Die «Werkstatt Gurlitt» wird bald eröffnet

Die ersten Bilder aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt sind in Bern eingetroffen.

«Melancholisches Mädchen» (1922) von Ernst Ludwig Kirchner. Foto: PD

«Melancholisches Mädchen» (1922) von Ernst Ludwig Kirchner. Foto: PD

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«Wir sind froh und erleichtert, dass wir endlich erste Werke in Empfang nehmen konnten», verkündet Nina Zimmer strahlend vor zahlreichen Medienvertretern. Die Direktorin von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee kann erstmals Werke der Gurlitt-Sammlung präsentieren. Die erste Lieferung umfasst rund 150 Werke; insgesamt werden in den nächsten Wochen 500 Arbeiten in Bern erwartet. Zu den ausgewählten Werken «entarteter Kunst» zählen Arbeiten von Künstlern des Expressionismus wie Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, August Macke und Otto Mueller sowie von Otto Dix, einem Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Es handelt sich um Druckgrafiken, Holzschnitte, Aquarelle und Gouachen.

Eingetroffen sind die Bilder aus dem Kunstfund Gurlitt eine Woche später als erwartet. Die Bilder waren vergangene Woche wegen Schwierigkeiten beim Zoll hängen geblieben. Nach Bern kommen vor allem Papierarbeiten und nur wenige Gemälde. Das habe mancherorts Enttäuschung ausgelöst, sagt Nina Zimmer: «Zu Unrecht. Die Wahrheit liegt wie oft in der Mitte. Es hat eine ganze Reihe von qualitätvollen Arbeiten auf Papier, die sich bestens in unsere Sammlung moderner Kunst einfügen.»

Rund 200 Kunstwerke aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt werden ab dem 1. November 2017 im Rahmen der Ausstellung «Bestandesaufnahme Gurlitt. Entartete Kunst – Beschlagnahmt und verkauft» gezeigt. Die Ausstellung will kunsthistorische und historische Sichtweisen zu einer vielschichtigen Präsentation verbinden. In einem Prolog der Ausstellung wird das weltweite Echo auf den «Schwabinger Kunstfund» thematisiert, ausserdem werden Werke der beiden Künstler der Gurlitt-Familie gezeigt: vom Landschaftsmaler Louis Gurlitt und der expressionistischen Künstlerin Cornelia Gurlitt.

Werke unter Raubverdacht

Das letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich dem heutigen Umgang mit den teils ungeklärten Provenienzen. Anhand ausgewählter Werke und Archivalien aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt soll die Praxis der Provenienzforschung anschaulich vermittelt werden. Der Raum ist als Archiv mit ausgewählten Fallstudien konzipiert.

Dazu startet in Bonn am 2. November unter dem Titel «Der NS-Kunstraub und die Folgen» eine weitere Ausstellung, die sich auf die Darstellung des nationalsozialistischen Kunstraubs konzentriert und Werke ausstellt, die unter Raubverdacht stehen. Die Werke mit verdächtiger Provenienz verbleiben im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland. Eine internationale Forschergruppe arbeitet derzeit in Berlin weiter an der Aufklärung der Herkunft der Werke. Die beiden Ausstellungen in Bonn und Bern werden anschliessend getauscht.

Im Vorfeld der Berner Ausstellung werden die Bilder in einem eigens eingerichteten Restaurierungsatelier untersucht. Nathalie Bäschlin, leitende Restauratorin im Kunstmuseum Bern, hat sich im Vorfeld vor Ort einen Überblick verschafft über den Zustand der rund 500 Werke, die voraussichtlich nach Bern kommen. «Hoffnungslose Patienten hat es keine darunter», stellt sie fest. «Es gibt Schäden, mit denen wir es regelmässig zu tun haben, Risse, strukturelle Schäden oder Verstaubungen.» Die Besucher können diese Arbeiten ab dem 18. August auf geführten Rundgängen in der «Werkstatt Gurlitt» hautnah miterleben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2017, 19:27 Uhr

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