Ein einziger Albtraum

Das Zürcher Museum Rietberg widmet sich in einer eindringlichen Ausstellung allen möglichen Monstern und Dämonen.

Dämonen werden weltweit mit viel Kreativität dargestellt: Rostam tötet den Weissen Div. Ausschnitt aus einem Shähnämeh-Manuskript/Iran, Shiraz 1580–1590. Foto: PD

Dämonen werden weltweit mit viel Kreativität dargestellt: Rostam tötet den Weissen Div. Ausschnitt aus einem Shähnämeh-Manuskript/Iran, Shiraz 1580–1590. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die grösste Überraschung in der Ausstellung «Monster, Teufel und Dämonen» gibt es gleich zu Beginn: Obgleich Dämonen aus Persien, Japan, Indien und der Schweiz abgebildet sind, sehen sie sich alle erstaunlich ähnlich. Denn, ja: Die Dämonen sind Menschen. Grobschlächtige, grosse Gestalten, aus deren ungezähmten Köpfen wilde Hörner wachsen. Mit viel Fantasie haben Künstler im Iran, in Indien und Japan Furunkel, Krallen und Fangzähne zu Papier gebracht. In all der Unübersichtlichkeit machen Details den Unterschied: In Japan enden Füsse und Arme der Dämonen in drei Krallen, überall sonst auf der Welt sind fünf Krallen üblich.

Caroline Widmer, die im Museum Rietberg für indische Malerei zuständig ist, hat die Ausstellung gemeinsam mit Axel Langer (Persien) und Khanh Trinh (Japan) entworfen. Sie sagt: «Zunächst haben wir uns alle auf die Suche nach Dämonen in unseren Sammlungen gemacht. Dass es durch die Jahrhunderte und Kulturen so eine deutliche Ähnlichkeit gibt, ist uns erst nach und nach klar geworden.»

Gottheiten als Exorzisten

Ein erster kleiner Raum stellt die Dämonen vor: Indien im 15. Jahrhundert, Japan um 1813, ein unbekannter iranischer Künstler im späten 16. Jahrhundert. Chaos? Überhaupt nicht. Der Dämon Hiranyaksha ist in ein lebhaftes Gespräch mit seinem Vater Kasyapa verwickelt, beide kombinieren prächtige bunte Un­terhosen mit schwerem Goldschmuck.

Man bekommt langsam ein Gefühl für diese bunten, unordentlichen Wesen, stolz und furchterregend. Aussenseiter ohne Stilbewusstsein und Manieren, die Antithese zum kultivierten Menschen. Wie wohl ein heutiger Dämon aussehen würde? Fett und träge auf der Couch hingefläzt? Hyperaktiv oder hasserfüllt? Oder würde jedes politische Lager, jede Kultur ihren eigenen Teufel entwerfen, um am Schluss begeistert zuzusehen, wie der Gegenspieler geköpft wird?

Es gibt keine Dämonengeschichte, in der nicht gekämpft wird. Beim Monster unter dem Bett reicht es, das Licht anzuschalten. Nachschauen, Monster weg. Andere treten in den Nahkampf ein: Der Vatikan bildet bis heute Dämonenbezwinger aus. Meist geht es darum, miteinander zu beten, der gequälten Seele Ruhe zu schenken. Gelegentlich kommt auch stärkeres Geschütz zum Einsatz.

Unermüdlich weiter exorzieren

Die Geschichte der deutschen Studentin Anneliese Michel, die 1976 nach monatelanger Unterernährung und 67 Exorzismen völlig entkräftet verstarb, ist verfilmt worden. Eine Horrorvision auch, weil die Studentin in ihrem Hungerdelirium immer überzeugender wurde. In den letzten Wochen ihres Lebens war Michel, die vermutlich an Epilepsie litt, so von ihrem Leiden beherrscht, dass sie dem Albtraum der verzerrten, schreienden Fratze ziemlich nahe gekommen sein dürfte. Die Priester, überzeugt, den Dämon Luzifer sowie Wiedergänger von Nero, Judas, Hitler und einem früheren, ­sündigen Priester namens Valentin Fleischmann in ihrem ausgemergelten Gesicht zu erkennen, exorzierten unermüdlich weiter.

In den Fantasiegeschichten im Museum Rietberg haben die Dämonenbezwinger mehr Erfolg. In heroischen Schlachten überlisten und enthaupten sie Dämonen. Manche fliegen dabei gen Himmel oder können einen Deal mit einer Gottheit abschliessen, der ­ihnen eine ungefährliche Subexistenz ­er­möglicht.

In Japan und im Nahen Osten ziehen meist menschliche Helden in den Kampf mit den Bösewichten, in Indien müssen die Gottheiten die Menschen von ihren Dämonen befreien – ganz ähnlich wie im Katholizismus. Ein besonders fleissiger Dämonenjäger aus Japan ist gar zum Schutzpatron aller Knaben geworden. Ein Bild des unermüdlichen Shoki hängt in jedem Haus, in dem kleine Jungen ­aufwachsen. Ein Dämonen-Präventionsprogramm.

Am Ende ist der Dämon nicht mehr als eine Karikatur, überzeichnet, zum Totlachen freigegeben.

In der Schweiz hingegen sind es vor allem Fasnachtsmasken, die mit Hörnern und Zungen an Dämonen erinnern. Etwa «Roter Teufel», eine besonders schauderhafte Maske aus der Innerschweiz, 19. Jahrhundert. Geeignet, um den Winter zu vertreiben – und Kindern Folgsamkeit und Albträume beizubringen.

Wer heute hierzulande einen «Befreiungsdienst» wünscht, landet vermutlich bei Beat Schulthess, einem Offizier der Heilsarmee aus dem Zürcher Oberland. Er ist eine Mischform aus menschlichem Dämonenbezwinger und gläubigem Christ. Ein Guru, der selbst «durch die Kraft Jesu Christi» von «dämonischen Belastungen» befreit worden ist und nun das Vermächtnis weitergibt. Schulthess ist ein bekannter Dämonenkrieger. Immer wieder besuchen ihn Reporter, um ihn bei seiner ungewöhnlichen Arbeit zu beobachten.

Die Monster bei Tageslicht

So richtig seltsam scheint das niemand zu finden. Die Vorstellung, vom Geiste Luzifers besessen zu sein, klingt zwar nach Horrorfilm. Aber dass jeder Mensch mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat? Mit Ängsten, die so stark sind, dass sie einen über Monate und Jahre beherrschen? Mit Gedanken, die wie von einer dunklen Macht gesendet erscheinen?

Für viele ist das eine ziemlich reale, verzweifelte Situation. Jeden Freitag um 19 Uhr ist Beat Schulthess’ «Befreibar» für Besessene geöffnet, auch Häuser, in denen Dämonen leben, können befreit werden.

Ein bizarrer Traum

Die eindringliche Ausstellung im Museum Rietberg sieht sich als psychologische Reise. Nachdem die Dämonen vorgestellt und bezwungen wurden, betritt man einen dritten Raum. Die nächtlichen Albtraumgestalten sind zwar noch da, sehen aber bei Tageslicht auch ein bisschen seltsam aus. Dämonen sind in diesem Raum auch nur Menschen, auffallend hässliche, die dumm und ein bisschen entrückt verlorenen Schlachten hinterhertrauern, ungläubig nach ihrer abgeschlagenen Nase greifen – oder ganz alltägliche Dinge tun. Sie überbringen Botschaften, erledigen Hausarbeiten oder hängen gelangweilt herum.

Oder anders gesagt: Der Schrecken der Nacht ist vorüber. Es war ein bizarrer Traum, den man später gerne den Freunden erzählt. Ein wenig ausgeschmückt und ein wenig überinterpretiert zwar; es ist doch spannend, was so eine komische Gestalt alles bedeuten könnte. Am Ende ist der Dämon nicht mehr als eine Karikatur, ein überzeichnetes Ding, zum Totlachen freigegeben.

Bis 16. September (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2018, 20:09 Uhr

Artikel zum Thema

9 Jahre Haft für tödlichen Exorzismus an Tochter

In Wagenhausen TG hat ein Vater seine Tochter zu Tode getrampelt. Neben einer langen Freiheitsstrafe erwarten ihn Kosten von 80'000 Franken. Mehr...

Papst Franziskus: «Satan verdreht dir den Kopf»

Das katholische Oberhaupt warnt die Gläubigen in einem Fernsehinterview vor der Kontaktaufnahme mit dem Teufel. Satan sei das konkrete Böse. Mehr...

Ein Mann für die Groben

Polizisten, Exorzisten, Killer: Das Filmpodium feiert den Regisseur William Friedkin. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...