Die Lust am Exaltierten

Johann Heinrich Füssli interessierte sich für die menschliche Mimik in Momenten der Anspannung. Das Kunstmuseum Basel zeigt den Maler nun als Liebhaber des dramatischen Auftritts.

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Grosse Gesten und theatralische Auftritte stehen im Zentrum von Johann Heinrich Füsslis Malerei, wie eine neue Ausstellung im Kunstmuseum Basel zeigt. Die Figuren des 1741 in Zürich geborenen Malers werfen sich gerne in übertriebene Posen. Die Lust am Extremen: weit aufgerissene oder meditativ geschlossene Augen. Die bis in die letzte Faser gespannten Körper und die ausdrucksstarken Gesichter werden von Füsslis Pinsel nicht selten in Momenten erfasst, in denen der Mensch die Kontrolle über sich verloren hat.

Füssli war ein Grenzgänger zwischen Klassizismus und Romantik. Manche nennen ihn den Stürmer und Dränger unter den Malern des späten 18. Jahrhunderts. Der Sohn eines Porträtmalers und Kunsthistorikers studierte in Zürich bei den grossen Aufklärern Johann Jacob Bodmer und Johann Jacob Breitinger. Früh wurde er zu einem ausgewiesenen Kenner der deutschen und englischen Literatur.

Nachdem er gemeinsam mit seinen Freunden Johann Caspar Lavater und Felix Hess eine Anklageschrift gegen einen korrupten Landvogt in der Zürcher Landschaft verfasst hatte, musste er die Stadt verlassen. Seine Malerkarriere machte der Autodidakt in London, wo er sich zuerst 1763 niederliess. Nach fast einem Jahrzehnt in Rom kehrte er im Jahr 1779 nach London zurück und wurde zum gefeierten Künstler. Er starb 1825 im Alter von 84 Jahren.

In einem seiner Aphorismen über die Kunst schreibt er: «Wer das Erhabene will, richtet sich nach den Typen, in welche die Physiognomik die Charaktere einteilt, nicht nach der Anatomie der Individuen.» Noch klarer wird das Gemeinte in folgendem Zitat: «Der Mensch, den eine masslose Leidenschaft erfasst, sei es Freude oder Trauer, Hoffnung oder Verzweiflung, verliert den eigenen individuellen Charakterausdruck und wird von der Kraft des auf ihn wirkenden Affekts absorbiert.»

Sind wir nicht alle gleich im Moment des grossen Schreckens oder der riesigen Freude? Zeigen unsere Gesichter nicht die nämlichen Züge im Angesicht des Todes oder in der Hoffnung auf ein ersehntes Geschenk? Jedenfalls werden jene, die in der Basler Ausstellung auf der Suche nach individuellen Charakteren und naturalistischer Porträtmalerei sind, enttäuscht. Denn Füssli interessiert nicht nur das Theatralische, sondern auch das Gleichartige, in das die menschliche Mimik im Moment grösster Anspannung kippt.

Ob Ariadne, Titania oder Eva, ob Theseus, Oberon oder Adam, ob Julia, Gertrud und das ganze Personal auf seinen Bildern, das er in der antiken Mythologie, in mittelalterlichen Sagen oder in den Werken von Milton und Shakespeare findet – Füsslis Figuren sind typisiert und sehen sich überraschend ähnlich. Sie schmachten und sehnen, sie kämpfen und sterben, sie dehnen sich gen Himmel und fallen einander liebend oder sterbend in die Arme.

Schier unendliche Bildideen

Das Reservoir an Bildideen, aus dem dieser hoch gebildete Maler und Literaturkenner schöpfte, ist schier unendlich. Auch wenn es Füssli zeitlebens ablehnte, eine Malerausbildung zu absolvieren, gelingen ihm immer wieder atemberaubende Gemälde. Es gibt in der Ausstellung aber auch Halbfertiges zu sehen, das nur oberflächlich durchgearbeitet wurde. Offensichtlich hat der Kunstprofessor an der Londoner Royal Academy of Arts, die Füssli für sechs Jahre zu ihrem Verwalter («Keeper») wählte, die Inhalte und die formale Gestaltung seiner Gemälde höher gewichtet als die reine Malerei.

So haben die Restauratoren in Basel herausgefunden, dass Füssli seine Bilder oft auf noch nasse Untergründe gemalt hat, was mit ein Grund sei für die vielen Haarrisse, die sich netzartig durch seine Ölgemälde gefressen haben. Füsslis Zeitgenossen erzählten sich von seinem chaotischen Atelier mit vielen Kisten und Kästen, in dem der Meister auch ein bereits fertiggestelltes Bild nochmals von der Leinwand gerissen haben soll, um überstürzt ganz neu anzufangen.

In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass der Zustand vieler Gemälde in der Ausstellung zu wünschen übrig lässt. Die bei Füssli extremen Hell-dunkel-Kontraste haben, wie Caroline Rae im Katalog schreibt, oft damit zu tun, dass die Bilder von ihren Besitzern nur partiell aufgefrischt worden seien. Man habe sich auf das überaus hell wirkende Personal konzentriert und den Hintergrund vernachlässigt, sodass der frühere Reichtum einem monoton wirkenden Schwarz gewichen ist.

Das gilt aber nicht für ein so formidables Grossformat wie «Satan flieht, von Ithuriels Speer berührt» (1779). Das Gemälde, das eine Episode aus John Miltons «Paradise Lost» wiedergibt, zeigt Adam und Eva in liebender Umarmung auf einer Bettstatt aus lauter herbstlichen Blättern. Die Wächterengel Ithuriel und Zephon stürzen ins Zentrum des Bildes hinein, um den Teufel in letzter Sekunde mit aller Kraft an den Bildrand zu treiben.

Gerade eben – lesen wir in Miltons epischem Gedicht, das der Szene zugrunde liegt – machte der Satan sich in Form einer Kröte an Evas Ohr zu schaffen, um ihr Gift einzuträufeln. Es sollte ihrer erotischen Einbildung auf die Sprünge helfen. Doch schon kommen die göttlichen Wächterengel angebraust, und Füssli erfasst just jenen dramatischen Moment, in dem der eben noch Kröte gewesene Satan, zu männlich-heldischer Grösse verwandelt, nun mit Schild und Speer bewaffnet und mit vor Schrecken geweiteten Augen, in die Flucht geschlagen wird.

Die Ausstellung «Füssli, Drama und Theater» ist im Unterschied zu jener im Kunsthaus Zürich, die im Jahre 2005 unter dem Titel «The Wild Swiss» stattgefunden hat, nicht eine umfassende Retrospektive. In Basel beschäftigt man sich prioritär mit Füsslis wichtigsten Inspirationsquellen, der Literatur und dem Theater. Auch der Horror-Maler mit seinen «Gothic Nightmares», dem sich die Tate Britain 2006 widmete, bleibt diesmal fast gänzlich ausgeklammert. Nur im letzten Raum der Ausstellung findet man den berühmten und immer wieder beunruhigend unheimlichen «Nachtmahr», der sich im Besitz der Basler Sammlerin Ulla Dreyfus befindet.

Die von Eva Reifert kuratierte Ausstellung folgt nicht der Chronologie, sondern den grossen literarischen Themenkreisen, die sich in Füsslis Schaffen ausmachen lassen: Auf eine Gruppe von Bildern, die antike Stoffe behandeln, folgt ein Saal mit Gemälden zu mittelalterlichen Sagen und einer zu solchen mit Themen aus der neuzeitlichen Literatur. Die Schau gipfelt in zwei grossen Sälen mit Motiven aus Shakespeares Theater und einem zu Füsslis Auseinandersetzung mit John Milton und seinem «Paradise Lost».

«Shakespeare der Leinwand»

Besonders interessant ist Füsslis Umgang mit Shakespeare. Der Maler war nicht nur ein eifriger Theatergänger, der die Shakespeare-Renaissance im 18. Jahrhundert in London hautnah erlebte. Er wurde geradezu als «Shakespeare der Leinwand» bezeichnet. So begnügte sich Füssli in seinen Shakespeare-Gemälden nicht damit, Theaterszenen dokumentarisch zu malen, vielmehr ergänzte er das von Shakespeare Geschilderte und auf dem Theater Gespielte mit dramatischen Details und narrativen Weiterungen, die ihm dank seiner umfassenden Kenntnis mittelalterlicher Mythen und Feenmärchen bestens bekannt waren. Mitunter hat er seine Szenen aber auch frei erfunden.

So zeigt er etwa in «Ariadne beobachtet Theseus im Kampf mit dem Minotauros» (1815–1820) eine Begebenheit, wie sie in den antiken Sagen nirgends belegt ist: Die Tochter des kretischen Königs lehnt über ein Treppengeländer wie eine Turnerin am Reck, um Theseus beim Niederringen des Minotauros zuzuschauen. Dabei streckt sie den rechten Arm weit ins Bild hinein, wie wenn sie den auf den Stier einhauenden Helden nachahmen wollte.

Es sind solch lustvoll exaltierte Szenen, die Kuratorin Eva Reifert dazu bewogen haben, den Theaterregisseur Thom Luz mit ins Boot zu holen. Luz hat sich mit Mitgliedern des Basler Schauspielensembles mit den theaterhaften Posen von Füsslis Figuren auseinandergesetzt und zeigt nun das nicht nur unterhaltsame, sondern in höchstem Masse auch ansteckende Ergebnis als Videoinstallation mit vier Projektoren.

Es würde uns gar nicht wun-dern, wenn die Besucher der Ausstellung die schauspielerischen Imitationen von Johann Heinrich Füsslis Bewegungsmustern plötzlich nachahmten.

Füssli, Drama und Theater,Kunstmuseum Basel,bis 10. Februar 2019.

(Erstellt: 18.10.2018, 18:17 Uhr)

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