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Die Opfer des chinesischen Aufschwungs

Andreas Seibert fotografiert seit 2002 Wanderarbeiter in China – und gibt damit jenen ein Gesicht, für die die chinesische Sprache nicht einmal Worte hat.

Offiziell gibt es sie nicht: die Wanderarbeiter.
Offiziell gibt es sie nicht: die Wanderarbeiter.
Andreas Seibert

Viele Zahlen aus der Wirtschaft kann man sich schlicht nicht mehr vorstellen. So auch diese: Rund 200 Millionen ehemalige Bauern verdingen sich heute in China als «migrant rural workers», als ländliche Wanderarbeiter. Die englische Bezeichnung ist beschönigend, denn von ihrer bäuerlichen Tätigkeit wie auch vom Land haben sich diese Menschen längst entfernt. Immerhin hat diese Gruppe Entwurzelter auf Englisch wenigstens einen Namen. Im Chinesischen ist das anders, weil nicht sein kann, was leider sein darf. Es gibt dort immer noch kein verfassungsmässiges Recht auf freie Wohnsitzwahl und Niederlassung.

Sie rackern sich in den Städten, auf den zahlreichen Grossbaustellen des Landes oder in den für ihre katastrophalen, oft krankmachenden Arbeitsbedingungen bekannten Fabriken und Minen für einen Hungerlohn ab. Sie schultern die Hauptlast der rasanten chinesischen Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre. Dennoch ist ihre Identität prekär – mit allen Folgen, die dies für ihre Existenz oder etwa die Ausbildung ihrer Kinder hat.

Geschätzt, aber nur auf dem Papier

Fast automatisch kommt einem das Proletariat des 19. Jahrhunderts in Europa in den Sinn, das in Kohlegruben und an Webstühlen die Grundlage für die industrielle Revolution legte (und auch für die entsprechenden sozialen Revolten, aus denen der Kommunismus hervorging), und man denkt an die Sklavenhaltung. Allerdings hinken solche Vergleiche; denn die chinesischen Wanderarbeiter rekrutieren sich, Ironie und Treppenwitz der Geschichte, aus einer Bevölkerungsgruppe, die im kommunistischen Staat besonders hoch geschätzt wurde.

Nur war diese Wertschätzung zu Maos Zeiten vor allem ideologischer Natur. In Wirklichkeit sind die oft verarmten chinesischen Bauern in einer schwierigen Situation: Sie bilden seit Jahrzehnten das Arbeiter-Reservoir, auf das die chinesische Wirtschaft nach Bedarf zurückgreift. Dieser Bedarf hat sich seit 1992, als die Regierung Deng Xiaopings eine neue Wirtschaftsdoktrin ausrief, extrem erhöht (1984 gab es erst rund 2 Millionen bäuerliche Wanderarbeiter). Aber die Hoffnung, am Aufschwung durch Abwanderung in die sich rascher entwickelnden Städte teilhaben zu können, wird oft betrogen.

Diese und weitere Hintergrundinformationen entnimmt man einem hoch interessanten Einleitungstext, den Chen Guidi und Wu Chuntao für die grosse, überaus eindrückliche Fotoreportage «From Somewhere to Nowhere» des Schweizer Fotografen Andreas Seibert verfasst haben. Guidi und Chuntao sind ein schon mit höchsten chinesischen Preisen und internationalen Auszeichnungen wie dem «Lettre Ulysses Award» gewürdigtes Schriftsteller-Paar, das sich seit Jahren mit durchweg heiklen Themen rund um die rasante Veränderung der chinesischen Wirtschaft und Gesellschaft befasst.

Die Tatsache, dass sie in China leben und ausgezeichnet werden, spricht wiederum für die Bereitschaft der chinesischen Regierung, sich mit den bedrohlichen eigenen Problemen auseinanderzusetzen, auch wenn sich dann im Alltag regelmässig zeigt, dass sie «von oben» nicht direkt gelöst werden können.

Keine Fälle, sondern Individuen

Andreas Seibert, der 1970 in Wettingen geboren ist, hat die Fotoklasse an der damaligen Zürcher Schule für Gestaltung besuchte und zog 1997 als freier Fotograf mit seiner Frau, einer Grafikdesignerin, nach Tokio. Er war von 2001 bis 2004 Mitglied der inzwischen aufgelösten Zürcher Fotoagentur «Lookat», in der sich Fotografen zusammengetan hatten, die sich der engagierten Reportagefotografie verpflichtet fühlten, und arbeitet für internationale Publikationen wie «Geo», NZZ, «Newsweek», «Time Magazine».

Auf das Wanderarbeiter-Thema ist er bei Recherchen gestossen, als sein Kollege Daniel Schwartz im Auftrag der Deza das 2002 realisierte Ausstellungs- und Buch- projekt «Geschichten von der Globalisierung» koordinierte und ihn einlud, eine Reportage aus dem Perlflussdelta in der Provinz Guangdong beizusteuern. Andreas Seibert hat das Thema seither auf mehreren Reisen in diese Region, die am Abstand die meisten Wanderarbeiter verzeichnet, weiter verfolgt. Seine Fotografien zeichnen sich insbesondere durch ihre Anteilnahme am einzelnen Schicksal aus. Seibert lichtet nie «Fälle» oder x-beliebige Repräsentanten einer Gruppe, sondern immer Individuen ab (die er oft über einen längeren Zeitraum begleitet hat und deren Geschichte er in den Legenden skizziert).

Seibert lässt sich tief ein – und berichtet im Gespräch auch, wie er im Kontakt mit den Wanderarbeiterinnen und -arbeitern auf gute und sensible Übersetzer angewiesen ist. Oft entstehen heikle Situationen – denn Arbeiter wie Arbeitgeber möchten möglichst kein Aufsehen erregen. Dabei zeigt Seibert längst nicht nur die Misere oder nur geduckte Menschen: Es gibt bei ihm durchaus auch lachende Gesichter, die Zähigkeit und Willensstärke vermuten lassen. «Die Bilder und die Kommentare sollen für sich sprechen, ich will nicht moralisieren», beschreibt der Fotograf sein Anliegen.

Visuelles Understatement

Für seine Aufnahmen, deren Qualität sich unter anderem in der Wachsamkeit für kleine, aber aussagekräftige Details und im Blick für atmosphärisch stark aufgeladene, manchmal lapidare, manchmal fast theatralische Situationen zeigt, hat Seibert zusammen mit Lars Müller vom gleichnamigen Verlag eine adäquate Präsentationsform gefunden. Das Buch ist daher kein repräsentatives «Coffee-Table»-Format, sondern eine Art chronologischer Bilderatlas von Andreas Seiberts Reisen nach China. Es ist ein Lesebuch, das auf Hochglanzdruck und effekthascherische Ästhetik ebenso wie auf simplistische Interpretationen verzichtet.

Manchmal mag man das daraus ableitbare visuelle Understatement fast bedauern, vor allem dann, wenn Querformate vom Falz beeinträchtigt werden oder ausdrucksstarke Bilder doch arg klein erscheinen. Aber angesichts der heutigen Tendenz, auch schwachbrüstiges Bildmaterial aufzublasen und «kunstig» zu machen, spricht es von einer Haltung, die dem Thema angemessen ist. Wer etwas von China jenseits der gängigen Klischees wissen will, findet hier ergiebigen Stoff zum Betrachten und Nachdenken.

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