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Das Preisschild trübt den Blick

Warum wir dem teuersten Bild der Welt mit mehr ­Coolness begegnen sollten.

450 Millionen Dollar. Vier-hun-dert-fünf-zig! Was man damit alles anstellen könnte! Ein paar Häuser oder Flugzeuge kaufen, zum Beispiel, oder, wenn man ­weniger materialistisch veranlagt ist: ein paarmal um die Welt reisen. Und dann gibt es, zumal im Jetzt und Heute, natürlich noch ganz viel anderes, wo solches Geld Verwendung finden würde; Stichwort Flüchtlingskrise, Stichwort Umweltschutz, Stichwort ungerechte Güterverteilung, you name it.

Doch der anonyme Krösus, der am Mittwochabend in New York für eine Sensation sorgte, hat sich anders entschieden. Und beschlossen, besagte Summe ins letzte auf dem freien Markt verfügbare ­Gemälde von Leonardo da Vinci zu investieren.

Leonardo da Vinci wird in noch höhere Sphären katapultiert.

Warum auch nicht? Rein rechtlich spricht nichts dagegen, und auf moralischer Ebene soll jeder selbst urteilen. Aber dann ist da ja noch der kulturelle Aspekt. Und hier muss die Frage gestattet sein, ob ein Kunstwerk – egal wie grossartig es auch sein mag und jenseits des Zusammenhangs von Angebot und Nachfrage – derart bewertet werden darf. Tut es der Kunst gut, wenn man sie mit Preisschildern versieht?

Leonardo da Vinci, ohnehin schon ein Mythos, wird nun noch einmal in höhere Sphären katapultiert. Diese Faszination verdankt sich aber weder dem ungeheuren Talent, das er zweifelsohne hatte, noch der ­ästhetischen Qualität seiner Werke. Sondern einzig und allein der Tatsache, dass seine Hinterlassenschaft praktisch unbezahlbar ist. Hand aufs Herz: Wenn der «Salvator Mundi» in der Sammlung des hiesigen Kunsthauses hängen würde, ohne Namensplakette – wie viele von uns würden dann daran vorbeigehen, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen?

Der neue Besitzer des «Salvator» mag eine neue Preisspitze definiert haben. Wir aber, die wir dem Dollarzeichen mehr vertrauen als dem Gefühl, ob uns ein Kunstwerk berührt, riskieren einen Ausverkauf unseres kulturellen Kompasses. Wir täten gut daran, dem ganzen Kunstmarkthype mit etwas mehr ­Coolness zu begegnen – und Werke, egal ob teuer oder nicht, einfach mal wieder anzusehen. Und uns zu fragen: Was will es uns wohl sagen?

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