Die Aliens sind gelandet

Das Zentrum Paul Klee zeigt Kunst von und über Menschen mit Downsyndrom. Die Schau ist Kunstausstellung und Dokumentation zugleich und arbeitet mit «Experten» in eigener Sache.

Johanna von Schönfeld, eine der 44 Porträtierten in der Ausstellung «Touchdown». Fotos: Martin Langhorst

Johanna von Schönfeld, eine der 44 Porträtierten in der Ausstellung «Touchdown». Fotos: Martin Langhorst

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Vielerorts auf diesem Parcours bietet sich die Gelegenheit, seinem Ebenbild zu begegnen. Gleich im Eingangsbereich steht eine Art Dorfbrunnen mit einer eingelegten konkaven Fläche, die vorbeigehende Besucher reflektiert, es gibt Spiegel verschiedener Art und im Mittelteil der Ausstellung einen grossen Boulevard aus Alufolie, der am Ende steil in die Höhe ragt: Es ist die Bühne, auf der wir uns verzerrt oder verschwommen wahrnehmen. Was ist normal, fragt sich der Betrachter unweigerlich, und was liegt ausserhalb der Norm?

Der «dunkle Raum»

Die 35-jährige Julia Bertmann ist eine «Expertin» in eigener Sache. Sie zieht es vor, angesprochen statt angeglotzt zu werden, arbeitet als Bürohilfskraft und sagt von sich, sie sei «sehr, sehr schlau». Jetzt erzählt die Frau mit Downsyndrom selbstbewusst, was es mit den Wurstscheiben auf sich hat, die in der Vitrine neben ihr akkurat aufgereiht liegen. In einem Supermarkt habe sie an der Wursttheke einkaufen wollen und sei von der Bedienung einfach geduzt worden. «Das fand ich nicht in Ordnung, auch Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf das Sie.» Julia Bertmann ist auch im Beirat der Ausstellung «Touchdown», die nach Bonn und Bremen jetzt im Zentrum Paul Klee Station macht.

Alle Vorbereitungen und Inhalte wurden partizipativ erarbeitet. Mitgemacht hat Julia Bertmann, «weil ich mein ­Anderssein erforschen will». Im Beirat, erzählt sie, sei auch darüber diskutiert worden, ob der «dunkle Raum» dazugehören soll. Er sollte. Der «dunkle Raum» berichtet von der Geschichte der Tötung «unwerten» Lebens in der Zeit des Nationalsozialismus, als fast alle Menschen mit Downsyndrom ermordet wurden.

Samira Guggisberg, Mitte, führt Museumsbesucher in einer Tandemführung durch die Ausstellung «Touchdown». Bild: Keystone/Christian Merz

Die Ausstellung ist als Forschungsreise angelegt und verfolgt einen Mischansatz. Sie ist Kunstschau und Dokumentation – so etwa mit 44 Porträtfotos von Menschen mit Downsyndrom, die eindrücklich zeigen, dass sie entgegen dem Klischee alle unterschiedlich aussehen. Sie ist kulturhistorische Recherche und Spiegelung der Geschichte von Menschen, die erst vor rund 150 Jahren vom englischen Arzt John Landon Down als eine Gruppe mit bestimmten Merkmalen beschrieben worden ist.

1866 publizierte der Chefarzt des ­Royal Earlswood Asylum seine «Beobachtungen zu einer ethischen Klassifizierung von Schwachsinnigen». In diesem Heim fotografierte Down die Menschen auch respektvoll: Ein junger Mann im Anzug und mit dem für die viktorianische Zeit typischen Backenbart sitzt mit übergeschlagenen Beinen auf dem Stuhl und schaut ernsthaft zum rechten Bildrand hinaus. Der bislang unge­hobene Bilderschatz wurde in Bonn erstmals gezeigt und wird ergänzt durch originale Patientenbücher, in denen man die Biografien dieser Menschen nachlesen kann.

Nina Zimmer, Direktorin von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee, hat sich sofort in die Ausstellung «verliebt», als sie zufällig in Bonn darauf stiess. Den Anstoss dazu hatte die Humangenetikerin Katja Bragança gegeben, die sagt: «Das Downsyndrom ist keine ­Krankheit, es ist ein Wunder der Natur.» In Bern ist die Ausstellung «helvetisiert» – unter anderem wird mehr Kunst von Menschen mit Downsyndrom gezeigt, darunter Leihgaben der Collection de l’Art Brut in Lausanne. Auch die Berner Künstlerin Pia Heim, die im Atelier Rohling im ­Kulturzentrum Progr arbeitet, ist mit einer ihrer Installationen aus angemalten Hölzern vertreten. Eine Miniaturlandschaft mit Aussichtspunkten, Mauern und Bergen breitet sie aus, in deren Mitte ein hölzernes Herz gestützt wird von zwei Holzstücken.

Auch Daniel Rauers ist einer der 44 Porträtierten. Bild: Martin Langhorst

Eine starke Präsenz hat auch die 2005 verstorbene amerikanische Künstlerin Judith Scott, die ein Downsyndrom hatte und gleichwohl das Ghetto der Outsider-Kunst sprengte und an die Documenta eingeladen wurde. In ihren Skulpturen aus Wollfäden und Karton hat sie ­wichtige Gegenstände wie etwa einen Ven­tilator eingesponnen wie in einen ­Kokon.

Oder da ist der Chromosomenteppich von Jeanne-Marie Mohn. Sie nähte die geordnete Darstellung aller Chromosomen einer Zelle auf Leinwand; zu sehen sind die 47 Chromosomen wie nach dem Waschgang sortierte Sockenpaare – und das Chromosom 21 kommt dabei eben dreimal vor, einmal mehr als bei den «normalen» Menschen.

Während die Mittelachse des Saals den Kunstwerken vorbehalten ist, lässt sich entlang der Aussenwände die comicartige Rahmenhandlung verfolgen: Sieben Figuren landen mit einem Raumschiff auf der Erde, es ist die «Second Mission». 5000 Jahre nach der ersten Expedition sollen die «Aliens» auf der Erde untersuchen, wie es ihren Vorfahren, den ersten Siedlern, ergangen ist – und wie die, welche als Menschen mit Downsyndrom bezeichnet werden, heute leben.

Spuren der Vergangenheit

An den «Spuren der Vergangenheit» beissen sich die Crewmitglieder der ­«Second Mission» dagegen die Zähne aus; Zeugnisse eines Lebens von Menschen mit Downsyndrom sind selten – umso eindrücklicher sind zwei künstlerische Zeugnisse aus der Vergangenheit: eine olmekische Steinfigur aus dem Mexiko aus der Zeit vor Christus zeigt ein Kind mit Downsyndrom. Und auf einem Altar­gemälde aus dem 16. Jahrhundert mit Anbetungsszene hat einer der Engel eindeutig die Gesichtszüge eines Menschen mit Downsyndrom.

In der Schweiz leben aktuell rund 5000 Menschen mit Downsyndrom. ­Einige von ihnen bestreiten in der Ausstellung Tandem-Führungen – Führungen, bei denen die eine Person ein Downsyndrom hat.

Umfangreiches Rahmenprogramm. Bis 13. Mai. Begleitbuch, 8.50 Fr. www.zpk.org (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 20:06 Uhr

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