Ein Flüchtlingsschiff wird zu Kunst

Die Kunstbiennale Venedig wird ihrem Ruf gerecht, eine wirklich globalisierte Schau zu sein. Sie lockt diesen Sommer mit einem Riesenangebot zeitgenössischer Werke in die Lagunenstadt.

Anklage gegen eine verfehlte und an Unmenschlichkeit nicht zu überbietende Flüchtlingspolitik: Christoph Büchels Flüchtlingsschiff. Foto: Keystone

Anklage gegen eine verfehlte und an Unmenschlichkeit nicht zu überbietende Flüchtlingspolitik: Christoph Büchels Flüchtlingsschiff. Foto: Keystone

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Es ist einmal mehr erstaunlich, was Venedig in diesen Tagen an zeitgenössischer Kunst in seine alten Gemäuer zaubert. Unter der Leitung des amerikanischen Ausstellungsmachers Ralph Rugoff ist eine Biennale entstanden, die alles in allem vielleicht etwas zu wohltemperiert geraten ist und nicht wirklich unter die Haut geht. Dennoch verspricht sie ein grossartiges Erlebnis für jeden, der sich für Kunst interessiert.

Dazu kommen 90 wie immer sehr unterschiedliche Länderpräsentationen. Bemerkenswert: Venezuela, dessen Pavillon unmittelbar neben jenem der Schweiz in den Giardini steht, ist dieses Jahr nicht dabei. Offenbar führten die katastrophalen Zustände in dem Land zu einem Grounding der offiziellen Kulturpolitik. Schliesslich hat die Kunst­industrie, also die Mega­galerien und die meinungsbildenden Sammlermilliardäre, fast jedes Museum und jede Kirche Venedigs in einen Showroom verwandelt. So gibt es parallel zur Biennale unter anderem grosse Ausstellungen zu Jannis Kounellis, Luc Tuymans oder Georg Baselitz.

Exakt 79 Künstlerinnen und Künstler hat der Biennale-Direktor, der im Hauptberuf Direktor der Londoner Hayward-Gallery ist, für sein Projekt begeistern können, das er mit seinem Motto «May You Live in Interesting Times» zwar pessimistisch grundiert, dem er aber durch die ­Unbestimmtheit seines Slogans auch grösstmögliche Offenheit verschafft hat.

Tonangebendes aus Afrika

Von Indonesien bis Mexiko, von Südafrika bis Schweden, von China über Indien bis in die Schweiz sind die Künstler dem Ruf nach Venedig gefolgt, sodass von einem immer wieder beklagten europäischen und amerikanischen Übergewicht nicht die Rede sein kann. Afrikanische und asiatische Positionen erscheinen hier nicht nur geduldet, sondern geradezu tonangebend. So dienen etwa die grandiosen Porträts schwarzer Schönheiten der Südafrikanerin Zanele Muholi als roter Faden in der Ausstellung im Arsenale.

Vielleicht ordnet die schnippische Bemerkung einer Besucherin diese Schau ganz gut ein: Sie meinte, es sei wohl kein Zufall, dass die Galeristen und Messedirektoren über diese Biennale jubelten. In der Tat, Rugoff bewegt sich mit seiner Auswahl an Künstlern grösstenteils in jenem Mainstream, in dem sich auch der Kunstmarkt bewegt. Bemühte sich Adam Szymczyk mit seiner Documenta vor zwei Jahren, mit aller Kraft gegen diesen Strom zu schwimmen, ist Rugoffs Biennale ein Teil davon.

Dabei sind die beiden Ausstellungen von der Machart her gar nicht so unähnlich, denn Rugoff übernimmt von Szymczyk den kuratorischen Trick, die geladenen Künstler gleich zweimal auftreten zu lassen. Während jener sie sowohl nach Athen als auch nach Kassel schickte, sind sie in Venedig sowohl im Arsenale als auch im zentralen Pavillon der Giardini zu sehen, den beiden Orten, die von den Biennale-Direktoren bespielt werden dürfen.

Die Biennale ­bewegt sich in jenem Mainstream, in dem sich auch der Kunstmarkt bewegt.

Es fällt schwer, aufgrund der Heterogenität der Ausstellung so etwas wie eine Ikone zu bezeichnen, die als Zeichen für das Ganze stehen könnte. Am ehesten wäre vielleicht die übergrosse, von Lumpen bedeckte Installation der Chinesin Yin Xiuzhen dazu geeignet. Sie nennt ihren Flugzeugsitz, auf dem ein Passagier so zusammengeklappt sitzt, wie wenn er gerade eine Notlandung zu überleben versuchte, «Trojan». Als ob es, von aussen gesehen, nicht schon genug Pessimismus ausstrahlte, bittet dieses Werk die Besucher auch noch in sein Inneres, auf dass sie sich in einer klaustrophobischen ­Situation ihrer Ausweglosigkeit bewusst werden.

Das Wrack eines Flüchtlingsschiffs, das der Schweizer Christoph Büchel im Hafen beim Arsenale installiert hat, eignet sich dagegen kaum als Pars pro Toto. Der Grund? Es ist viel politischer als das meiste, was hier gezeigt wird. Büchels Schiff ist eine beredte Anklage gegen eine verfehlte und an Unmenschlichkeit nicht zu überbietende Flüchtlingspolitik. Obwohl das zum Kunstwerk erklärte Unglücksboot universal gemeint ist, haben Italiens Rechtspopulisten sofort protestiert, weil hier die Ehre Italiens beschmutzt werde.

Tanzperformance fällt ab

Zu keinen Protesten kam es dagegen beim offiziellen Beitrag der Schweiz. Die Tanzperformance, die sich die in Berlin lebenden Pauline Boudry und Renate Lorenz ausgedacht haben, heisst «Moving Backwards» und versucht, das Zurückweichen – ein Schelm, wem da Marignano in den Sinn kommt – als Strategie zu rechtspopulistischen Tendenzen beliebt zu machen. Leider ist das Tanzprojekt, das in einem 23-minütigen Film dokumentiert wird, an Belanglosigkeit nicht zu überbieten. Die Künstlerinnen sahen sich sodann genötigt, eine umfangreiche Zeitung nachzureichen. Diese konnte das verunglückte Projekt aber auch nicht retten.

Viel besser machen es da die Brasilianer, die nicht zum Zurückweichen auffordern, sondern in «Swinguerra» populäre Tänze zeigen, die in Brasilien unter dem Begriff «swingueira» bekannt geworden sind. Es sind Kampfchoreografien, die zu mitreissender Musik auf der Strasse vorgeführt werden.

Enttäuschend sind die Österreicher mit Renate Bertlmanns kitschigen Rosen aus Murano­glas und die Deutschen, für die Natascha Süder Happelmann eine riesige Staumauer in den Pavillon baute. Dagegen wurde die grandios-poetische Installation von Laure Prouvost zum eigentlichen Geheimtipp der ­ Eröffnungstage. Die Besucher standen ohne weiteres zwei, drei und mehr Stunden vor dem Eingang des französischen Pavillons Schlange.

Umgestülptes Flugzeug

Nachhaltig irritierte schliesslich das umgestülpte Flugzeug, das die Polen sich in ihren Pavillon holten. In einer Zeit, in der mittels Animationsprogrammen am Computer alles verändert und «gemorpht» werden kann, zeigt Roman Stanczak ein reales Flugzeug, dessen Aussenhülle nach innen gestülpt ist, sodass Sitze und Elektrizität aussen zu liegen kommen. Stanczak erklärt, dass sein Werk als Metapher für einen umgekehrten Modernisierungsprozess gedacht sei, indem alle Errungenschaften der Moderne – wie zurzeit in Polen – zum Opfer von Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Ressentiments und Populismus würden.

Bis 24. November

Erstellt: 11.05.2019, 07:11 Uhr

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