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Der Aufbruch und sein logisches Ende

Eine faszinierende Schau im Zentrum Paul Klee und im Kunstmuseum in Bern zeigt die russische Avantgarde und den Sozialistischen Realismus.

Da wird zum Angriff geblasen: Rote Balken bilden eine dynamische Formation, die ein schwarzes Rechteck zu bedrängen scheint; links unten befindet sich ein schwarzer Kreis, die obere Hälfte des Gemäldes nimmt ein schwarzes Quadrat ein. Noch scheinen diese statischen Kräfte unverrückbar, aber die Revolution hat sich in Bewegung gesetzt.

Die «Suprematistische Komposition» von Kasimir Malewitsch aus dem Jahr 1915 hängt im Zentrum Paul Klee in Bern gleich zu Beginn der Ausstellung wie eine Portalfigur rechts an einer Stellwand. Auf der linken Seite schraubt sich eine Ikone des Konstruktivismus in die Höhe: Auf einer Fotografie ist das Turmmodell von Wladimir Tatlin abgebildet. Das fünf Meter hohe Modell stellte eine spiralförmig gewundene Stahlkonstruktion dar, die in der Realität 400 Meter hoch sein und Konferenzräume, Restaurants sowie Radiosender beherbergen sollte. Wie viele andere dieser Architekturvorhaben – etwa El Lissitzkys gigantische Lenin-Tribüne – wurde auch der Tatlin-Turm als Symbol für die Dynamik der Revolution und den Aufbruch in ein neues Zeitalter nie realisiert.

Der Link zu Paul Klee

Die Schau «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!», die gleichzeitig im Zentrum Paul Klee (ZPK) und im Kunstmuseum Bern stattfindet, leistet im Jubiläumsjahr etwas Einzigartiges. Denn es werden darin nicht nur die Leistungen der russischen Avantgarde gewürdigt, sondern auch die Folgen von Suprematismus und Konstruktivismus im Laufe des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet. Überzeugend wird gezeigt, wie über den Brückenkopf Berlin – wo nach der Revolution eine russische Diaspora blühte – ein starker Einfluss auf die holländische Künstlergruppe De Stijl und vor allem auch auf das Bauhaus ausgeübt wurde.

Damit ist auch der Link zu «Hausherr» Paul Klee gegeben, der damals als Lehrer in Dessau wirkte und die russischen Anregungen mit filigranen Raumkonstruktionen aufnahm. Später beschäftigten sich die Zürcher Konkreten um Max Bill mit dem Erbe des Konstruktivismus, ebenso aber auch die Vertreter der Minimal Art in den USA und die Avantgarde in Südamerika.

Eine eindrückliche Konstellation

Eine der eindrücklichsten Konstellationen in der Schau ist Alexander Rod­tschenkos 1921 erstmals ausgestelltes Triptychon, das – sechs Jahre nach Male­witschs «Schwarzem Quadrat» – drei monochrome Leinwände in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau aufweist. «Ich habe die Malerei zu einem logischen Ende gebracht», notierte der Künstler dazu und verkündete mit fast biblischem Pathos: «Es soll keine Darstellung mehr geben.» Rodtschenkos Triptychon ist umgeben von Künstlern, die sich diesem Gebot produktiv «widersetzten» – etwa vom gebürtigen Schweizer Olivier Mosset, der mit einem Werk vertreten ist, das 1981 im Kontext der Radical-Painting-Gruppe entstand.

Auch im Kunstmuseum empfängt Kasimir Malewitsch den Besucher. Mehr als zehn Jahre nach seiner «Suprematistischen Komposition», Ende der 20er-Jahre, malt er wieder gegenständlich. Seine Motive sind Bauern; oft sind es gesichtslose, geometrische Figuren, die entwurzelt und isoliert im Raum stehen. Malewitsch schien sich an die veränderten Zeiten anzupassen, indem er an die Tradition anknüpfte – gleichwohl kann man diese Bilder auch als Kritik an den verheerenden Folgen der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft auffassen, die Millionen Menschen auf dem Land das Leben kostete.

Die Partei als alleinige Auftraggeberin

Ende der 20er-Jahre war der revolutionäre Aufbruch auf dem Weg, in eine vom Staat verordnete und überwachte Kunstrichtung wie den Sozialistischen Realismus zu münden. Spätestens 1932 wurde die Partnerschaft zwischen der Revolution des neuen Sowjetstaats und der künstlerischen Avantgarde offiziell beendet. Kunst sollte für die breite Masse verständlich sein und Begeisterung wecken. Die Partei war nun alleinige Auftraggeberin, die Beschönigung der Lebensverhältnisse und die Darstellung der kommunistischen Utopie gingen Hand in Hand.

In monumentaler Form wurden technische Errungenschaften und ihre Helden – Bauern, Arbeiter, Parteiführer – ins Bild gesetzt. Zu den erfolgreichsten Malern des Sozialistischen Realismus wurden Samochwalow, Gerassimow und Deineka, alle Alexander mit Vornamen, die Kolchosen- und Textilarbeiterinnen, Funkerinnen oder Sportler feierten und natürlich immer wieder Stalin als Lichtgestalt in Szene setzten. Die Kunst stand im Dienst der Propaganda, das Resultat war oft Kitsch. Aber nicht immer.

Die Abrechnung nach der Verklärung

Die Schau spürt der ideologischen und stilistischen Weiterverarbeitung des Sozialistischen Realismus bis in die Zeit der Auflösung der Sowjetunion nach, als eine jüngere Generation mit der sowjetischen Bilderwelt abrechnete. Ein Rundgang im Kunstmuseum ist als dichte visuelle Erzählung angelegt und zeigt den mitunter subversiven Umgang mit den Vorgaben dieses realistischen Stils: In der DDR konnte ein Wolfgang Mattheuer die Entfremdung des Arbeiters zum Thema machen, indem er mythologische Figuren wie Sisyphos in wüstenartigen Landschaften agieren liess; in der BRD setzten sich Maler wie Jörg Immendorff mit seiner Café-Deutschland-Serie und Martin Kippenberger mit seinen Persiflagen intensiv mit dem sowjetischen Erbe auseinander.

Einen wichtigen Platz nimmt Boris Mikhailov ein. Der Russe hat seit den späten 60er-Jahren in diversen Fotoserien das marode System dokumentiert – mit bläulich eingefärbten, kollabierenden Stadtbildern etwa oder in Sepiatönen gehaltenen Aufnahmen eines von Badegästen bevölkerten Salzsees, der eine heilende Wirkung haben soll, aber eher einer Kloake gleicht. In «Case Studies» hat Mikhailov 1997/98 kaputte und kranke Menschen fotografiert, den Bodensatz der postsowjetischen Gesellschaft. Auf den Porträts spielen sie teils Passionsszenen nach und wirken wie ein höhnisch-verzweifelter Abgesang auf die Verheissungen eines «neuen Menschen» Jahrzehnte zuvor. Es ist ein Angriff auf den Betrachter, der sich dieser Zumutung nur zu gern rasch entziehen möchte.

Bis 9. Juli.

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