Als es in der Kunst zu schneien begann

Dem Gemälde «Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee» von Pieter Bruegel d. Ä. ist in Winterthur eine hochinteressante Ausstellung gewidmet. Eine Bildbetrachtung.

«Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee», 1563 gemalt von Pieter Bruegel d. Ä. Foto: Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur

«Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee», 1563 gemalt von Pieter Bruegel d. Ä. Foto: Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur

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Das Gemälde «Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee» ist historisch gesehen das erste Tafelbild überhaupt, auf dem Schneeflocken gemalt sind. Es misst nur 35 mal 55 Zentimeter und gehört damit zu den kleineren Formaten Pieter Bruegels des Älteren (1525–1569), der letztes Jahr im Kunsthistorischen Museum in Wien in einer fantastischen Gesamtschau, wie es sie wohl nie wieder geben wird, gefeiert wurde.

Verglichen mit Ambrogio Lorenzettis Fresko «Allegorie des Winters» in Siena, dem frühesten Schneeflockenbild (1337–1339) überhaupt, zeugt es von einem hoch erfreulichen Realismus in der Landschaftsdarstellung. Denn als Betrachter gewinnt man den Eindruck, als ob die weissen Punkte und kleinen Flecken über die ganze, bühnenartig organisierte Szenerie herunterfallen, also auch in der Tiefe des Bildes ihre Spuren hinterlassen und nicht wie bei Lorenzetti nur als Vorhang den Blick auf das Geschehen vernebeln.

Ambrogio Lorenzetti: «Allegorie des Winters» (1337–1339).

Denn zweifellos ist es so, dass im Laufe der Entstehung von Bruegels Gemälde – das man aufgrund einer kaum lesbaren Jahreszahl auf 1563 datieren kann – die Schneeflocken am Schluss kamen und die letzte Malschicht darstellen. Wenn man das bedenkt, dann ist es doppelt erstaunlich, wie geradezu selbstverständlich das Flockige das ganze Bild durchwirkt.

Schneeflocken mit Beinen

Den Menschen auf diesem Bild, die meisten von ihnen stapfen in leicht vornüber gebeugter Haltung durch den Schnee, muss unglaublich kalt sein. Das verleiht wiederum, in einer Art Rückkopplungseffekt, dem Schnee etwas Bedrohliches. Man schaut also beinahe schon in ein Schneegestöber, in dem die Menschen sich nur aufhalten, um sich entweder geschwind fortzubewegen oder etwas zu erledigen, das ihnen dringlich erscheint. Man beachte die beiden Personen, die aus einem Eisloch im Teich mit einem Eimer Wasser geholt haben. Oder jene Frau, die links vorne im Bild Weidenruten von einem liegenden Stamm abschneidet.

Kindliche Freude auf dem gefrorenen Teich. Ausschnitt aus «Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee».

Bei den meisten Personen bleibt aber unklar, was sie genau tun. Der Maler hat sie nur schemenhaft gemalt und mit relativ groben Pinselstrichen auf einen dunklen Körper eine etwas hellere, oft weiss schimmernde Kopfbedeckung gesetzt, sodass die Einzelnen fast wie Schneeflocken mit Beinen aussehen. Das kann, wenn wir die deutlich gezeichneten Figuren auf den anderen Bildern des älteren Bruegels betrachten, nicht zufällig sein. So sticht bei aller so wohlgesetzten Undeutlichkeit das Kind umso mehr heraus, das auf dem Teich herumpaddelt und der einzige Mensch ist, der dieser eiskalten Winterwelt so etwas wie Lust und Freude abgewinnt.

Man ist angesichts der vielen ungenau gezeichneten Figuren geneigt, von einer anonymen Masse zu sprechen, die unter der kalten Witterung leidet. In ihrer Mehrheit zeigen die Menschen auf diesem Dreikönigsbild jedenfalls absolut kein Interesse daran, zu erfahren, was Wunderbares sich zugetragen hat in jenem halb verfallenen Stall, den man nach einigem Suchen dann vorne links im Bild doch noch erkennt.

Jesus wird links liegengelassen

Zwei Figuren – sie gehören wohl zu den Königen aus dem Morgenland, der eine ist golden, der andere dunkelrot gekleidet – knien vor der heiligen Maria und ihrem Sohn. Der dritte König steht vermutlich an der Spitze der kleinen Schlange aus frierenden Menschen, die vor dem Stall warten. Marias Gesicht lugt unter dem Kopftuch hervor. Aber das heilige Kind auf ihrem Schoss bleibt eine Skizze. Von Joseph, dessen Gestalt im Dunklen des Stalls fast verschwindet, ganz zu schweigen.

Die Szene im Stall. Ausschnitt aus «Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee».

Es gibt vermutlich kein Anbetungsbild in der Kunstgeschichte, bei dem das Zentrum des des heiligen Geschehens beiläufiger inszeniert, ja geradezu sprichwörtlich links liegen gelassen wird. Und da wir in diesem Stall mit blossem Auge, also ohne Zoom und andere technische Hilfsmittel, so wenig erkennen, wandert der Blick unweigerlich, gewissermassen von der unsichtbaren Hand der Bildkomposition geführt, von links vorne in die Mitte des Bildes, auf den Dorfplatz, auf dem sich unzählige Menschen tummeln, die alles tun, ausser dem Neugeborenen zu huldigen.

Vom hell erleuchteten Tor im Bildmittelgrund rechts scheint sich gegenläufig zu der Bewegung unserer Augen ein Zug von Menschen und Tieren quer durch das Bild zu bewegen. Packesel und Treiber drängen zum Feuer hinter dem Stall. Eine Gruppe Bewaffneter steht neben dem Tor. Und ziemlich genau im Zentrum der Komposition scheinen sich einige Männer beinahe verschämt aus dem Bild zu stehlen.

Die Gefahr kommt aus der Zukunft

Der suchende Blick entdeckt dann endlich zwischen den beiden Häusern, die den Dorfplatz im Mittelgrund abschliessen, hinter einem Rad eine Gruppe Soldaten, die von einigen Kunsthistorikern mit den Figuren in Bruegels «Bethlehemitischem Kindermord» in Zusammenhang gebracht worden sind. So gesehen bringt Bruegel hier eine bedrohliche Zukunft ins Bild. Es ist, wie wenn die Häscher, hinter denen die Umrisse eines burgartigen Gebäudes sich abzeichnen, jetzt schon bereitstünden, um dereinst die Erstgeborenen niederzumetzeln.

Die Soldaten im Hintergrund. Ausschnitt aus «Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee».

Und wenn man das Gebäude rechts in den Blick nimmt, so erkennt man eine Kirchenruine ohne Dach, die sich in einem derart schlechten Zustand befindet, dass sie niemandem Schutz bieten kann. Der Innenraum ist voller Schutt, auf dem eine Schneedecke liegt, die man sogar durch die hoch über dem Boden liegenden Bogenfenster erkennt. Zudem wird die Mauer zum Dorfplatz hin von einem mächtigen Balken gehalten, dem die Aufgabe zukommt, die marode Kirche – an die sich zum Teich hin noch eine improvisierte, nur mit einem Zeltdach bedeckte Kneipe anlehnt – vor dem Einsturz zu bewahren.

Solche Kirchenruinen sind in der mittelalterlichen Ikonografie oft metaphorisch gemeint. So gesehen entpuppt sich das Bild unversehens als grosse Zeit- und Kirchenkritik. Es erzählt über Flandern in der Mitte des 16. Jahrhunderts: Von einer durch und durch morschen und hohl gewordenen christlichen Kirche. Von einer Bevölkerung, die sich zu Beginn der Kleinen Eiszeit, die um 1550 einsetzt, um nichts als ihre dringendsten Alltagsgeschäfte kümmert. Von einer weit hergereisten Gruppe von Königen, die im Gegensatz zu den Einheimischen dem Gotteskind ihre Aufwartung machen. Und von Soldaten, deren Anwesenheit wie ein Damoklesschwert über dieser alles in allem doch recht unerfreulichen Gegenwart hängt, bei deren Anblick man sich noch heute sprichwörtlich warm anziehen muss.

Erstellt: 22.11.2019, 16:50 Uhr

Ein Meisterwerk

Die Winterthurer Ausstellung «Das Wunder im Schnee» wartet mit den neuesten Erkenntnissen zu Pieter Bruegels (1525–1569) Meisterwerk «Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee» auf. Das relativ kleine Gemälde, das 34,5 mal 55,2 Zentimeter misst, trägt die Jahreszahl 1563 und ist auf eine 0,4 bis 0,6 Zentimeter dicke Holztafel gemalt. Dendrochronologische Untersuchungen haben ergeben, dass es von einer Eiche stammt, die 1553 im Baltikum gefällt worden war. Das Bild wurde 1930 vom Winterthurer Industriellen und Kunstsammler Oskar Reinhart erworben.

In jüngster Zeit wurde es mit allen der Kunstwissenschaft zur Verfügung stehenden bildgebenden Verfahren untersucht, also mit Makro- und Röntgenaufnahmen, Streiflicht- und Infrarotfotografie wie auch der Infrarotreflektografie. Die Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Aufnahmen werden in der Ausstellung gezeigt und diskutiert und sind auch auf der Internetseite Inside Bruegel, die vom Kunsthistorischen Museum Wien letztes Jahr aufgeschaltet wurde, en détail nachzuvollziehen.

In der Ausstellung werden mithilfe von Radierungen stilistische und inhaltliche Vergleiche angestellt, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem einzigen Bruegel-Gemälde, das in einem Schweizer Museum hängt, ermöglichen. (hm)

Die Ausstellung in der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» dauert bis zum 1. März 2020.

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