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Der Anfang war erfreulich düster

Chagall ist schön bunt – und etwas kitschig. Oder etwa doch nicht? Eine sehenswerte Ausstellung über das Frühwerk des russisch-französischen Malers wartet mit Überraschungen auf.

Paulina Szczesniak Basel
Eine dämonisch rot glimmende Kuh und eine pockenartig gepunktete Frau schweben vor tiefschwarzem Nachthimmel: Marc Chagalls «Russland, den Eseln und den anderen» von 1911. Bild: Musée national d’art moderne, © 2017, Pro Litteris, Zürich
Eine dämonisch rot glimmende Kuh und eine pockenartig gepunktete Frau schweben vor tiefschwarzem Nachthimmel: Marc Chagalls «Russland, den Eseln und den anderen» von 1911. Bild: Musée national d’art moderne, © 2017, Pro Litteris, Zürich

Ach, Chagall. Da hatten wir uns damit arrangiert, dich als König der Museumsshops abzutun, dessen stets haarscharf am Kitsch vorbeischrammenden Motive Tassen, Foulards und Magneten das gewisse mystisch-sentimentale Etwas verleihen. Und jetzt kommt diese Schau, und wir müssen radikal umdenken.

Ein ganzes Stockwerk des schicken Neubaus widmet das Kunstmuseum Basel dem Russen, der aus dem Schtetl kam, um Paris mit seiner Landliebe-Romantik zu verzücken. Genauer: seinen frühen Werken, entstanden in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg und also noch vor Marc Chagalls 30. Geburtstag. «Die Jahre des Durchbruchs» heisst die Schau denn auch – und tatsächlich brechen auf den über 100 Gemälden und Zeichnungen, die man dies- und jenseits des Atlantiks zusammengetragen hat, bereits die typisch chagallsche Exzentrik durch: die fliegenden Menschen. Die lächelnden Tiere, denen man teils wie auf Röntgenbildern in die Bäuche hinein auf ihre Fohlen- und Kälbchenföten sieht. Die pastellene Traumwelt. Wer Chagall dafür liebt, wird also nicht zu kurz kommen.

Aber: All das ist hier eben noch ganz am Anfang. Roh, möchte man sagen, im positiven Wortsinn: frisch und etwas ungestüm – und teils gespickt mit einer Düsterheit, die man sonst nicht mit Chagall verbindet. Auf dem grossformatigen Bild «Russland, den Eseln und den anderen» zum Beispiel – der Titel stammt von Blaise Cendrars, mit dem Chagall in den 1910er-Jahren Montparnasse unsicher machte – schweben vor tiefschwarzem Nachthimmel eine dämonisch rot glimmende Kuh und eine pockenartig gepunktete Frau, die mit der einen Hand einen Eimer schleppt, während die andere nach ihrem vom Rumpf abgetrennten Kopf greift. Kein Wunder, dass man beim Pariser Salon so etwas nicht haben wollte und den lockigen jungen Russen anhielt, seine Scheusslichkeiten gefälligst woanders auszustellen.

Sanfte Tollheit

Seine Künstlerfreunde indes liebten Chagall genau für diese Kompromisslosigkeit, mit der er seinen Kopfgeburten freie Fahrt liess. «Nieder mit dem Naturalismus, dem Impressionismus und dem realistischen Kubismus!», soll er öffentlich proklamiert haben. «Geben wir doch unserer Tollheit nach!»

Er selbst tat dies allerdings in einer sanften Art, ohne Saufgelage, ohne die Herumhurerei der Kollegen, ohne Skandale. Chagalls Boheme bestand darin, nachts allein im Atelier zu arbeiten, in den Sternenhimmel zu blicken und an seine geliebte Bella zu denken.

Um sie endlich wiederzusehen, fuhr er im Sommer 1914 heim nach Witebsk. Ein paar Wochen nur wollte er bleiben, doch es kam anders. Der Krieg brach aus, die Grenzen waren zu, und Marc Chagall, der Paris doch brauchte für seine Kunst «wie ein Baum das Wasser», musste in Russland bleiben. Er machte, wie es seine Art war, das Beste daraus: heiratete Bella, wurde Vater, gründete eine Kunstschule und verliess sie erst 1920 wieder, als das sowjetrussische Kulturministerium seine Kunst für «politisch unbrauchbar» erklärte. Jenseits der Heimat empfing man ihn begeistert zurück, auch wenn das Geld, das seine Galeristen inzwischen mit seinen Werken verdient hatten, nun nichts mehr wert war.

Der Rabbi und sein Zwilling

Chagall nahm es einmal mehr, wie es war, und malte alle im Krieg verlorenen Bilder ein zweites Mal, aus dem Gedächtnis oder nach Skizzen. Etwa den «Rabbiner mit grünem Bart», der nun in Basel im letzten Ausstellungsraum gleich doppelt hängt: links das Original von 1912, rechts Chagalls eigenhändige Dublette aus den Zwischenkriegs­jahren. Es lässt sich an dieser Paarung wunderbar beobachten, wie die frühe Hölzernheit seines Malstils einer lichten, farbfröhlichen Luftigkeit wich. Und das, obwohl der von allen Seiten aufziehende Antisemitismus Marc Chagall grosse Sorgen bereitete. Schliesslich verstand er sich als durch und durch jüdischer Künstler: «Wenn ein Maler Jude ist und das Leben malt, wie könnte er sich gegen jüdische Elemente in seinem Werk wehren?»

Vielleicht war es Schicksal, dass gerade dieses Bild – die «Kopie» von 1923 – im Rahmen der deutschen Landesreinigung von «entarteter» Kunst 1939 als erster Chagall ins Kunstmuseum Basel kam. Jedenfalls ist es ein Glück, dass es nun, zum ersten Mal überhaupt, neben seinem «Zwilling» hängt, der ebenfalls überlebt hat und heute als Dauerleihgabe im Frankfurter Städel beheimatet ist. Und bestimmt hätte es Chagall gerührt, wie viel Mühe man sich in Basel gegeben hat, die Welt des Schtetls heraufzubeschwören, die er zeitlebens, auch als Star noch, im Herzen und auf der Palette trug. Historische Fotos und Videos machen aus einer sehenswerten Kunstschau eine eindrückliche, erfreulich undidaktische Geschichtslektion.

Bis 21. Januar.

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