Das Volk, das Bilder in die Wüste malte

Das Museum Rietberg zeigt eine fantastische Sonderausstellung zum Nasca-Volk, das vor 2000 Jahren riesige Formen und Tierfiguren in den Boden zeichnete.

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Man wäre gern dabei gewesen, damals, Ende der 1920er-Jahre, als die ersten Linienflugzeuge über die peruanische Wüste flogen und die Passagiere durch die kleinen Fenster die riesigen Bodenzeichnungen erspähten, die da seit 2000 Jahren unentdeckt gelegen hatten. Da, ein Affe! Ein Vogel! Dort hinten, etwas Hundeähnliches! Und dann all die schnurgeraden, kilometerlangen Linien, all die Spiralen und Trapezformen!

Wenig erstaunlich, hat sich die Menschheit ab diesem Zeitpunkt nicht lumpen lassen, immer wieder mit neuen, mehr oder weniger abenteuerlichen Erklärungen aufzuwarten, wie diese Zeichnungen in die Wüste gekommen sein könnten. Und wozu. Ein Kalender? Hinweise auf unterirdische Wasserläufe? Eine gigantische Sportarena? Die spektakulärste These kam aus dem Aargau, von Erich von Däniken, der da eine Landebahn für – natürlich – UFOs erkannte.

All diese Theorien werden an der Ausstellung «Nasca – Auf Spurensuche in der Wüste» im Museum Rietberg links liegen gelassen. Was nicht heisst, dass man keine Antwort auf die Frage bekommt, was es mit dieser Hinterlassenschaft des Volkes der Nasca auf sich hat. Wer am Ende aus der Schau läuft, weiss Bescheid. Oder zumindest so viel, wie die Wissenschaftler – Archäologen, Ethnologen, Geologen – bisher herausgefunden haben. Denn aus etwas wird hier kein Hehl gemacht: nämlich daraus, dass die Entschlüsselung dieses Rätsels der Menschheitsgeschichte knifflig war – und immer noch ist.

Drohnen losgeschickt

Dieser Hauch von Mysterium dürfte dafür sorgen, dass «Nasca» die zweiterfolgreichste Rietberg-Ausstellung des Jahres wird (auf Platz eins kommt, klar, «Osiris»; die alten Ägypter zogen rekordhafte 100'000 Besucher an). Verdient hätte sie es allemal: Rietberg-Kurator Peter Fux und seine Kollegin aus dem Museo de Arte de Lima (Mali) – wo die Schau zu sehen war, bevor sie nach Zürich reiste – haben einen ebenso kurzweiligen wie klugen Parcours konzipiert. Die zwei Stunden, die man locker dabei verbringen kann, vergehen wie im Fluge.

Los geht es – originell – mit zeitgenössischer Kunst: Starfotograf Thomas Struth zeigt (natürlich in Grossformat, klein kann er ja nicht) den Wüstenboden Perus. Ein karger, mit braunen Gesteinsbrocken durchsetzter Ort ist das, unwirtlich und lebensfeindlich, da kann auch der stahlblaue Himmel darüber nichts beschönigen. Und dann, gleich ums Eck, warten auch schon die legendären Bodenzeichnungen – oder Geo­glyphen, wie sie hier wissenschaftlich korrekt genannt werden.

Sehr zeitgemäss werden sie präsentiert: in brandneuen, von Drohnen gemachten Filmaufnahmen und in computeranimierten Geländemodellen der ETH. Man hat hier nach wenigen Minuten einen recht guten Überblick, welche Bodenzeichnung an welchem Hügelhang, auf welcher Hochebene zu finden ist. Wenn man bedenkt, dass es dabei um ein Gebiet von 500 Quadratkilometern geht – etwa fünfmal die Stadt Zürich –, eine reife Leistung. 70'000 Franken hat übrigens allein dieser Ausstellungsposten gekostet. Man begreift hier einmal mehr, warum sich Museen – in diesem Fall das Rietberg, das Mali und die ­Bundeskunsthalle Bonn – je länger, je häufiger zusammentun: Allein wären die technisch immer aufwendigeren Ausstellungsprojekte schlicht nicht stemmbar.

Was toll ist an diesen neuen Luftaufnahmen: Sie zeigen die Bodenzeichnungen für einmal nicht nur planar von oben, sondern erlauben einen Blick in die geografische Umgebung. Immer wieder tauchen am Bildrand die nahen, saftig grünen Flusstäler auf, in denen das Volk der Nasca einst lebte (und wo deren Nachfahren heute noch Ackerbau betreiben), und immer wieder sieht man, flirrend im Bildhintergrund, die Anden. Man begreift: Unten, in den Tälern, fand der Bauernalltag statt, oben standen die wasserspendenden Berge. Und dazwischen lag also dieses seltsame Niemands­land, wo Menschen in sengender Hitze so lange Steine schichteten, bis daraus Formen entstanden, die zumindest sie selbst nie in ihrer Gänze erfassen ­konnten. Und schon hat man eines der ­Puzzleteile zur Lösung des Nasca-­Rätsels in der Hand.

Wasser dank dem Vogel-Priester

In den folgenden Ausstellungsräumen – schön schummrig und mit dramatischen Spotlights auf den Exponaten – kommen weitere hinzu. Allerdings stehen hier nicht mehr die Geoglyphen im Fokus, sondern das, was man eben auch wissen muss, wenn man die Nasca verstehen will: die Art, wie sie ihre Toten bestatteten, zum Beispiel. Sie setzten sie in Weidenkörbe und umwickelten sie mit edelsten Stoffen; den Rest erledigte die knochentrockene Andenluft. Die ausgestellten Leichentücher aus Alpakawolle sind so intensiv bunt, als wären sie gerade erst gewebt worden (und all die aufgestickten Figürchen und Tiere mit ein Grund, warum man diese Schau problemlos mit Kindern besuchen kann).

Einen Raum weiter erfährt man, dass Musik zum Alltag der Nasca gehörte wie Wasser und Brot. Kein anderes Volk hat eine derartige Fülle an herrlich verzierten Instrumenten hinterlassen, Flöten und Pfeifen in Tierform etwa, oder mannshohe Trommeln. Für die Schau haben die Kuratoren Repliken anfertigen und Musiker darauf spielen lassen; das Resultat hallt konstant – aber nicht penetrant – durchs Museum. Wer nach dem Rundgang nicht genug hat, kann eine CD mit nach Hause nehmen.

Farben, Klänge, Rhythmen und den guten Draht zu den Ahnen: All das nutzten die Nasca, um die Gunst der lebenswichtigen Wasserspender in Gestalt der fernen Berge zu gewinnen. Man kann sich gut vorstellen, wie die als Fische oder Vögel verkleideten, von Kaktussaft berauschten Nasca-Priester (von denen man einen ganz zum Schluss der Schau in Form einer Keramikskulptur antrifft) sich in die Wüste begaben und entlang der Bodenzeichnungen in Trance tanzten, während sie jene Opfergefässe aus gebranntem Ton zerdepperten, deren Scherben Archäologen heute dort finden.

Alle Exponate stammen ohne Ausnahme aus peruanischen Sammlungen, während die hauseigenen Nasca-Bestände des Museums Rietberg in den Depots blieben und nicht nach Lima gebracht wurden. Dies aus der Befürchtung heraus, Perus Regierung könnte sich weigern, sie wieder herauszugeben. So lernt man noch etwas aus dieser Schau: Kunst ist fast immer auch politisch. Selbst dann, wenn sie 2000 Jahre alt ist.

Bis 15. April 2018. Katalog: 49 Fr.

Erstellt: 23.11.2017, 19:00 Uhr

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