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Ein Leuchten für London

David Hockney wird diesen Sommer 80 Jahre alt. Die Tate Britain gratuliert dem beliebtesten lebenden Maler des Landes schon jetzt: Mit einer glanzvollen Retrospektive.

In London hat man ihm diesmal ein besonderes Geburtstagsgeschenk überreichen wollen. Kurz vor dem Achtzigsten David Hockneys wartet die Tate Britain mit einer glanzvollen Retrospektive des Lieblings der britischen Kunstszene auf. Über 250 Kostbarkeiten aus sechs Jahrzehnten sind versammelt. Eine Million Besucher werden erwartet. Hockney selbst hat keinen Hehl aus seiner Freude über dieses Präsent gemacht.

Persönlich wird er den britischen Gratulanten die Hand nicht schütteln müssen. Der inzwischen fast taube Maler aus dem nordenglischen Yorkshire lebt zurückgezogen in Kalifornien, in den Hügeln Hollywoods, wo er täglich in der ihm eigenen Obsession weiter arbeitet, experimentiert, mit Pinsel und iPad neue Blicke auf die Welt eröffnet.

Andererseits hat er die Zeit gefunden, dem Londoner Boulevardblatt «The Sun» im Rahmen der Festivitäten einen neuen «Kopf» zu verpassen. Für die (stramm rechte) «Sun», hat er erklärt, habe er seit je eine Schwäche gehabt. Das gab der «Sun» die Chance, ihre Ausgabe vom 3. Februar mit dem für die Frontseite speziell vom Meister geschaffenen strahlenden Sönnchen als «echten Hockney» zu verkaufen. Für 50 Pence pro ­Zeitung «ein prima Deal», da Hockneys Originale längst in die Millionen gehen – und auch die Tate für eine Eintrittskarte 17.70 Pfund (22 Franken) verlangt.

Freizügig am Pool

Die, die Hockneys Kunst schätzen, beklagen sich nicht. Sie finden es nur angemessen, dass der Mann, der als der beliebteste unter den lebenden Künstlern Grossbritanniens gilt, «alte Bekannte» ebenso wie einige neuere Werke unterm Dach der Tate vereint. Die Retrospektive schlägt in der Tat einen weiten und spektakulären Bogen, vom frühen Erfolg der Zeichnungen der 50er-Jahre zu den spielerischen iPad- und iPhone-Ver­suchen der letzten Zeit.

Noch einmal ist man, von Raum zu Raum, eingeladen, den Lebensweg Hockneys mitzugehen, eine Entwicklung couragierter Neuansätze nachzuvollziehen. Noch einmal kann man darüber staunen, wie der bebrillte Galan aus einer nonkonformistischen Working-Class-Familie zum Vorkämpfer sexueller Revolution wurde. Schon 1960, als London noch kein Swinging London war, liess Hockney adrette Jungs mit der Aufschrift «Queen» über seine Leinwände spazieren. Und in den darauf folgenden Jahren brach er mit homoero­tischen Bildern, die von vielen als pro­vokativ empfunden worden, eins der ­zähesten Tabus im Lande: Immerhin war Schwulsein auf der Insel noch bis zum Jahr 1967 strafbar.

1964, als er ins freizügigere Kalifornien auswanderte, rückte er (un-)bekleidete männliche Gestalten, die ihn faszinierten, in einen neuen Rahmen. Das war die Zeit der üppigen Palmen, der endlosen Sprinkler-Anlagen, der berühmten sonnendurchtränkten Swimmingpools. Damals begann ihn jene «ungemalte» Welt der Westküste, bis hin zu den Glas- und Betonfassaden kalifornischer Büroblocks, zu interessieren – und generell die Frage von Perspektive und von bewegter Abbildung. Mit Entwürfen für mobile Opernkulissen und mit ­Fotofragmenten suchte Hockney dem ­fixierten Standpunkt, dem «einäugigen» ­Malen zu entkommen.

Später zerlegte er dramatische Landschaften wie den Grand Canyon in wandgrosse Kombinationen leuchtender Leinwände und produzierte endlose Reihen von Abbildungen, die er als freie Versatzstücke fotokopierte und per Fax in die Welt hinaussandte, zum Selbstzusammenbau. Unermüdlich arbeitete er an neuen Techniken – auch, als er 1997 für acht Jahre in seine alte Heimat Yorkshire zurückkehrte und bei dieser Gelegenheit die nordenglische Landschaft frisch in Augenschein nahm.

Gut gelaunt mit iPad

Seine viel gefeierten Jahreszeiten-Videos aus Yorkshire, die schon bei der grossen Hockney-Ausstellung in der Royal Academy vor fünf Jahren Aufsehen erregten, sind auch diesmal, in der Tate, mit dabei. Um sie zu produzieren, hatte Hockney neun Kameras an einem Land Rover befestigt und genau denselben Weg im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter zurückgelegt.

Ausserdem enthält der Rückblick zum achtzigsten Geburtstag Gutgelauntes wie jene neueren iPad-Zeichnungen, die wie von Zauberhand die eigene ­Entstehung enthüllen, sowie ein paar bislang ungesehene Gemälde aus dem Umfeld der Hockney-Villa hoch über Hollywood (die der Brite einmal von Hitchcocks «Psycho»-Killer Anthony Perkins erstand).

Nicht überall sind diese jüngsten Schöpfungen auf Begeisterung gestossen. Sicher aber demonstrieren sie, dass Hockney noch immer auf der Suche nach neuen Darstellungsweisen ist.

Seine Popularität kann die Tate-­Retrospektive jedenfalls nur steigern. Schon wird eine Rekordzahl an Ticket-Vorbestellungen gemeldet. David Hockney, der alte Rebell, ist zum britischen Markenartikel, zum stolzen Vorzeigestück geworden. Von London aus wird die «Show» nach Paris und von da nach New York weiterziehen.

David Hockney: Tate Britain, bis 29. Mai.

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