Die Kunst, dieses Krümelmonster

In einer ziemlich sensationellen Ausstellung in Genf stellt Urs Fischer ein Haus aus Brot hin, und darum herum lauern Scherz- und Schreckartikel der aktuellen Superkünstler.

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Was, wenn das Telefon klingelt? Je nachdem, wo man sich grade befindet, kann ein Gedüdel schampar unpassend sein, zum Beispiel in der Oper oder beim Vorstellungsgespräch –oder, Jesses!, gar an einer Beerdigung. Allein der Gedanke ans nicht auf lautlos geschaltete Handy in der Tasche beschert einem Schweissausbrüche. Man sitzt dann da und quält sich und kann sich doch nicht nach der Tasche bücken, um die potenzielle Zeitbombe zu entschärfen, weil man ein­gepfercht ist in den Konzertsaalsitz, ­vis-à-vis vom Chef in spe oder auf der ­Kirchenbank. Grauenvoll!

So betrachtet, hat die Riesenkerze, die auch Kunst ist – weil sie von Urs Fischer stammt, immerhin der 8.-wichtigste Künstler der Schweiz («Bilanz») und der 61.-teuerste weltweit («Artnet») –, diese Riesenkerze, die momentan im Musée d’Art et d’Histoire in Genf vor sich hin brennt und eben den Titel «What if the Phone Rings» trägt, durchaus etwas Albtraumhaftes an sich. Natürlich wärs kein richtiger Urs Fischer, wenn es sich dabei einfach um einen kommunen Wachszylinder handelte.

Vielmehr kommt «What if . . .» in Form einer nackten Dame daher, die aus Styropor geschnitzt zu sein scheint, ziemlich grob, ja geradezu unfertig, und schlampig bemalt obendrein. Der Docht in ihrem Kopf wird jeden Morgen von den Aufsehern angezündet, sodass die Schöne sich bis zum Ausstellungsende Mitte Juli in einen unförmigen Klumpen Wachsresten verwandelt haben wird.

Es macht einfach Spass

Aber das ist nun mal der Lauf der Dinge, wenn es nach Urs Fischer geht: Erst entsteht etwas, dann zerfällt es. Und der Zerfall ist, optimalerweise, «geil anzusehen», wie er es mal in einem seiner seltenen Interviews formuliert hat. Es gehe ihm weder um Vergänglichkeit noch um Angst, meinte er da, auch wenn die Leute immer dächten, seine Kerzen hätten mit dem Tod zu tun. Ihm macht es einfach Spass, Sachen abbrennen zu sehen. Und weil sich seine Kerzenobjekte mittlerweile zu, nun, Dauerbrennern entwickelt haben, hat er auch schon ­diverse seiner Sammler, sich selbst und, an der Venedig-Biennale, sogar Giambolognas Monumentalskulptur «Raub der Sabinerinnen» in Wachs nachgegossen und schmelzen lassen. Zuletzt waren im Januar (zu Vito Schnabels Galerieeröffnung in St. Moritz) Bruno Bischofberger samt Gattin dran. Diese soll sich beim Anzünden ihrer selbst zünftig die Finger verbrannt haben.

Welche struben Fantasien!

Jedenfalls: Fischers Kunst ist nicht nur schweineteuer, sondern auch lustvoll und drum er selbst ein gern gesehener Gast in der Kunstwelt. Die Gastgeber derweil, die müssen ihm schon das Wasser reichen können. Und so brauchte es eben die Schnabel/Bischofberger-Connection, um ihn aus seinem Atelier in Brooklyn endlich mal wieder in die Heimat zu locken, oder jetzt, für Genf: Dakis Joannou, den zypriotisch-griechischen Unternehmer und Kunstsüchtigen, der im Vorstand der Londoner Tate Modern ebenso mittut wie im Moca in L.A. und in der Guggenheim Foundation und im New Museum in New York.

In Letzterem bestritt Fischer vor ein paar Jahren seine erste Soloschau in den USA (nachzuschauen in «Urs Fischer», dem durchaus vergnüglichen Dokumentarfilm des Schweizer Regisseurs Iwan Schumacher), und zwar unter dem Kuratorium des späteren Biennale-di-Ve­nezia-Leiters Massimiliano Gioni. Nun ­haben sich Gioni und Fischer erneut zusammengetan: in Genf, wo Joannou vor 33 Jahren seine Deste Foundation für zeitgenössische Kunst gegründet und sich deshalb zum Schnapszahl-Geburtstag seines Babys die Ausstellung «Urs ­Fischer: faux amis» geleistet hat.

So viel zum personell-theoretischen Hintergrund der Schau, und nun also zurück zur Kunst beziehungsweise zu der langsam vor sich hin schmelzenden ­Kerzendame. Die steht ziemlich exakt im Zentrum der Ausstellung, wo sie – und das macht die Sache erst richtig prickelnd – namhaften Support bekommt: An der Wand hängt Cindy Sherman, in der Ecke gibt sich Robert Gober die Ehre, und Badboy Maurizio Cattelan sorgt für das Tüpfchen auf dem i.

Die Hauptrolle

Natürlich nicht persönlich, sondern in Form von Kunstwerken, die Kurator Gioni aus dem Sammlungsfundus von Gastgeber Joannou beziehen durfte. Dabei schlug er einen originellen Weg ein und besetzte Urs Fischer in der Hauptrolle, dessen rund 20 Arbeiten er mit etwa gleich vielen Werken anderer Künstler zu hübschen Arrangements kombinierte. Die Kerzendame brennt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Shermans fotografischem Selbstporträt als wächserne Totenmaske, was allein schon Assoziationsraum zuhauf bietet.

Doch Gioni stellt auch noch Robert Gobers «Corner Bed», ein ordentlich gemachtes Bett, in die Raumecke, wo es fröhlich zum Albträumen einlädt. Nicht auszudenken, welch strube Fantasien einem zuflögen, würde man sich wirklich dort hineinlegen, zumal im selben Raum auch noch Fischers Türattrappe in die Wand eingebaut wurde, wo sie nun einen hitchcockmässigen Spalt offen steht. Der erste Vogel hat es sich bereits drauf gemütlich gemacht: Maurizio ­Cattelans ausgestopfte Taube.

Alles ist ein bisschen zu viel

Das ist witzig, das ist ungewöhnlich, vor allem aber ist es ziemlich sensationell. Denn diese Ausstellung ist nichts weniger als ein Gipfeltreffen der teuersten Künstler der Welt: Cattelan, Gober, Sherman, Koons, dazu Paul McCarthy, Kiki Smith und Peter Fischli samt David Weiss selig. Schade, dass Joannou nicht auch Damien Hirst sammelt; der hätte nämlich wunderbar reingepasst in dieses Klassentreffen der Berufsqueru­lanten mit Vorliebe fürs Hingerotzte, Kitschige, Provokative.

Alles hier ist «a little too much», wie man es in Fischers Wahlheimat sagen würde. Das gilt besonders für das Paradestück der Ausstellung, Fischers «House of Bread», das genau das ist: ein kleines Haus, gebaut aus Brot. Entstanden ist es zwischen 2004 und 2006, ganz frisch ist es also nicht mehr; da fehlt mittlerweile so mancher Laib im Gebälk, und was noch vorhanden ist, ist wurmstichig und angegraut. Mit mulmigem Gefühl nimmt man Notiz von den rund um das Häuschen platzierten Ungezieferfallen. Und obwohl man der Verlockung, das Teil zu betreten, nicht widerstehen kann, ist man doch froh, wenn man den vollgekrümelten Raum hinter sich lassen kann.

Im Esel erkennt man sich

Dabei ist einem, als hörte man Fischer lachen. Als würden einem die versammelten Künstler im Chor zurufen: Du wolltest zeitgenössische Kunst – da hast du sie! Nur schon das ewige Rattern des Motörchens, das den Silikonabguss von Urs Fischers Schenkeln in wabbeliger Bewegung hält, ist eine Zumutung. Koons fummelt – als Marmorkopie seiner selbst – an den nackten Brüsten seiner Ex-Frau herum, des Pornostars Cicciolina; Cattelan setzt einen künstlichen Clochard in die Ecke; McCarthy lässt ein verkrüppeltes Bübchen durch den Raum hopsen. Das provoziert – zumal keines dieser Werke das Resultat mühseliger Stunden im Atelier ist. Jeder der hier ausgestellten Künstlerfürsten verfügt über einen Stab von Mitarbeitern, die im Akkord den schrägen Kopfgeburten ihres Chefs Form geben. Was dabei herauskommt, sind überdimensionierte Scherzartikel zu astronomischen Preisen, die sich jene aus den Händen reissen, die lieber auf bewährte Namen setzen, statt einen eigenen Geschmack zu riskieren.

Das wissen Fischer und Gioni und Joannou natürlich und spielen damit. Und der Besucher tut fröhlich mit: Indem er ein Ticket dafür kauft, lässt er sich willig vor den Karren des milliardenschweren Kunstbusiness spannen. Wer will, kann sich in Cattelans ausgestopftem Esel erkennen, der von einem überladenen Anhänger in die Höhe gelupft wird. Trotzdem ist das, was man vorgesetzt bekommt, vor allem eines: geil anzusehen.

Bis 17. Juli.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2016, 20:03 Uhr

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