Ein Eremit taucht auf

Gus Van Sant besuchte im Fotomuseum Lausanne eine Ausstellung mit seinen Bildern und Videos. Sie liess den US-Regisseur merkwürdig unberührt.

Vergangenes interessiert ihn wenig: Regisseur Gus Van Sant. Foto: Carine Roth (realeyes.ch)

Vergangenes interessiert ihn wenig: Regisseur Gus Van Sant. Foto: Carine Roth (realeyes.ch)

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Gus Van Sant ist ein harter Brocken. Da steht der US-Regisseur mitten in einer ihm gewidmeten Ausstellung im Musée de l’Elysée, dem Fotografiemuseum in Lausanne, hat eine Menge erwartungsvoller Journalisten und Kunstexperten vor sich, und das Einzige, was ihm über die Lippen kommt, ist: «Danke, dass ihr gekommen seid!»

Der Mann hat ein feines Gespür für Ironie, denkt man sich. Da muss jetzt noch was kommen. Ein Irrtum. Van Sant schweigt und blickt teilnahmslos in die Runde. Es ist, als würde es in der Ausstellung um alle und alles gehen, nur nicht um ihn. Bevor es peinlich wird, löst sich die Versammlung auf. Und Gus Van Sant, der zur Eröffnung aus seiner Heimat Portland im US-Bundesstaat Oregon angereist ist, scheint wie ein Kunstobjekt in den Weiten seiner Schau zu verschwinden.

Besuch im Archivbunker

Die Ausstellung zeigt Fotografien, die Gus Van Sant von Sets oder Schauspielern gemacht hat, es gibt Musikvideos zu sehen sowie Collagen und Aquarelle. In Lausanne ist er gleich ein paar Tage geblieben, am zweiten Tag besucht der 65-Jährige nämlich noch die Cinémathèque, das Schweizer Filmarchiv. Da wird klar: Für tiefschürfende Analysen seines eigenen künstlerischen Schaffens ist er nicht zu haben.

In seinen Filmen geht ihm das Erzählerische leicht von der Hand. Seine Milieustudien sind facettenreich und subtil. Und auch seine Protagonisten – Aussenseiter, Einzelgänger, Hochbegabte, Stricher, Homosexuelle, Drogensüchtige, Weltverbesserer, jugendliche Massenmörder – sind stets mit Sorgfalt und Schärfe gezeichnet, auch wenn sie in den Dramen am Ende oft zu lässig und etwas gar rasch geläutert erscheinen.

Beim Rundgang in der Cinémathèque dauert es eine ganze Weile, bis Van Sant seine Teilnahmslosigkeit ablegt. Unter der Erdoberfläche wundert er sich über den kriegssicheren Bunker, der auch vor atomarer Strahlung schützen soll. Zu ­berühren scheint ihn, dass ein Archiv fern seiner Heimat sein filmisches Erbe mit derart viel Hingabe pflegt. Er signiert Filmplakate von «Paranoid Park», begutachtet verschiedene, farblich veränderte Versionen von «My Own Private Idaho» und amüsiert sich kindlich über die frisch angelieferte Originalpuppe, mit der der Schweizer Claude Barras seinen Animationsfilm «Ma vie de Courgette» gedreht hat.

Van Sant neben einem seiner Bilder im Musee de l'Elysee in Lausanne. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Als er die fröstelnde Atmosphäre der kahlen Bunkerwände der Cinémathèque hinter sich lässt, kommt Van Sant unter der wärmenden Herbstsonne plötzlich in Plauderlaune. Nichts erinnert mehr an den «Eremiten», als den er sich in einem Interview mit der «Zeit» beschrieb, und er gestand: «Manchmal wünschte ich, ich könnte mehr nach aussen gehen.»

Ist Gus van Sant, der in seinen Filmen stets gesellschaftliche Krisenzonen ausleuchtet und Fragen von Ausgrenzung und Widerstand verhandelt, angesichts der Realitäten in seiner Heimat nicht desillusioniert? Was lösen die sinnlosen Massaker, ein massiv gestiegener Drogenkonsum und die Wahl des unberechenbar und zynisch wirkenden US-Präsidenten Donald Trump in ihm aus?

Enttäuscht sei er, dass man der Umwelt nicht mehr Sorge trage, sagt Van Sant, als er über seinen Film «Promised Land» spricht, in dem es um den Abbau von Gasvorkommen in einer intakten Landschaft geht. Doch Van Sant gibt rasch zu verstehen, er sei kein Dogmatiker. Er habe nicht den Anspruch, mit seinen Filme derart viel Kraft und Einfluss zu entwickeln, dass sie die Realität zum Besseren verändern.

Einen Film über Trump lohne sich nicht, so Van Sant. Die Satiresendungen kümmerten sich darum. Für einen Film bleibe keinen Platz.

Und wie steht er zu Trump? «Trump war über seine Wahl genauso überrascht, wie ich es war», sagt Van Sant. «Die Russen halfen ihm.» Die chaotischen Verhältnisse in Russland würden sich nun in den USA fortsetzen. Die Strategie der Desinformation, die der republikanische Berater Karl Rove unter Ex-Präsident George W. Bush mit viel Raffinesse anwandte, sei heimisch geworden. Selbst Rove wundere sich heute, was daraus geworden sei.

Und den inzwischen gefeuerten Breitbart-Gründer Steven Bannon hält er für eine fast gemässigte Person im Vergleich zu anderen Trump-Beratern. Man solle sich besser mit Stephen Miller beschäftigen, so Van Sant. Miller habe Trumps Rede geschrieben, die er vor der UNO-Vollversammlung hielt. Nur ein Wahnsinniger wie Miller könne die Auslöschung einzelner Staaten fordern, wie Trump dies Nordkorea in Aussicht stelle. Aber wundern tue er sich über solche Typen keineswegs, sagt Van Sant. Er sei nur fünf Jahre jünger als Trump und habe Kerle wie ihn in New Yorker Bars zuhauf angetroffen. Typen von der Wallstreet, skrupellos und mit übermässig viel Selbstvertrauen ausgestattet.

Lässt er solche Figuren demnächst in einem Film auftreten? Van Sant sagt, er habe an einem Film über einen schwulen US-Präsidenten gearbeitet, der sich überall tummelt, nur nicht in Washington D.C. Doch das Projekt hat er beiseite­gelegt. Und einen Film über den aktuellen Präsidenten und seine Entourage lohne sich nicht. Alles ist der Aktualität verhaftet. Die Satiresendungen kümmern sich darum. Für einen Film bleibe keinen Platz, so Van Sant.

Kunst als Therapie

Wer mit dem Filmregisseur länger redet, realisiert: Er gehört zu jenen Personen, die in die Zukunft schauen. Vergangenes interessiert ihn wenig. Wenn es darum geht, seine Filme zu analysieren, macht er nicht mit. Für ihn zählt nur sein nächster Schritt. Vermutlich liess ihn auch darum die ihm gewidmete Ausstellung im Lausanner Fotomuseum so merkwürdig unberührt.

Dasselbe Muster zeigt sich, als Gus Van Sant im bis auf den letzten Platz gefüllten Lausanner Kino Capitole über sein Suchtdrama «Drugstore Cowboys» sprechen soll. Er hat den Film 1989 gedreht. In der Diskussion benötigt er eine lange Weile, bis er innere Barrieren überwindet und in seine eigene Biografie vordringt.

Mit ihm, dem Hollywoodaussenseiter und begnadeten Independentfilmemacher, ist auch in Zukunft zu rechnen. Sein neuster Film «Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot» handelt von John Callahan, einem jungen Menschen mit einem Alkoholproblem, der nach einem Unfall gelähmt ist, sein Talent als Comiczeichner entdeckt und zu einem weltweit bekannten Comickünstler aufsteigt. Joaquin Phoenix wird ihn spielen, daneben tun Jonah Hill, Rooney Mara und die Sängerin Beth Ditto mit.

Kunst als Therapie: Der Gedanke fasziniert ihn. Callahan hat es gegeben, «eine lustige Figur». Doch die Tragik ist nah: Erst der Unfall und die Querschnittslähmung haben ihn zur Kunst gebracht. Der Film soll 2018 in die Kinos kommen. So, wie man Gus Van Sant einschätzt, wird er für sich sprechen.

Ausstellung in Lausanne bis 7. 1. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2017, 18:53 Uhr

Gus Van Sant

Retrospektive in Zürich

Während der Bush-Jahre drehte Gus Van Sant seine härtesten Filme. Es begann mit «Gerry», einer Reise in die gnadenlose Wildnis. Es folgten «Elephant», eine kontrovers diskutierte Spekulation über Highschool-­Shootings, und der Skater-Film «Paranoid Park». «Last Days», das war Radikalität mit kleinem Budget. Mit dem Biopic «Milk» wurde Van Sants Kino wieder freundlicher. Seither ist er etwas aus der Wahrnehmung verschwunden. Sein Suiziddrama «The Sea of Trees» wurde 2015 in Cannes verrissen. Das Filmpodium, das vom 16. 11. bis zum 31. 12. eine Retrospektive von Van Sants Werk zeigt, hat den Film als Schweizer Premiere im Programm – neben 14 weiteren Werken und zwei Kurzfilmblöcken. (blu)

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