Annie Leibovitz’ Fotos sind popkulturelle Meilensteine

Jetzt zeigt die Fotokünstlerin in Zürich ihre Frauenporträts.

«Ich bin eine schlechte Regisseurin und hasse es, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen»: Starfotografin Annie Leibovitz gestern in Zürich. Foto: Raisa Durandi

«Ich bin eine schlechte Regisseurin und hasse es, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen»: Starfotografin Annie Leibovitz gestern in Zürich. Foto: Raisa Durandi

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Es war im September 2016, knapp eine Woche nachdem Serena Williams im US Open ausgeschieden und in der Weltrangliste auf den 2. Platz abgerutscht war. Aber die Show musste weitergehen, der Fototermin mit Annie Leibovitz stand. Es hatte furchtbar lange gedauert, bis sich alle drei – Leibovitz, Serena und ihre Schwester Venus – auf ein Datum geeinigt hatten. Also Haare gerichtet, Jacken ausgezogen, posiert.

«Ich wollte eigentlich ein ganz anderes Bild der beiden machen», erzählt ­Annie Leibovitz im Zürcher EWZ-Unterwerk Selnau, als sie ihre Wanderausstellung «Women: New Portraits» vorstellt, in der auch das Bild der Williams-Schwestern zu sehen ist: «Etwas Fröhlicheres, Dynamischeres. Aber Serena war total geknickt. Dass Venus sie in die Arme nahm, ergab sich ganz natürlich. Wer die beiden kennt, weiss, dass das ihre Beziehung ganz gut wiedergibt.»

Lennons letztes Bild

So funktioniert Annie Leibovitz. Wenn sie zu einem Shooting aufbricht, hat sie keine fixe Idee vom Bild, das entstehen soll. Sie hat sich zwar eingelesen in ihr Vis-à-vis oder, wenn es ein Filmstar ist, eingesehen. Sie hat, wie sie es nennt, «die Hausaufgaben gemacht». Aber dann lässt sie es laufen: «Ich bin keine gute Regisseurin und hasse es, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Ich mache ihnen einen Vorschlag und schaue, was sich daraus entwickelt.»

So auch bei John Lennon und Yoko Ono, im Dezember 1980. Eigentlich sollte Lennon allein aufs Cover des «Rolling Stone», aber er bestand darauf, dass Yoko mit aufs Bild kam. Leibovitz wollte «etwas Intimes» schiessen; also bat sie John, seine Kleider auszuziehen. «Yoko begann sich ebenfalls auszuziehen», erinnerte sich Leibovitz einst in einem Interview. «Aber ich sagte: ‹Nein, lass alles an, und legt euch auf den Boden.› John schmiegte sich wie ein Fötus an den Frauenkörper.» Auch hier: Leibovitz löste die Szene aus, der Rest passierte von alleine: «Ich drückte ab, und als wir die ersten Polaroids sahen, rief John: ‹Du hast unsere Beziehung auf den Punkt gebracht. Versprich mir, dass das aufs Cover kommt.› » Sie gab ihm die Hand drauf. Fünf Stunden später wurde Lennon erschossen.

Die neue Ausstellung von Annie Leibovitz in Zürich. Foto: Raisa Durandi

Das letzte professionelle Bild von John Lennon: Annie Leibovitz hatte eine Ikone geschaffen. Sie war gerade einmal 31 Jahre alt, hatte allerdings bereits eine Tournee mit den Rolling Stones hinter sich und eine Rehab, in dieser Reihenfolge. Heute, mit 67, sind es Dutzende von ikonischen Bildern mehr: Wer an Annie Leibovitz denkt, hat nicht das eine Bild im Kopf, sondern Bilder. Whoopi Goldberg in einer Badewanne voller Milch. Demi Moore, hochschwanger und mit nichts bekleidet als einem riesigen Diamantring. Miley Cyrus – Skandal! – mit nacktem Rücken; Amy Schumer für Pirelli, mit Speckröllchen am Bauch; Caitlyn Jenner im Schnürkorsett. Das sind nicht einfach nur Fotos, das sind popkulturelle Meilensteine.

Und dann steht sie plötzlich vor einem, Annie Leibovitz – und trägt unglaublich hässliche Schuhe. Schwarze Goretex-Schnürer, robust, atmungsaktiv, todbequem. Dazu schwarze Hose, schwarzes Hemd, das grau-blonde Haar wie immer leicht zerzaust. Müde sieht sie aus. Schliesslich ist Zürich schon die zehnte – und letzte – Station ihrer Wanderausstellung. Los gings mit «Women: New Portraits» vor einem Jahr in London; danach zog die Schau nach Tokio, Hongkong, Mexico City – und wuchs sukzessive. Das Doppelporträt von Venus und Serena zum Beispiel stiess erst beim vorletzten Stopp dazu, in New York, wo die Bilder in einem ehemaligen Frauengefängnis ausgestellt waren.

An Reissnägeln

Bewusst hatte man nach Ausstellungs­orten abseits des sterilen Kunstbetriebs gesucht. Mehr Dreck musste her. Erstens, weil Leibovitz für ihre Stammblätter «Vogue» und «Vanity Fair» auch High-End-Mode gern mal auf einer Baustelle inszeniert. Zweitens, weil die titelgebenden «Women» ihre Karrieren auch nicht zwischen Samt und Seide machen. ­Sheryl Sandberg regiert Facebook von einem nüchternen Office aus; US-Senatorin Elizabeth Warren verbringt den Grossteil ihrer Zeit in geradezu erschütternd reizlosen Sitzungszimmern.

Also hat Leibovitz sie genau da fotografiert. Und die Bilder dann mit Reissnägeln an die grosse Pinnwand gesteckt, die das Herzstück der Schau darstellt. Aung San Suu Kyi hängt da, Malala Yousafzai, Patti Smith. «Angela Merkel soll bald dazukommen», sagt Leibovitz, und man spürt: «Women» ist ein Herzensanliegen. In doppelter Hinsicht: Dass aus den Porträts «starker» Frauen, die Leibovitz im Lauf der Jahre gemacht hatte, 1999 ein Buch wurde, verdankt sich den Überredungskünsten von Susan Sontag, die bis zu ihrem Krebstod 2004 Leibovitz’ Partnerin war. Für ihren «Lover», wie Leibovitz sie heute noch nennt, griff sie das Projekt unlängst wieder auf.

«Als Frau darf man keine Angst haben, Frauen anzuschauen, denn was du da siehst, ist ein Teil von dir selbst.»Annie Leibovitz

Aber nicht nur. «Als Frau darf man keine Angst haben, Frauen anzuschauen», sagt sie, «denn was du da siehst, ist ein Teil von dir selbst.» Deswegen lässt sie den Vorwurf nicht gelten, mit ihren teils freizügigen Bildern den ewigen «Männerblick» auf den weiblichen Körper zu zementieren. Wenn, dann eignet sie ihn sich an und dreht ihn um, sodass aus Nacktheit Stärke wird. Das lernte sie schon früh, beim «Rolling Stone»: Weil sie sich nicht traute, ein sexy Bild von Carly Simon zu machen, übernahm ein Kollege. «Als ich die Abzüge sah, dachte ich: Das hätte ich besser gekonnt.» Danach lehnte sie nie wieder ein Frauenbild ab.

Im Gegenteil, sie hilft mit, es vielfältig zu gestalten. Am Wochenende lief Leibovitz, Nachfahrin osteuropäischer Einwanderer, zu Hause in New York am Women’s March mit. Mit ihren Töchtern, von denen zwei von einer Leihmutter geboren wurden.

«Women: New Portraits»: ab Samstag im EWZ-Unterwerk Selnau, Zürich. Bis 19. 2.

Erstellt: 27.01.2017, 06:54 Uhr

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