Der Werkzeugschuppen der Kunst

The Shed in New York ist das wohl ambitionierteste Kunstzentrum der Gegenwart: Sämtliche Werke werden dort neu in Auftrag gegeben. Ein Schweizer spielt dabei eine wichtige Rolle.

The Shed: Das markante Gebäude der neuen Kulturinstitution steht bei den Hudson Yards in Manhattan. Foto: David Delgado (Bloomberg, Getty Images)

The Shed: Das markante Gebäude der neuen Kulturinstitution steht bei den Hudson Yards in Manhattan. Foto: David Delgado (Bloomberg, Getty Images)

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Alex Poots erinnert sich noch genau an jenen Moment, als vor fünf Jahren sein Telefon in London klingelte. Ein Headhunter war dran und fragte, ob er sich nicht bitte bei dieser im Aufbau befindlichen kulturellen Institution in New York bewerben könne. Das Ganze heisse «The Cultural Shed» und solle vor allem interdisziplinär arbeiten. Poots war zu diesem Zeitpunkt Chef des Manchester Festival in Nordengland.

Er war als Kulturmanager höchst angesehen, er hatte unter anderem James Brown ins Barbican in London gebracht, er hatte mit Kenneth Branagh einen irrsinnigen «Hamlet» fürs Manchester Festival produziert, und jetzt sollte er sich bei einer Institution bewerben, die offenbar nicht mal genau wusste, was sie sein wollte? Sich bewerben – als buhle nicht die Institution um ihn, sondern als sei er es, der den Job wolle? Er sagte ab.

Mittlerweile heisst diese Institution nur noch «The Shed», und sie gilt als wichtigste neue Kulturstätte in New York seit Eröffnung des Lincoln Center in den 60er-Jahren. Als sie Anfang April erstmals ihre Türen öffnete, begrüsste Alex Poots die Gäste. Schliesslich ist er Vorstandschef und künstlerischer Leiter dieser neuen Institution.

Mitreissender Erzähler

Dass seine Absage 2014 nicht das letzte Wort war, lag daran, dass sie in New York hartnäckig blieben. Poots wurde zu einer rein informellen Zusammenkunft eingeladen, die natürlich kein bisschen informell war. Es war eher ein – nun ja, Bewerbungsgespräch. Poots erklärte, dass man nicht 40 Leute brauche, die permanent für die Institution arbeiten, sondern eher 90 bis 100. Er legte dar, dass man für die ersten drei Jahre nur fürs Programm Zuschüsse von 50 Millionen Dollar benötige, um etwas wirklich Spektakuläres auf die Beine zu stellen.

Nämlich einen Ort, der, wie er heute sagt, ein riesiger Werkzeugkasten für Künstler sein soll. Einen Ort, an dem sich die Formen mischen, an dem Musik, Malerei, Schauspiel, Tanz und Architektur zusammenkommen. Eine Institution, die Werke von Künstlern jedweder Gattung in Auftrag gibt und sich an ein Zielpublikum richtet, das nur mit dem Begriff «alle» beschrieben werden kann. Falls man so etwas plane, sagte Poots den Aufsichtsräten, dann, ja dann würde er sich sogar darum bewerben, das in die Hand zu nehmen.

Nun muss man wissen, dass Alex Poots ein mitreissender Erzähler ist, der für die Kunst lebt. Wenn man ihm lange genug zuhört, drückt man ihm, ohne zu zögern, 50 Millionen Dollar in die Hand (so man die gerade übrig hat), damit er was Schönes auf die Beine stellt. Der Aufsichtsrat bot ihm den Job an, und Poots sagte zu. Er zog von London nach New York, wo er seither mit einem beständig wachsenden Team daran arbeitet, dass The Shed tatsächlich das versprochene Spektakel wird.

In The Shed sollen viele Veranstaltungen gar keinen Eintritt kosten. 

Das neue Gebäude ist bei den Hudson Yards entstanden, an der unteren Westseite Manhattans gelegen. Auf 18'500 Quadratmetern verfügt es über Galerien, Theater und Proberäume. Hauptattraktion ist eine äussere Hülle, die auf Rädern gelagert ist und sich bewegen lässt. Wenn man sie ausfährt, wird der Vorplatz des Gebäudes zu einem geschlossenen, lichtdurchfluteten Raum für Performances.

In den vormals heruntergekommenen Hudson Yards ist in den letzten Jahren so etwas wie ein neuer Stadtteil entstanden. Dutzende neue und meist hohe Häuser wurden gebaut, was in einer Stadt mit mehr als 60'000 Obdachlosen prinzipiell eine gute Idee ist; allerdings befinden sich in diesen Häusern überwiegend Luxuswohnungen. Dabei soll das neue Kulturzentrum ausdrücklich dazu beitragen, die Ungleichheit in der Stadt zu verringern. In The Shed sollen viele Veranstaltungen gar keinen Eintritt kosten. Poots sagt, dass es auch in den teuersten Produktionen Plätze für zehn Dollar geben werde, und zwar nicht nur ganz hinten, sondern in jeder einzelnen Reihe. «Der Gradmesser für Erfolg, das sind nicht die Einnahmen», sagt er.

Die Stadt New York hat dem Projekt im Jahr 2013 eine Anschubfinanzierung in Höhe von 50 Millionen Dollar zukommen lassen. Seither hat The Shed nach eigenen Angaben zusätzlich 438 Millionen Dollar an Spenden eingenommen. Insgesamt sollen 550 Millionen Dollar erlöst werden. Von diesem Geld sollen die Baukosten bestritten und die Aufbauphase bezahlt werden. Zudem soll ein Teil des Geldes in einen Topf fliessen, aus dem fortwährend neue künstlerische Arbeiten in Auftrag gegeben werden können.

Initiative «Open Call»

Zu den wichtigsten Mitstreitern, die Poots angeheuert hat, zählt der Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist, im Hauptberuf künstlerischer Leiter der Londoner Serpentine Galleries. Bereits seit 2005 arbeiten die beiden zusammen. Wann immer Poots ein Programm auf die Beine stellt, kümmert sich Obrist um die Gegenwartskunst. So auch nun in New York. Obrist ist es zum Beispiel zu verdanken, dass in The Shed eine exklusive Komposition von Steve Reich aufgeführt wird, und zwar in einem Raum, in dem Werke des Malers Gerhard Richter hängen werden. Ein Jahr lang standen Reich und Richter in permanentem Kontakt, um sich aufeinander abzustimmen. «Normalerweise würde man Reichs Werk in einem Konzertsaal hören und Richters Bilder in einem Museum betrachten», sagt Obrist, «aber nun wird das eine holistische Erfahrung.» Obrist findet, genau das habe in der Welt der Kunst bisher gefehlt: «eine Institution, in welcher die Zwischenräume auf diese Weise möglich sind».

Die ersten Wochen in The Shed gehen, abgesehen von der Reich-Richter-Kooperation, unter anderem so los: Der Filmregisseur Steve McQueen hat mit dem Musiker Quincy Jones eine Konzertreihe konzipiert, in der es um das Erbe der schwarzen Musik geht. Die isländische Sängerin Björk wird eine theatralische Performance auf die Bühne bringen. Die Dichterin Anne Carson hat eine dramatische Arbeit verfasst, in der es um Marilyn Monroe und Helena aus der griechischen Mythologie geht.

Alles, was in The Shed geboten wird, gab es vorher nicht. Das Haus gibt sämtliche Werke neu in Auftrag. Für die Künstler sollen sich nach dem Willen von Poots dadurch ganz neue Möglichkeiten ergeben. Auch deshalb hat er eine Initiative namens «Open Call» ins Leben gerufen, die jedes Jahr 52 Künstler auswählt, die in New York leben und noch nicht von einer grossen kulturellen Institution gefördert werden. Diese Künstler werden mit viel Geld gefördert, und jede der Arbeiten wird in The Shed ihren Platz finden. Diese Ausstellungen sollen grundsätzlich keinen Eintritt kosten, und sie sind Poots fast am wichtigsten.

Ob er dieses doch etwas weitreichende Konzept in einem Satz zusammenfassen könne? «In zwei Sätzen», sagt Poots: «Bei uns soll Platz für alles sein. Und: Wir wollen das flexibelste Kunstzentrum der Welt sein.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.04.2019, 21:09 Uhr

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