«Die Menschen leiden»

Fotograf Jean Revillard dokumentiert elektrosensible Leute, die sich in die Wildnis zurückgezogen haben.

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Herr Revillard, mit Ihrem Projekt «Ondes» gehen Sie ein umstrittenes Thema an. Die Symptome elektrosensibler Leute sind diffus, und über ihre Ursache besteht kein Konsens.
Die Symptome sind echt, die Menschen leiden. Es stimmt, bis heute konnte noch kein Zusammenhang zwischen elektromagnetischer Strahlung und gesundheitlichen Beschwerden nachgewiesen werden. Ich bin zwar kein Wissenschaftler, bin aber davon überzeugt, dass diese Leute die elektronischen Wellen und den Schmerz fühlen. Als ich meinen Autoschlüssel einmal im Wald von Drôme verlor, konnten die Leute ihn sofort finden. Sie sagten, sie spürten die Wellen der Batterie. Ich habe meine Sujets auch ausserhalb dieses Lagers erlebt – das waren andere Menschen: Einige atmen schnell, zittern oder sind nervös, wenn sie mehrere Stunden elektromagnetischen Wellen ausgesetzt sind. Grössere Beschwerden sind aber erst auf Dauer feststellbar.

Wie sind Sie auf diese Gemeinschaft in Drôme aufmerksam geworden?
Ich arbeitete an einem Projekt über die Alpen: Von Nizza bis nach Slowenien suchte ich nach isolierten Gemeinschaften, die eine eigene religiöse Bewegung starten, nach der Survival- und UFO-Szene oder einfach nach Leuten, die einen völlig anderen, abgeschotteten Lebensstil pflegen. Gemeinschaften, die alle auf ihre eigene Art verrückt sind. Als ich auf die elektrosensiblen Leute stiess, stellte ich fest: Die sind nicht irre, die leiden tatsächlich unter den elektromagnetischen Wellen. Das Alpenprojekt legte ich auf Eis, weil ich die Absonderlichkeiten der anderen nicht mit diesen Leuten gleichsetzen wollte.

Wie leben die Elektrosensiblen, die Sie fotografiert haben?
Die Situation sieht je nach Jahreszeit anders aus. Darum führen diese Leute auch ein nomadenartiges Leben. Im Sommer leben sie in Zelten, in den kalten Wintermonaten im Wohnwagen – natürlich immer ohne elektronische Geräte. Einige von ihnen können wenige Stunden problemlos elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sein, mit der Zeit wird es dann aber problematisch. Es gibt viele Leute, die Beschwerden wegen der Strahlung haben, so extrem wie bei meinen Subjekten kommt das aber sehr selten vor.

Wie viele Leute leben in diesem Reduit in Drôme?
Es sind etwa zwölf. Zusammen mit Gemeinschaften in den Alpes-Maritimes sind es rund 50 Leute, die betroffen sind.

Für Ihr Projekt «Jungle» haben Sie Flüchtlingsunterkünfte im Wald fotografiert, ohne die Gesichter der Bewohner zu zeigen. Warum arbeiten Sie in «Ondes» auch mit Porträts?
In «Jungle» wollte ich nur die Wohnbedingungen der Immigranten zeigen, damit sich der Zuschauer angesprochen fühlt. Auch in Ondes spielt der Wohnraum eine Rolle, aber im Fokus stehen der Mensch und seine Situation. Da elektromagnetische Hypersensitivität die Leute dazu zwingt, sich dermassen zu isolieren, sollen der Leidende und seine Umgebung die Geschichte erzählen.

Wie fühlt sich diese gesellschaftliche Ausgrenzung für die Betroffenen an?
Die meisten Menschen, die ich kennen gelernt habe, sind sehr sozial und hatten tolle Jobs in der Stadt. Sie wollen dieses abgeschottete Leben nicht, können aber nicht anders. Sie sind gezwungen, sich zu isolieren, und haben ein schwieriges Leben.

Welche Reaktion erwarten Sie auf «Ondes»?
Ich möchte ein Bewusstsein für diese Leute und ihr Leid schaffen. Sie sollten sich nicht abschotten müssen. Im Gegenteil: Sie müssen Teil unserer Gesellschaft bleiben, sodass wir uns diesem Phänomen annähern können. Der Staat müsste Orte gewährleisten, die frei sind von Elektromagnetik, sodass sich auch die Wissenschaft intensiver damit befassen kann. Ich persönlich reagiere nicht auf elektromagnetische Wellen und bin auch nicht vorsichtig im Umgang mit WLAN oder Ähnlichem. Trotzdem: Nur weil die Mehrheit nicht sensibel darauf reagiert, heisst das nicht, dass es nicht schädlich sein kann. «Ondes» soll zeigen, dass Menschen mit elektromagnetischer Hypersensitivität heute noch Gefangene sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.12.2015, 09:36 Uhr

Elektrosensible Leute müssen auf vieles verzichten, was zu unserem modernen Leben gehört. Sie fürchten Mobiltelefone, Drahtnetzwerke und Antennen und leiden unter Schwindel, Schmerzen, Konzentrationsausfällen oder Herz-Kreislauf-Störungen, wenn sie elektromagnetischen Wellen ausgesetzt sind. Der Schweizer Fotoreporter Jean Revillard hat für sein Projekt «Ondes» (Wellen) ein abgelegenes Tal des französischen Départments Drôme im Südosten von Frankreich besucht und Betroffene dokumentiert, die dort in einer kleinen, abgeschirmten Gemeinschaft leben.

Seine Bilder sind Teil der «i.ch»-Ausstellung im Vögele Kultur Zentrum. (Foto: Pascale Weber Photography)

Die Ausstellung «i.ch_wie online leben uns verändert» läuft bis zum 20. März 2016 im Vögele Kultur Zentrum, Pfäffikon ZH.

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