Nur noch ein halber Tizian

Ein neues Gemälde im Kunsthaus Zürich, das bis vor kurzem als echter Tizian galt, wird dem grossen venezianischen Maler jetzt nur noch «zugeschrieben».

«Abendlandschaft mit Figurenpaar», Öl auf Papier (1518–1520) – Tizian oder nicht Tizian? Foto: Kunsthaus Zürich, Geschenk der Dr.-Joseph-Scholz-Stiftung, 2019.

«Abendlandschaft mit Figurenpaar», Öl auf Papier (1518–1520) – Tizian oder nicht Tizian? Foto: Kunsthaus Zürich, Geschenk der Dr.-Joseph-Scholz-Stiftung, 2019.

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Neuerdings handelt es sich bei der «Abendlandschaft mit Figurenpaar» nicht mehr um einen Tizian, sondern bloss um ein Tizian «zugeschriebenes» Werk. Nach unserem Artikel über den zweifelhaften Tizian im Kunsthaus Zürich (13. Juli) nahm das Kunsthaus ein eigentliches Downgrading vor.

Zwischen Echtheit und Zuschreibung liegen Welten: So schreibt die National Gallery in London, dass bei einem Bild, das «attributed to Raphael» sei, ein gewisser Zweifel an der Autorschaft des Bildes bestehe. Auf Auctionnet.com findet man folgende Definition: Das Auktionshaus glaubt, dass es ein Originalwerk ist, aber es ist nicht in der Lage, das zu beweisen. Bei einer Kunstauktion würde der Preis aufgrund eines solchen Downgradings jedenfalls in den Keller sacken.

Das Kunsthaus sieht das anders. Auf unsere Fragen an Direktor Christoph Becker bekamen wir schriftliche Antworten von Philippe Büttner, dem Sammlungskonservator des Kunsthauses. Er schreibt:

«Da das Bild bekanntlich nicht signiert ist, bedarf es einer Zuschreibung. Mit dem Hinweis ‹(zugeschrieben)› machen wir korrekt das erfahrbar, was bereits in der Medienmitteilung thematisiert war: Es handelt sich um ein Tizian zugeschriebenes Werk.» Wobei man zu dieser Antwort anmerken muss, dass es unzählige Werke gibt, die nicht signiert sind und dennoch als echt gelten. Büttner schreibt weiter: «In unseren Augen geht mit der Zuschreibung keinerlei Wertminderung einher. Wir freuen uns über das ausserordentlich schöne und qualitätvolle Gemälde.»

Wackliger Kronzeuge

Die Lage bei den Echtheitsbeweisen ist allerdings prekär und kann den Ansprüchen eines Museums nicht wirklich genügen. Denn nach wie vor gibt es nur einen relativ wackligen Kronzeugen für die Echtheit des Bildes, und das ist der englische Kunsthistoriker Paul Joannides. Büttner ist überzeugt: «Paul Joannides ist einer der besten Kenner gerade des frühen Tizian, seine positive Beurteilung der Zuschreibung an Tizian hat er nicht etwa widerrufen.» Wie das? In unserem Artikel vom 13. Juli haben wir Joannides dahingehend zitieren können, dass er seinen Aufsatz über das fragliche Bild nur für sich selbst geschrieben habe («written rather for myself») und nicht etwa für den englischen Verkäufer des Bildes. Von dieser in einer Mail gemachten Aussage distanziert er sich inzwischen, wie Büttner mitteilt.

Er zitiert aus einem anderen Mail von Joannides: «Ich habe dem, was ich in meinem Aufsatz geschrieben habe, nichts Wesentliches hinzuzufügen oder wegzunehmen.» Im gleichen Mail weist Joannides auch auf seine Expertise im Bereich der venezianischen Malerei des frühen 16. Jahrhunderts hin. Allerdings hat der Kunsthistoriker seine Vermutung, dass die «Abendlandschaft mit Figurenpaar» von Tizian stamme, in keinem seiner Bücher erwähnt. Eigenartig ist auch, dass er das Bild wohl seit nahezu 30 Jahren kennt, aber erst 2018, also bei der Vorbereitung des Verkaufs nach Zürich, den Aufsatz über «Abendstimmung mit Figurenpaar» geschrieben hat.

Büttner nennt weitere Autoren, die sich positiv zur Urheberschaft Tizians geäussert hätten: «Tancred Borenius (1938), Andrea Morassi (1969), Sydney Freedberg (1996), William R. Rearick (2000 und 2001), Matthias Wivel (2018) und schliesslich Paul Joannides (2018 und 2019).» Keiner dieser Autoren gehört allerdings in die erste Liga der Tizianforschung. Von keinem liegt eine schriftliche Expertise vor, die den auch formellen Ansprüchen an ein Echtheitszertifikat gerecht würde. Zudem ist das Bild in keinem der Werkverzeichnisse Tizians erwähnt.

Technische Analysen

Ausräumen könnten die Zweifel an diesem Bild mindestens zum Teil auch technische Analysen. Wir fragten das Kunsthaus, ob die Natur und die Herkunft des Papiers unter die Lupe genommen worden sei, auf dem das Gemälde gemalt wurde. Interessant wäre eine Analyse des Wasserzeichens im Papier, mit dem eine präzise Datierung möglich würde.

Büttner zitiert in seiner Antwort eine kunsttechnologische Untersuchung vom Mai 2018 durch Libby Sheldon in London. Sie kommt zum Fazit, dass die Farben des Gemäldes aus dem frühen 16. Jahrhundert stammen würden und dass «einige technische Verbindungen zum frühen Werk Tizians feststellbar sind». Auch das Papier könnte aus jener Zeit stammen, meint Sheldon. Präziser wird sie nicht. Was das Wasserzeichen angeht, schreibt Büttner, dass auch mit modernsten technischen Methoden ein Nachweis aufgrund der «hier gegebenen Schichtdicke» schwer möglich sei. Allerdings wurde das bislang noch gar nicht versucht.

Das Kunsthaus wirkt überhaupt ziemlich passiv, wenn es um eigene Recherchen, Analysen und Echtheitsabklärungen in Zusammenhang mit der Erwerbung dieses Gemäldes geht. Fast alle Unterlagen, die uns zur Verfügung gestellt wurden, stammen vom englischen Verkäufer. Dabei erfordern die ethischen Standards für Museen, dass beim Kauf neuer Objekte für die Sammlung mit allergrösster Sorgfalt vorgegangen werden muss. Unsicherheiten über die Echtheit eines Werkes müssen auch unbedingt der Trägerschaft, also dem Stiftungsrat des Museums, vorgelegt werden.

Das Gemälde ist offenbar mit Öl auf Papier gemalt, was einmalig ist bei Tizian und erst einmal dagegen spricht, dass es sich überhaupt um einen solchen handelt. Es wurde vor dem Verkauf an das Kunsthaus auf Leinwand geklebt. Um seine Stabilität zu verbessern, heisst es. Leider wird damit aber auch die Analyse des Papiers als Bildträger erschwert. Noch hat sich das Kunsthaus nicht dazu durchringen können, diese Leinwand wieder abzulösen, um eine exakte Papieranalyse vorzunehmen. Damit könnte man die Entstehungszeit des Bildes aber mit Sicherheit genauer bestimmen.

Stiftung geht auf Distanz

Eine irritierende Nachricht stammt schliesslich von der Dr.-Joseph-Scholz-Stiftung. Ursprünglich war die Rede davon, dass diese Stiftung den Tizian dem Kunsthaus geschenkt habe. Auf dem Schild neben dem Gemälde im Museum ist das so vermerkt. Vor einigen Wochen hat sich nun Stiftungsrat Peter Theiler von der Bezeichnung als «Schenkung» distanziert. Die Stiftung habe das Bild nicht geschenkt, sondern dem Kunsthaus bloss die Mittel zum Kauf des Bildes zur Verfügung gestellt, schreibt er in einem Mail, das uns vorliegt. Ist das Haarspalterei, oder stiehlt sich hier die Stiftung aus der Verantwortung? Das Kunsthaus sieht das anders und freut sich wohl auch über die geteilte Verantwortung. Es will die Beschilderung des Bildes nicht noch einmal ändern.

Büttner schreibt: «Die Creditline ‹Geschenk der Dr.-Joseph-Scholz-Stiftung› basiert auf dem Umstand, dass die Stiftung dem Kunsthaus das Geld gibt – schenkt – damit ein Ankauf getätigt werden kann. Die Scholz-Stiftung ist bei allen Phasen eines Ankaufs involviert, nicht zuletzt durch Stiftungsrat Christian Klemm, den ehemaligen Sammlungskonservator des Kunsthauses Zürich und besten Kenner von dessen Altmeistersammlung. Ankäufe erfolgen jeweils einvernehmlich in Absprache zwischen Stiftung und Kunsthaus.»

Erstellt: 09.08.2019, 16:54 Uhr

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