Ein Kunstlabor in Himmelsnähe

Von Roman Signer bis Marina Abramovic: Auf dem Furkapass entstand zwischen 1984 und 1996 eine zauberhafte Kunstsammlung. Jetzt ist sie in Altdorf ausgestellt.

Passhotel Furkablick: Auf knapp 2500 Metern versammelte der Galerist Marc Hostettler Werke internationaler Kunstschaffender. Foto: PD

Passhotel Furkablick: Auf knapp 2500 Metern versammelte der Galerist Marc Hostettler Werke internationaler Kunstschaffender. Foto: PD

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Man nehme einen roten Coca-Cola-Kühlschrank, stelle eine rote Gasflasche obendrauf und kröne das Ganze mit dem Kopf einer ausgestopften Gämse: Fertig ist das Bergkunstwerk. Ein Readymade, das Tradition und Moderne witzig verbindet.

Wir sind im Passhotel Furkablick angekommen – respektive vielmehr in einer Ausstellung dazu im Haus für Kunst Uri in Altdorf. Als das Hotel Anfang der 1980er-Jahre mangels Rendite den Betrieb einstellte, kam der Neuenburger Galerist Marc Ho­stettler herauf und belebte das imposante Berghaus während zwölf Sommern, von 1984 bis 1996, auf zauberhafte Weise mit seinen Künstlern.

Einer der Ersten war der amerikanische Performancekünstler James Lee Byars, der, wir sehen das auf einem Videofilm, bekleidet mit einem goldfarbenen Anzug und einem schwarzen Hut, auf den Alpwiesen herumstolzierte und dabei von jugendlich wirkenden Zuschauern beobachtet wurde. Lee Byars versprühte bei seiner seltsamen Darbietung etwas Parfüm auf einen Felsbrocken, als wollte er ihn taufen.

Eine Performance gab auch die berühmte Marina Abramovic, die 1984 auf der Furka ihrem damaligen Partner Ulay sieben Stunden lang reglos gegenübersass.

Ein Hut von Beuys?

Das Hotel auf der Furka, nur in den Sommermonaten bewohnbar, wurde im Laufe der Jahre zu einem Bergmuseum voller erstaunlichster Objekte, die immer neue Kunstschaffende hier zurückliessen. Sei das ein Hut in einer Vitrine, den man Joseph Beuys zugeschrieben hat (was die Kritiker aber eher ins Reich der Mythen verweisen). Oder die Schlüssel zu den Zimmertüren, die vom amerikanischen Konzeptkünstler Lawrence Weiner mit einem Metallring versehen wurden, auf dem er die Worte «Covered by clouds» eingravieren liess. Das konnte man ebenso sehr auf die häufigen Wolken über dem Hotel wie auf die wärmenden Duvets auf den Betten beziehen.

Vor allem aber sind es Kunstwerke, Gemälde und Installationen, die auf dem Furkapass geschaffen wurden. Werke von rund sechzig Künstlerinnen und Künstlern kamen zusammen, die normalerweise im Furkablick stehen und hängen und aufbewahrt werden. Die eindrücklichsten und schönsten Objekte sind nun in Altdorf versammelt. Zum Beispiel von Roman Signer die Reste eines Feuerwerks, das er hier 1999 in den Himmel hinaufschickte. Oder von Daniel Buren eine weiss-rot gestreifte Fahne, die vom starken Wind auf dem Berg ganz zerfetzt ist.

Auf der Furka sind Werke entstanden, die wie gute Weine ganz hervorragend altern.

Auch grossartige, konkret-konstruktivistische Gemälde des Genfer Konzeptkünstlers John Armleder gibt es in der Ausstellung zu sehen. Sodann geben Fotos und eine Videoprojektion ein umfassendes Bild von der medienkritischen Performance des Basler Künstlers Remy Zaugg, die 1988 stattfand. Anna Winteler schliesslich, die zurzeit im Kunsthaus Baselland in Muttenz einen grossen Auftritt hat, tanzte 1989 zusammen mit Monika Klingler und einer tragbaren Kamera auf den Wiesen vor dem Hotel.

Staunend standen wir auch vor einem Video über eine Klangskulptur des Zürcher Konzept- und Multimediakünstlers Christoph Rütimann, der im Viertelstundenrhythmus einen ­dröh- nenden, mit einer Gasflamme erzeugten Ton in die Bergwelt hinausschickte.

Vom Schweizer Künstler Ian Anüll hat sich eine Schokoladenverpackung mit einer fliegenden Untertasse erhalten, während die Amerikanerin Jenny Holzer Tischsets mit lauter klugen Sprüchen vollschreiben liess.

So kommt ein hinreissendes Konvolut von Werken zusammen, dem die jetzt stattfindende Musealisierung in Altdorf die gebührende Wertschätzung entgegenbringt. Denn in Hostettlers Kunstlaboratorium sind Werke entstanden, die wie gute Weine ganz hervorragend altern.

Der Stararchitekt renovierte

Was das Altdorfer Museum nicht von der Furka ausleihen konnte, sind das grosse Schaufenster, die Terrasse und die vielen minimalen, aber durchdachten architektonischen Eingriffe, welche der niederländische Architekt Rem Koolhaas dem Hotel verpasste. Seine Renovation wurde 1991 beendet und darf als das bisher einzige Bauwerk dieses Stararchitekten auf Schweizer Boden bezeichnet werden.

Hostettler übrigens zog sich 2004 von der Furka zurück und verkaufte das Hotel samt dazugehöriger Kunst der Alfred-Rich­terich-Stiftung aus Laufen im Kanton Baselland. Diese hat ein Institut Furkablick gegründet, das sich nun unter der Leitung des ehemaligen Stroemfeld-Verlegers Janis Osolin und seiner Frau Huang Qi um den Unterhalt des Gebäudes und die Konservierung der Werke kümmert.

Das Hotel ist nicht mehr in Betrieb, doch in den Sommermonaten kann man im Restaurant einkehren und dabei die Architektur von Koolhaas geniessen. Ist die von Museumsdirektorin Barbara Zürcher, dem Journalisten Thomas Bolli und dem Fotografen Christof Hirtler kuratierte Ausstellung in Altdorf abgelaufen, geht die Kunst wieder hinauf auf den Berg, wo sie bei einigen wenigen Führungen besichtigt werden kann.

Haus für Kunst Uri, Altdorf, bis 26. Mai. www.hausfuerkunsturi.ch

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.03.2019, 06:48 Uhr

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