Die zeigten ihre Schamkapsel!

Das Zürcher Kunsthaus zeigt mit «Fashion Drive – Extreme Mode in der Kunst» grandios, inwiefern Mode immer eine Botschaft vermittelte, wer sich das zunutze machte und wieso sie irgendwann zur Frauensache wurde.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dass man es in der Schweiz nicht so mit der Mode hat, dass sie oft schmallippig als trivial abgetan wird, als Flitter auch, kommt nicht von ungefähr. Da hallt bis heute nach, dass Zürich, Basel und Luzern einst eigens Kleiderverordnungen erliessen, in denen verschwenderische «Alamodereien» verboten wurden. Luxus war im 17. und 18. Jahrhundert verpönt, und Mode galt als Firlefanz, der das Volk von einem gottesfürchtigen ­Leben abhält. Ein besonderer Dorn im Auge waren der Obrigkeit deshalb die Franzosen mit ihrem so ausgeprägten wie prägenden Flair für «la mode»: ­Geradezu sittengefährdend sei diese, befand man, und nannte die Freude an Kleidern ein «Landes-verderbliches Haupt-Übel». Dafür, dass Mode Tand sein soll, konnte sie die Gemüter verblüffend ­erhitzen.

Gelebte Kultur

Die Ausstellung «Fashion Drive – Extreme Mode in der Kunst», die heute im Zürcher Kunsthaus eröffnet wird, zeigt in einer so schwung- wie lustvollen Tour d’Horizon auf, wie viel mehr die Mode stets war als blosse Kleidung. Wie sie immer eine nonverbale Botschaft vermittelte, wie sie gezielt eingesetzt wurde just für diesen Zweck. Manchmal subtil, manchmal weniger, aber immer unübersehbar. Und wie sie gleichzeitig Grenzen setzte und als Zugehörigkeitsmerkmal bestimmter Klassen, Gruppen oder Berufe diente. Das tut sie, den weggefallenen Vorschriften und dem gepriesenen Individualismus zum Trotz bis heute.

Mode, das macht «Fashion Drive» deutlich, ist mitnichten Firlefanz. Sondern ein Kulturgut, gelebte Kultur auch, weil Mode das ist, was man täglich auf der Strasse sieht. Sie widerspiegelt ­gesellschaftliche Veränderungen oder kann diese anstossen. Sie nimmt auf, was in der Luft liegt, und setzt den Zeitgeist textil um. Abgesehen davon ist sie Big Business: In Grossbritannien sorgt sie für knapp 900 000 Jobs, in Italien ist sie der zweitwichtigste Industriesektor des Landes, in Frankreich trägt sie mit 150 Milliarden Euro Umsatz jährlich fast viermal mehr zur Volkswirtschaft bei als die Autobranche. Von wegen Tand!

Zudem, das wird auch klar, war die Mode zunächst überhaupt kein weibliches Phänomen. Wie sich die Männer früher in Schale warfen, um sich porträtieren zu lassen! Wie sie mit stolz geschwellter Brust da standen und sich mehr Gravitas verleihen wollten mithilfe von edelstem Tuch! Wie sie sich herausputzten! Und wie sie dabei sehr ungeniert Anzügliches trugen. Zum Beispiel Hosen mit einer Schamkapsel: ein Beinkleid, das den Schritt, nun, wirklich sehr eindeutig in seiner Anatomie betonte. So sehr, dass der Blick zwangsläufig weg vom Gesicht hin zum Hosenlatz gelenkt wurde. So was sieht man heute nur noch an der Street Parade.

Gockel und Lackaffen

Oder die Macaroni aus dem 18. Jahrhundert. Jene Engländer, die nach ihren ausgedehnten Reisen durch Italien in die Heimat zurückkehrten und ganz neue Trends für die Männermode mitbrachten, mit Diamanten versehene Schnallenschuhe etwa oder weisse Seiden­hosen. Sie kultivierten die Mode leidenschaftlich. Die Macaroni waren die Vorläufer der Dandys. Und wurden, wie diese später ebenfalls, als Gockel und Lackaffen verspottet. Denn langsam machte sich das bemerkbar, was bis heute Bestand hat: Die weibliche Garderobe wurde vielseitiger, die der Herren eintöniger. Sie bestand bald nur noch aus einem dunklen Anzug oder einer Uniform. Zurückhaltend-seriös sollte der Eindruck sein, ganz entsprechend der Auffassung, wer sich – wie eben Männer – um so gewichtige und ernste Dinge wie Wirtschaft und Politik zu kümmern habe, könne sich nicht – und da haben wir es wieder – von Firlefanz ablenken lassen. Womit die Mode inoffiziell zur Frauensache erklärt worden war – und damit eine Abwertung erfuhr.

Dabei hatten sich die Frauen die Kleider ja genauso geschickt zunutze gemacht wie die Männer. Marie-Antoinette zum Beispiel. Sie hatte begriffen, dass, wenn Mode eine Botschaft hat, diese einen nicht nur schöner macht – man kann damit auch das Gegenteil vermitteln. Und so liess sie sich 1783 nicht wie gewohnt und entsprechend ihrem Status in einem üppigen Brokatgewand porträtieren, sondern in einem schlichten Baumwollhemd. Genauer: in einem schlichten und transparenten Baumwollhemd. Das Volk war geschockt; die damit transportierte Aussage «Ich bin eine von euch» war eine PR-Meisterleistung, vermochte dann aber doch nichts am Schicksal der Marie-Antoinette zu ändern.

Lady Shiva in Lederhosen

Die Ausstellung wäre natürlich nicht komplett ohne die Achtzigerjahre, dieses so oft als einzigen modischen Tiefpunkt verschrieene Jahrzehnt. «Fashion Drive» zeigt aber anstatt Rüeblihosen und Schulterpolster nicht nur grossartige Aufnahmen von Lady Shiva in Lederhosen auf einem ungemachten Bett, sondern auch die Anfänge der modernen Modefotografie: Die unvergess­lichen Bilder von Peter Lindbergh, der Christy Turlington, Linda Evangelista und Naomi Campbell in den Strassen von New York ablichtete. Dabei trugen sie übergrosse Männeranzüge, waren in Bewegung und strahlten ein umwerfendes Selbstbewusstsein aus. Das war spektakulär, das war frisch, das war ultramodern, und lanciert wurde mit diesen drei Amazonen auch gleich ein neuer Typus in der Mode: derjenige der Supermodels.

Und dann, fast ganz zum Schluss, sozusagen als krönender Abschluss, findet sich eine kurze Rede, eine Art Predigt. Es handelt sich um die wörtliche Wiedergabe dessen, was Meryl Streep als ­Miranda Priestly – deren Figur sehr unzweideutig US-«Vogue»-Chefredaktorin Anna Wintour zum Vorbild hatte – 2006 in «The Devil Wears Prada» ihrer Assistentin Anna um die Ohren haut.

Indem sie ihr erklärt, weshalb ihre Herablassung der Mode gegenüber völlig fehl am Platz sei, ihre demonstrative Ignoranz ebenso. Ihr anhand des blauen Pullis, den Andrea trägt, erklärt, wieso dieses Blau überhaupt im Angebot gewesen sei und weshalb sie sich ausgerechnet dafür entschieden habe: weil die Mode einen so viel grösseren Einfluss auf unser aller Leben habe, als wir uns das vorstellen könnten.

Die kurze Rede ist das Klügste, was je in einem Modefilm gesagt wurde, und schafft das Kunststück, in ein paar wenigen Worten zusammenzufassen, worum es in diesem oft miss- und unverstandenen Geschäft geht. Es ist ein tolles Schlussbouquet.

Und fasst «Fashion Drive» so vergnüglich wie treffend zusammen.

Bilder Werke aus der Ausstellung im Kunsthaus Zürich

kunsthaus.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 20.04.2018, 09:00 Uhr

Artikel zum Thema

Kleider machen Kunst

Gehört Mode ins Museum? Ja, findet das Kunsthaus und zeigt, wie eng Kunst und Mode verbunden sind. Mehr...

Mode kennt keine Moral

Analyse Es wird mehr Pelz getragen und weniger kontrolliert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Durchgestartet als alleinerziehende Mutter

Geldblog Sind Genossenschafts-Investitionen sicher?

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...