Diese wohlige Erschöpfung nach dem Töten

Das Bündner Kunstmuseum Chur zeigt die Jagd als Leidenschaft.

Denkfigur Wildnis: Das Bündner Kunstmuseum zeigt die Installation «Mobile Wilderness Unit» von Mark Dion. <nobr>Foto: PD</nobr>

Denkfigur Wildnis: Das Bündner Kunstmuseum zeigt die Installation «Mobile Wilderness Unit» von Mark Dion. Foto: PD

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Das zufriedene, leicht gerötete Gesicht und die entspannte Körperhaltung erzählen von einem erfüllten Tag. Die Jagd dürfte an den Kräften gezehrt haben. Sie wird aber wohl auch von Erfolg gekrönt gewesen sein. Darauf verweist das Perlhuhn, das sich am linken Bildrand befindet, fast etwas versteckt. Der französische Maler Louis Tocqué (1696–1772) platziert den königlichen Sekretär Pierre Simon Mirey sitzend, leicht nach links geneigt, samt Hund und Gewehr vor einem diagonal nach rechts oben strebenden Baum.

Damit ist ihm die Darstellung einer harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Natur ausgezeichnet gelungen. Der Jäger erfreut sich einer geradezu wohligen Erschöpfung. Seine freundlichen Augen suchen den Blick des Betrachters, man könnte fast sagen, dass der Maler den bourgeoisen Jäger in diesem meisterlichen Porträt in einem Zustand der Hingabe festhält.

Mirey war 1743, als das Gemälde entstand, für die Hypothekenverwaltung am Hofe von Louis XV. verantwortlich. Sein Vater hatte die Stellung als des Königs erster Weinhändler inne. Das mag die steile Karriere des Sohnes erklären, die, so kommt es einem jedenfalls vor, im Halali der königlichen Jagden ihre Vollendung fand.

Louis Tocqué, Portrait de Pierre Simon Mirey, Secrétaire du Roi, Conservateur des Hypothèques, 1743. Bild: Musée de la Chasse et de la Nature, Paris

Im europäischen Adel war die Jagd während Jahrhunderten ein alltägliches Vergnügen. Für viele Männer war es eine regelrechte Leidenschaft, in der man sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchte. So lesen wir auf einem kleinen Zettelchen in der Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur, dass Franz Joseph I., der letzte Kaiser aus dem Hause Habsburg, Zeit seines Lebens mehr als 30'000 Stück Wild erlegt haben soll. Je nach Quelle waren es noch viel mehr.

Graubünden selbst wies die adelige Jagdlust hingegen relativ früh schon in ihre Schranken. Seit 1526 gilt hier die freie Volksjagd. Und heute gibt es wohl keinen Schweizer Kanton, in dem die Jagd eine ähnlich hohe gesellschaftliche Bedeutung hat. Genügend Anlass für den nie um eine anregende Ausstellung verlegenen Stefan Kunz, Direktor des Kunstmuseums in Chur, die Jagd zum Thema seiner neuesten Ausstellung mit dem Titel «Passion» zu machen.

Weit ausgreifend und frei assoziierend kreist er das Thema ein. Kombiniert alt und neu. Werke aus der eigenen Sammlung treten in Dialog mit Leihgaben aus aller Welt. Manches kommt aus der Musée de la Chasse et de la Nature in Paris, wie etwa das am Anfang beschriebene Werk, das erst 2017 für die Sammlung des kleinen, aber feinen Hauses im Quartier Marais angekauft wurde. Anderes kommt aus der Sammlung des Fürsten zu Liechtenstein in Vaduz, die ebenfalls reichhaltige Bestände mit Jagdmotiven aufweist.

Gestörte Natur

Am Anfang steht ein mit Eitempera gemalter Waldweg des Schweizers Franz Gertsch aus dem Jahr 2013/14. Das Gemälde macht deutlich, dass die Jagd immer auch eine Störung der Natur bedeutet. Es macht auch deutlich, dass es hier trotz vieler historischer Perspektiven um eine Ausstellung geht, die immer wieder das Werk von zeitgenössischen Künstlern befragt.

So blafft uns nur wenige Meter neben dem Gertsch ein ausgestopfter Wolf an, der auf einem kleinen Anhänger samt zugehörigem Waldboden befestigt ist. Künstlicher geht es nicht, aber dieses Diorama von Mark Dion aus dem Jahr 2006 zeigt, dass Wildnis zu einer Denkfigur geworden ist, die man wie einen Wagen an jeder gerade passenden Stelle an- und abkoppeln kann.

«Waldweg», Franz Gertsch, 2013/14. Foto: Dominique Uldry

Womit wir bei dem Begleitbuch angelangt sind, das wie ein Katalog die Werke in der Ausstellung nochmals vor Augen führt und zusätzlich mit wunderbar anregenden Essays das Thema beleuchtet. Gegliedert ist das Buch entsprechend den Kapiteln der Ausstellung, sodass wir vom Glück im Freien und der Jagd nach dem Archaischen erfahren, aber auch von Mythen und Metaphern, von Eros und Thanatos, von der Bühne der Macht, den Jagdtrophäen und den Tieren, die zur Nature morte geworden sind.

Da begegnet man Paul Klee und Peter Paul Rubens, Robert Mapplethorpe und Balthasar Burckhard, Félix Vallotton und Gustave Courbet, Albrecht Dürer und Not Vital, der mit einem eisernen Hirschgeweih zur Stelle ist, auf dessen Enden der Ausdruck «Fuck you» zu lesen sind. Was fehlt, das ist Tizians grossartiges Gemälde «Diana und Actaeon», entstanden in den Jahren 1556–1559, das man nicht von der National Gallery in London ausleihen konnte. Auch wenn man für das Museum in Chur nicht jede Leihgabe bekommt, findet man nun dieses Bild immerhin im Begleitband.

Diana und der Hirsch

In der Ausstellung aber findet sich Pierre Klossowskis Skulpturengruppe «Diane & Actéon» aus dem Jahr 1990, die aus einer Kölner Privatsammlung ausgeliehen werden konnte. Klossowski gibt dem antiken Mythos vom Jäger, der die Jagdgöttin Diana entjungfern will und dabei von dieser in einen Hirsch verwandelt wird, der wiederum von den Hunden des Jägers aufgefressen wird, eine völlig neue Wendung: Sein zum Hirsch gewandelter Jäger wird von der nackten Jagdgöttin, die sich mit ihrem Hubertushut selbst als Jägerin zu erkennen gibt, zum Liebesspiel empfangen, während die Hunde gewissermassen als geil gewordene Natur das Geschehen interessiert verfolgen.

Und so kann man diese Ausstellung all jenen, die auf der Fahrt in die Sommerfrische der Bündner Berge noch eine bisschen Kunst auftanken wollen, nur empfehlen. So erfrischend, inspirierend, ja geradezu aufregend war ein Zwischenhalt in der Alpenstadt noch nie.

«Passion. Bilder von der Jagd», bis 27. Oktober.

Erstellt: 15.07.2019, 20:44 Uhr

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