Das Zebrafell für die Dame, die Nackenrolle für den Herrn

Das Haus Konstruktiv in Zürich stellt den ästhetischen Rationalisten und Zürcher Konkreten Camille Graeser vor.

Camille Graeser, Quanten-Äquivalenz an der Horizontalen II, 1957/59. Collection Museum Haus Konstruktiv. Foto: © Camille-Graeser-Stiftung/2019, Pro Litteris Zürich

Camille Graeser, Quanten-Äquivalenz an der Horizontalen II, 1957/59. Collection Museum Haus Konstruktiv. Foto: © Camille-Graeser-Stiftung/2019, Pro Litteris Zürich

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Selten wird man von einem derart beschwingten Konzert aus vielfarbigen Gemälden empfangen wie in der aktuellen Ausstellung zu Camille Graeser im Haus Konstruktiv. Buntheit und Rhythmus sind Programm bei dieser Kunst voller Ecken und Kanten, die ihre Nähe zum Farbkreis des einflussreichen Bauhausmeisters Johannes Itten nicht verhehlen kann und auch nicht will.

Ganz genau legt Itten – den das Kunstmuseum Bern zurzeit in einer Sonderschau vorstellt – in seinem Farbkreis fest, wie die Primärfarben Gelb, Rot und Blau zu drei Sekundärfarben gemischt werden. Diese werden wiederum von einem Ring aus zwölf aus Farbmischungen der inneren zwei Kreise bestehenden Tertiärfarben umgeben. Ganz genau waren Ittens Vorstellungen auch, wie die Farben zueinander ins Verhältnis gesetzt werden sollten, um bestimmte Emotionen zu erzeugen.

Streifenbild mit Dislokationen. Ausstellungsansicht aus dem Haus Konstruktiv. Foto: Stefan Altenburger © Camille-Graeser-Stiftung/2019, Pro Litteris Zürich

Graeser, der zum Kreis der Zürcher Konkreten gehört, denen zu Ehren das Museum Haus Konstruktiv gegründet wurde, ging mit seinen Bildern über Itten hinaus. Er ergänzte dessen Farbkreis mit den Nichtfarben Schwarz und Weiss und goss alles in unterschiedliche geometrische Formen, an denen man sich nicht sattsehen kann, da sie nicht durch Regelmässigkeit das Auge ermüden, weil der Bruch mit der Norm Programm ist.

Quadrat steht kopf

Wunderbar, wie der 1892 in Carouge bei Genf geborene Künstler, der aus einer aus Frankreich geflüchteten Hugenottenfamilie stammte und in Stuttgart aufwuchs, die Quadrate purzeln lässt. Vera Hausdorff, die Konservatorin der in Zürich beheimateten Camille-Graeser-Stiftung, spürt in ihrer klug kuratierten Ausstellung dem «Werden eines konkreten Künstlers» nach. Sie kann dabei auf die reichhaltigen Bestände der Stiftung zurückgreifen, die sie dann, wenn sie Graesers Kunst im Kontext seiner Zürcher Kollegen zeigt, um Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen erweitert.

Camille Graeser, Komposition, 1937. © Camille-Graeser-Stiftung/2019, Pro Litteris Zürich

Schon im ersten Raum stehen vier Bilder im Mittelpunkt, in denen Graeser das von ihm selbst so benannte Verfahren der Dislokation oder Relokation durchexerziert. Da gibt es zum Beispiel das «Gelb-Schwarz-Volumen 11:1» aus dem Jahr 1961/77, in dem aus einem fast bildfüllenden gelben Quadrat unten rechts ein winziges Quadrätchen rausfällt und schräg vor einem schwarzen Hintergrund steht, wie wenn es nur noch an einem winzigen Faden hinge.

Oder die «Translokation von zwei Quadraten mit komplementären Farbpaaren» (1968/70), die eine bunte Folge von Quadraten unter einem dicken schwarzen Balken darstellt, von denen ein violettes etwas nach unten gerutscht ist, während ein rotes ganz aus der Reihe kippt und nur noch mit einer Ecke mit dem Fries aus bunten Quadraten verbunden ist. Diese Bilder scheinen den tierischen Ernst einer durchmathematisierten Kunst infrage zu stellen und zeigen, mit welch ironischer Leichtigkeit der Künstler immer wieder die von ihm selbst gesetzten Regeln durchbricht.

Zürich als Exil

Graeser betrieb anfangs in Stuttgart ein Büro für Innenarchitektur. Die Ausstellung macht deutlich, dass er sich in seinen Entwürfen mit Vorbildern wie Willy Baumeister und Oskar Schlemmer auseinandergesetzt hatte. Seine dem Modernismus verpflichteten Möbelentwürfe gaben aber immer dem Handwerklichen den Vorzug. Als gelernter Schreiner arbeitete er auch vornehmlich mit Holz.

1933 verliess er wegen der Nationalsozialisten Deutschland und kam nach Zürich. Aufgrund der Wirtschaftskrise konnte er hier allerdings nicht als Innenarchitekt Fuss fassen, und so wechselte er ins Fach der reinen Kunst. An der Stadelhoferstrasse 33 bezog er 1936 mit Emmy Graeser-Rauch zusammen ein Wohnatelier, in dem nach surrealistischen Experimenten sich allmählich ein Wechsel zur konstruktiv-konkreten Formensprache vollzog.

Im Kreise der Konkreten

Die Inneneinrichtung der Zürcher Wohnung zeichnete Graeser selbst, wobei er darauf bedacht war, dass beide Bewohner ein eigenes Zimmer erhielten. Auf einer Fotografie sehen wir Emmy Graeser-Rauch auf einem Bett mit einem Bezug mit Zebrafellmuster liegen. Für sich selbst plante Graeser im zweiten Raum asketischer: Das Bett im Männerzimmer wies bloss eine Nackenstütze auf.

Emmy Graeser-Rauch auf Zebrafell-Liege, Fotografie aus dem Jahr 1936/37. © Camille-Graeser-Stiftung

Nach und nach konnte sich der in der Schweiz vom Innenarchitekten zum Maler gewordene Graeser mit seiner Kunst durchsetzen und wurde zu einem der Hauptvertreter der Zürcher Konkreten, dessen Bilder unter anderem mit jenen von Richard Paul Lohse, Max Bill und Verena Loewensberg in zwei Sälen der Ausstellung in einen regen Dialog treten. Die Ausstellung macht deutlich, dass mathematische Prinzipien wie jenes der Progression und der Degression sowie geometrische Formen wie Quadrat, Rechteck, Kreis und Rhombus bei all diesen Künstlern eine zentrale Rolle spielen.

Erstellt: 05.11.2019, 15:08 Uhr

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