aber erstens sei das Werk, im Gegensatz zu allen anderen ab 1500 entstandenen Leonardo-Gemälden, in keiner zeitgenössischen Quelle erwähnt. Zweitens habe es derart schwache Stellen, dass man nur von einer Werkstattarbeit sprechen könne. Drittens sei es stark restauriert und somit halt auch ein Werk des Restaurators. Selbst Luke Syson, der 2011 für die Londoner Ausstellung verantwortlich war, gibt zu, dass die Hände des Heilands zwar gut erhalten seien, die übrigen Teile aber derart aggressiv gereinigt worden seien, dass sie regelrecht abgerieben wurden.

Was solls. 450 Millionen hat das Bild nun eingebracht. Ziemlich spektakulär. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es an seiner allerersten Versteigerung, 1958 in London, schlappe 45 Pfund einbrachte. Was wir daraus lernen können? Dass ein bisschen gutes Marketing ganz schön lukrativ sein kann. Was wir indes lernen sollten: dass die Abkürzung «da Vinci», so oft sie auch verwendet wird, falsch ist. Weil, wie man nur schon Wikipedia entnehmen kann, Leonardo eigentlich Leonardo di ser Piero hiess – und aus Vinci, einem Dorf in der Toskana, stammte. «Da Vinci» ist also kein Familien-, sondern ein Herkunftsname. Wenn wir ihn schon abkürzen müssen, dann also mit seinem Vornamen. Wenigstens das sind wir Leonardo nach der gestrigen Aufregung schuldig.

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