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Der kleine Mann mit dem Kameraauge

Das Kunstmuseum Bern zeigt, wie stark das künstlerische Schaffen von Henri de Toulouse-Lautrec von der Fotografie beeinflusst war.

Finanziell angewiesen auf deren Verkauf wäre er nicht gewesen. Henri stammte aus einem altehrwürdigen Adelsgeschlecht, Geld war in Hülle und Fülle vorhanden. Aber er fühlte sich eben da am wohlsten, wo er – dank seiner Kleinwüchsigkeit seit Kindsbeinen an ein Sonderling – nicht weiter auffiel. Oder jedenfalls: nicht so sehr. Wo es rundherum exzentrisch bis dekadent zugeht, da kommt es auf einen Zwergmann mehr oder weniger auch nicht an. Maurice Guibert: Toulouse-Lautrec als Samurai, schielend,um 1892. Collection Georges Beaute © Beaute, Réalmont.
Finanziell angewiesen auf deren Verkauf wäre er nicht gewesen. Henri stammte aus einem altehrwürdigen Adelsgeschlecht, Geld war in Hülle und Fülle vorhanden. Aber er fühlte sich eben da am wohlsten, wo er – dank seiner Kleinwüchsigkeit seit Kindsbeinen an ein Sonderling – nicht weiter auffiel. Oder jedenfalls: nicht so sehr. Wo es rundherum exzentrisch bis dekadent zugeht, da kommt es auf einen Zwergmann mehr oder weniger auch nicht an. Maurice Guibert: Toulouse-Lautrec als Samurai, schielend,um 1892. Collection Georges Beaute © Beaute, Réalmont.
David Milh
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Es gibt Künstler, deren Persönlichkeit ihr Werk fast überstrahlt. Wenn eine Dandy-Existenz, körperliche Missbildung, die Vorliebe fürs Halbseidene und ein früher Tod zusammenkommen, dann ist dies der Stoff, aus dem melodramatische Filme sind (wie John Hustons «Moulin Rouge» aus dem Jahr 1952). Der 1901 erst 36-jährig verstorbene Henri de Toulouse-Lautrec war so ein Künstler. Aus einem alten Adelsgeschlecht stammend, ist er mit seinem Werk, vorwiegend Darstellungen des Pariser Nacht­lebens, dennoch in die Kunstgeschichte eingegangen.

Der Mann, der einen festen Tisch im 1889 eröffneten Variété-Theater Moulin Rouge hatte, war stets tadellos frisiert und gekleidet – mass aber nur 1,52 Meter: Wegen einer Erbkrankheit war das Wachstum seiner Beine im Kindsstadium stecken geblieben, während sich Torso und Kopf normal entwickelten.

Das Moulin Rouge und die umliegenden Strassen des Montmartre bildeten das Zentrum von Toulouse-Lautrecs Universum: die glitzernde Scheinwelt des Theaters, der Cabarets und Bordelle. Hier malte er in seinem Atelier Frauen, die er auf der Strasse kennen gelernt hatte: Wäscherinnen und Putzfrauen, deren Gesicht oder Haare ihn faszinierten, später auch Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Prostituierte.

Zeit der Kodak-Schnappschüsse

Wenn das Kunstmuseum Bern nun eine Ausstellung zu Toulouse-Lautrec als die «wichtigste des Jahres und Erfüllung ­eines lang gehegten Wunsches» ankündigt, dann scheint das auf den ersten Blick ein ziemlich kalkuliertes Unternehmen zu sein, das wenig Neues zu bieten hat und auf die Blockbuster-Qualität des Künstlers setzt. Museumsdirektor Matthias Frehner widerspricht da vehement. Vielmehr betrete sein Haus mit dieser 270 Exponate umfassenden Schau Neuland: «Wir konfrontieren erstmals Toulouse-Lautrecs Schaffen mit Fotografien aus seiner Zeit, die gleiche Motive zeigen wie die Bilder des Künstlers. Das gab es erstaunlicherweise noch nie.»

Es war die Epoche, als die schweren Ungetüme auf Stativen, die Glasnegative und schwarzen Tücher von den hand­lichen, 1888 patentierten Kodak-Hand­kameras abgelöst wurden. Schnappschüsse wurden nun möglich, Momentaufnahmen rasanter Bewegungsabläufe. Im Zentrum der Ausstellung steht demnach das fotografische Auge dieses Künstlers, der oft nach Fotografien malte und sich bei der Komposition seiner Gemälde, Zeichnungen und Plakate nicht scheute, kühne Bildausschnitte zu wählen, Figuren anzuschneiden, mit ungewohnten Perspektiven zu arbeiten – und so einen Stil begründete, der mit wenigen Linien und Farb­akzenten auf das spontane Einfangen eines Augen­eindrucks abzielte.

Toulouse-Lautrec entwickelte dafür eine besondere Maltechnik, indem er Ölfarben Lösungsmittel beigab. Diese Terpentinmalerei ermöglichte das schnelle Aufsaugen der Farbe durch die Kartonunterlage, sodass der Künstler relativ rasch die nächste Farbe auftragen konnte.

Bei seinen jahrelangen Recherchen ist Gastkurator Rudolf Koella bei Nachkommen von Freunden des Künstlers auf bislang unbekannte Fotografien ­gestossen. Toulouse-Lautrec selbst hat nämlich nie fotografiert; er besass zeitlebens keine eigene Kamera. In seinem Atelier stapelten sich freilich Abzüge von Fotos, die seine Modelle zeigten oder Abbildungen seiner Bilder und Drucke. Wer also fotografierte für Toulouse-Lautrec? In der Ausstellung werden der Berufsfotograf Paul Sescau, der Künstlerfreund François Gauzi und der Lebemann und Champagner-Vertreter Maurice Guibert in Wort und Bild erstmals vorgestellt. Koella machte die Nachkommen der drei ausfindig – und stellte fest, dass diese keine Ahnung davon hatten, was für Schätze sie hüteten.

Unter den bis dahin unbekannten ­Fotografien befinden sich – ein Höhepunkt der Ausstellung – zwanzig Bilder, die Toulouse-Lautrecs Vorliebe für Selbstinszenierung und Rollenspiele ­dokumentieren. In der in seiner Familie offenbar ausgiebig kultivierten Tradition des Verkleidens nach Roman- und Theaterfiguren sieht man ihn etwa als Pierrot, als schielenden Samurai oder, auf einem Balkon, als inbrünstig rufenden Muezzin.

Koella weist darauf hin, dass manche Bildsequenzen durchaus Ansätze einer Geschichte erzählen und an Performances erinnern. Toulouse-Lautrec scheint, obwohl er nie selber auf den Auslöser der Kamera drückte, der mit detaillierten Anweisungen aufwartende Regisseur gewesen zu sein.

Foto zuerst? Bild zuerst?

Die in 14 Sektionen unterteilte Ausstellung wartet mit Exponaten aus der hauseigenen Sammlung auf: dem fast schwerelos wirkenden Porträt «Misia Natanson am Flügel» etwa. Die Pianistin (und Förderin von Ravel und Debussy) war zusammen mit ihrem Mann über Jahrzehnte das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Paris. Toulouse-Lautrec hat diese von vielen Künstlern verehrte «russische Sphinx» verschiedentlich auch auf Plakaten verewigt. Es existiert auch eine vom Bildmotiv her nahezu identische Fotografie des Malers Edouard Vuillard, der ebenfalls in diesen Kreisen verkehrte. Ob das Foto als Vorlage für das Gemälde diente oder umgekehrt, bleibt offen.

Mit dem Zyklus «Elles» über den im Fotoreportage-Stil festgehaltenen Alltag einer Pros­tituierten endet die Schau. Die Wände des letzten Raums leuchten in kräftigem Rotlichtbezirks-Rot. Hier sind zudem Leihgaben versammelt, die Toulouse-Lautrec als Künstler zeigen, der mit Respekt und als Vertrauter – er quartierte sich oft tagelang in einem Etablissement ein – intime Einblicke ins Leben der «Freudenmädchen» gewährte. Formale Innovationen in seiner künstlerischen Entwicklung mag Toulouse-Lautrec der Fotografie verdankt haben. Die Empathie für gesellschaftliche Aussenseiter aber, die schöpfte er aus sich selbst.

Bis 13. Dezember.

Bilder Die Welt des Henri de Toulouse-Lautrec

lautrec.tagesanzeiger.ch

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