Dreiphasenkunst von Roman Signer

Im Kunstmuseum St. Gallen lässt er nichts explodieren. Ist das noch typisch Signer? Allerdings.

Eine natürlichen Ordnung, die künstlich gestört wurde: «Blaues Fass: Schneise im Feld» (1999) in St. Gallen. Foto: Sebastian Stadler

Eine natürlichen Ordnung, die künstlich gestört wurde: «Blaues Fass: Schneise im Feld» (1999) in St. Gallen. Foto: Sebastian Stadler

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Die Meinungen sind ja längst gemacht. Roman Signer, das ist doch dieser Sprengkünstler aus der Ostschweiz, der immer irgendwo Raketen in den Boden steckt und abfeuert, der mit Kajaks oder Gummistiefeln Unfug anstellt und Farbkugeln in Kamine schmeisst oder auf freiem Feld Tonnen von weissem Papier in die Luft jagt. Ein Lausbub halt, der es zischen und knallen lässt und sich darüber freut und manchmal auf den Stockzähnen lachen.

Diese landläufige Ansicht ist nicht völlig falsch, aber sie ist auch nicht richtig, denn erstens ist Roman Signer ein Künstler von Weltruf, und zweitens sind seine Böllerskulpturen bloss ein Teil seiner Arbeit, sozusagen das Action­departement seiner Feld-, Wald- und Wiesenforschungen, etwa, wenn er in Gstaad ein Chalet auf Ski zu Tale donnern lässt oder wenn er mittels Verstärkern und Lautsprechern in eine isländische Idylle rausschnarcht.

Vorher, nachher, dazwischen

Jetzt ist der 80-Jährige zurück in St. Gallen, zurück an jenem Ort also, wohin er sich einst aus seinem Geburtsort Ap-penzell absetzte – was er in Kunst übersetzte, indem er 35 Tage lang einer brennenden Zündschnur folgte. Aber im Kunstmuseum St. Gallen lässt es sich schlecht zünden und knallen, und das ist ganz gut so, denn es führt einen ­zurück zur Essenz von Signers Kunst. Die besteht nicht nur aus Action, sondern handelt von Kräften und Elementen der Natur und wie sich diese mittels kleiner künstlerischer Eingriffe verändern lassen. Das bedeutet: Bei Signer gibt es immer ein Vorher, ein Nachher und ein Dazwischen in der Kunst. Bloss weiss man nie genau, welche der Phasen man zu sehen bekommt.

Roman Signer spricht im Rahmen der Ausstellung «Roman Signer - Spuren», am Freitag, 25. Mai 2018, im Kunstmuseum in St. Gallen. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

In der Ausstellung «Spuren» zeigt sich: Es geht vor allem ums Nachher, wobei man die erste Fährte erst erkennt, wenn man fast drauf tritt. Signer hat im Eingangsbereich des Kunstmuseums braunen Quarzsand auf die braunen Treppenstufen gestreut – und zwar so, dass die fortlaufenden Haufen eine Art Wegweiser in den ersten Stock markieren, wo Signers Werke ausgestellt sind. Das ist perfekte Eigenwerbung – unauffällig, aber 800 Kilogramm schwer. Und die Wahl des Materials ist kein Zufall: In der oberen Etage ist vieles aus Sand gemacht und besteht auch mal aus kleinen Kegeln am Boden, in die man ebenfalls treten könnte. Direktor und Kurator ­Roland Wäspe macht sich jedenfalls schon mal auf «einen Dauerjob gefasst», was die Reparaturarbeiten betrifft.

Also Handy weg, Augen auf und rein in den Oberlichtsaal, wo die beeindruckendste Skulptur steht. «Blaues Fass: Schneise im Feld» war Signers Beitrag für die Biennale in Venedig 1999. Es ist eine 28 Quadratmeter grosse Fläche voller aufrecht stehender Stäbe, in die der Künstler von einer Rampe herab eine Tonne rollen liess. Wir sehen dabei weder den Urzustand noch die Transformation. Die Action ist vorbei. Was bleibt, ist das Bild einer natürlichen Ordnung, die künstlich gestört wurde. Im Unterschied zur Erstinstallation in Venedig, wo das Werk nur als eine Art Laborunfall von aussen zu besichtigen war, steht man nun aber mitten im Raum und wähnt sich angesichts der beschienenen Stäbe wie vor einem Weizenfeld.

So ähnlich war das auch bei «Stehende Holzbalken». Doch Signer lässt dieses Feld, das er im schottischen Dundee 2015 mit dem Kippen eines von 250 Holzbalken dominosteinartig ver­änderte, in St. Gallen unberührt. Wir sind jetzt im Vorher der drei Phasen. Wobei der Durchgang fürs Publikum in diesem Saal so schmal ist, dass man an gut besuchten Museumstagen auch mal ein heftiges Poltern vernehmen dürfte, wenn jemand versehentlich einen Balken umstösst. Dass dies dem Fallensteller Signer ein Schmunzeln abringen wird, versteht sich.

Flatternde Papiere in Kassel

Zur Vorher-Phase gehören in St. Gallen auch frühe Skizzen – zum Beispiel jene Zeichnungen, die Signer für seine Aktion an der Documenta in Kassel 1987 ­angefertigt hatte. Der Künstler jagte dort 350 Stapel Papier mit ebenso vielen Sprengladungen in die Luft, was eine spektakuläre flatternde Papierwand ­ergab und Signer international bekannt machte. Weil er damals nicht gewusst habe, ob er tatsächlich alle Bewilligungen für die Sprengungen bekommen würde, habe er sich Alternativszenarien ausdenken müssen, sagt der Künstler rückblickend. Diese sind nun auf den Skizzen zu erkennen.

Bleibt die Frage: Wie steht es mit dem explosiven Dazwischen von Signers Dreiphasenkunst? Dieser Teil kommt bei «Spuren» nur indirekt zum Zug – und zwar in Form von Super-8-Filmen, die Signer in den Achtzigerjahren im damals geschlossenen St. Galler Kunstmuseum drehte. Da lässt er dann Sandsäulen aus übereinandergestapelten, boden­losen Eimern rinnen oder aber einen kleinen Wagen mit Zündraketenantrieb starten. Diese verwackelten Dokumente sind das Einzige, was an den Sprengkünstler erinnert, den man gemeinhin zu kennen glaubt.

Wobei Roman Signer selbst über die Bezeichnung Sprengkünstler nicht glücklich ist. In St. Gallen kann man jetzt sehen, weshalb das so ist. Und worin der eigentliche Clou seiner Kunst besteht.

«Spuren», Kunstmuseum St. Gallen, bis 12. August.

Erstellt: 28.05.2018, 23:02 Uhr

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